Proteste in Minneapolis: Wieso die Situation ausser Kontrolle gerät – und was die Eskalation stoppen könnte

Statt zu beschwichtigen, droht der US-Präsident den Demonstranten, bald die Nationalgarde loszuschicken.

Renzo Ruf aus Washington
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Auch am Freitag haben aufgebrachte Menschen in Minneapolis und St. Paul gegen den Tod des Afroamerikaners George Floyd demonstriert, der bei einem Polizeieinsatz ums Leben kam. Die Proteste sind eskaliert.

Darum ist die Geschichte wichtig

Der Afroamerikaner George Floyd (46) wurde auf brutale Art verhaftet und starb am vergangenen Montag in Polizeigewahrsam. Für viele Amerikaner verdeutlicht der Vorfall, wie brutal Menschen mit dunkler Hautfarbe immer wieder von Ordnungshütern angepackt werden. Obwohl sich Floyd nach heutigem Wissensstand nicht gegen seine Verhaftung gewehrt hatte, wendete der weisse Polizist Derek Chauvin extreme Massnahmen an, um ihn am Boden festzuhalten. Auf einem Video eines Augenzeugen ist zu hören, wie Floyd sagt: «Ich kann nicht atmen.»

Blanke Wut: Eine Demonstrantin schreit bei den Protesten in Minneapolis einen Vertreter der Polizei an.

Blanke Wut: Eine Demonstrantin schreit bei den Protesten in Minneapolis einen Vertreter der Polizei an.

Bild: AP/Keystone (Minneapolis, 28. Mai 2020)

Worum es geht

• Floyd war am Montag festgenommen worden, weil er angeblich gefälschte Dokumente in einem Imbiss verwendet hatte.

• Anfänglich sagte die Polizei, Floyd habe sich gegen seine Festnahme gewehrt. Das Video eines Augenzeugen zeigte allerdings, dass dies nicht stimmt.

• Auf dem Video sieht man den Polizisten Derek Chauvin, wie er mehrere Minuten sein Knie gegen das Genick des am Boden liegenden Floyd drückt.

• Floyd beschwerte sich hörbar darüber, nicht atmen zu können. Dazu blutete er aus der Nase.

• Schliesslich wurde Floyd mit einer Ambulanz abtransportiert. Kurze Zeit später war er tot.

• Am Dienstag entliess Stadtpräsident Jacob Frey, ein linker Demokrat, die an der Verhaftung beteiligten Polizisten. Derek Chauvin, der Polizist der für den Tod von George Floyd verantwortlich ist, befindet sich in Polizeigewahrsam.

• Am Freitagabend (Schweizer Zeit) hat der Staatsanwalt des Bezirkes Hennepin County, zu dem Minneapolis gehört, bekannt gegeben: Er hat eine Strafanzeige gegen den Polizisten wegen Mordes und Totschlag eingereicht. Er rechne mit weiteren solchen Schritten in Bezug auf die anderen beteiligten Polizisten, aber Derek Chauvin sei im Zentrum der ersten Ermittlungen gestanden.

Warum alles eskalierte

• Floyds Angehörige fordern, dass die Polizisten wegen Mordes angeklagt werden.

• Weil der Staatsanwalt bisher von einer Anklageerhebung abgesehen hat, eskalierten die Proteste. Dabei kam es auch zu Plünderungen. In der Nacht auf Freitag ging eine Polizeiwache in Flammen auf.

• Die Demonstranten protestieren in erster Linie dagegen, dass Polizisten Amerikaner mit dunkler Hautfarbe härter anpacken als weisse Mitbürger – und danach ungeschoren davonkommen.

Warum hat sich Präsident Trump eingemischt

• Trump profilierte sich im Wahlkampf 2016 als Politiker, der «Recht und Ordnung» hochhalten wolle. Diese Ankündigung richtete sich auch gegen die Bürgerrechtsbewegung «Black Lives Matter», die gegen Polizeibrutalität protestiert.

• Als die Proteste eskalierten, wiederholte sich das bekannte Muster: Trump beschimpfte in der Nacht auf Freitag die schwarzen Demonstranten als «thugs», als Verbrecher.

• Trump droht mit einem Einsatz der Nationalgarde.

• Weil Trump auf Twitter einen rassistischen Ausspruch bemühte, warnte Twitter seine Nutzer, dass der präsidiale Tweet «Gewalt glorifiziere.»

• Das wird den Konflikt zwischen Trump und Twitter über die angebliche Zensur seiner Tweets weiter anheizen.

Wie das Ganze enden könnte

• Einzig eine Anklageerhebung könnte zu einem Abflauen der Proteste führen.

Video: Demonstranten legen Feuer in Polizeistation