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MISSBRAUCH: Anklage gegen Finanzchef des Vatikans

Ein Missbrauchsskandal holt den australischen Kurienkardinal George Pell ein. Der Finanzchef im Kirchenstaat hat sein Amt vorerst niedergelegt, um sich in seiner Heimat gegen die Vorwürfe zu verteidigen.
Dominik Straub, Rom
Kardinal George Pell bestreitet die Missbrauchsvorwürfe, die gegen ihn erhoben werden. (Bild: Paul Miller/EPA (Sydney, 13. November 2012))

Kardinal George Pell bestreitet die Missbrauchsvorwürfe, die gegen ihn erhoben werden. (Bild: Paul Miller/EPA (Sydney, 13. November 2012))

Dominik Straub, Rom

Der Vizepolizeichef des australischen Gliedstaats Victoria, Shane Patton, hat am Mittwoch bekanntgegeben, dass gegen George Pell Anklage wegen Missbrauchs erhoben werde. Wenige Stunden später trat der 76-jährige Pell gestern im vatikanischen Pressesaal vor die Medien und wies die Vorwürfe entschieden zurück: «Ich bin unschuldig.» Die Vorwürfe seien «vollkommen falsch».

Er sei froh, dies bald vor Gericht beweisen zu können. Um am 18. Juli in Melbourne zur ersten Gerichtsverhandlung erscheinen zu können, hat Pell sein Amt als vatikanischer Finanzchef vor­übergehend niedergelegt. Sobald er seine Unschuld bewiesen habe, werde er in sein Amt zurückkehren und weiterarbeiten, sagte Pell. Für ihn sind die Anschuldigungen nichts anderes als eine «Rufmordkampagne».

Drittmächtigster Mann im Vatikan

Der frühere Erzbischof von Melbourne und Sydney war im Februar 2014 von Papst Franziskus zum Präfekten des vatikanischen Wirtschaftsrats und damit Herr über die Finanzen und weltlichen Besitztümer des Kirchenstaats ernannt worden. Der Australier ist damit der drittmächtigste Mann im Vatikan und der höchste kirchliche Würdenträger, der sich jemals wegen Missbrauchs vor einem Gericht verantworten musste.

Der kräftig gebaute und einen rustikalen Umgangston pflegende Prälat wird im Vatikan von allen nur «der Ranger» genannt. Für das Ausmisten der intransparenten Vatikanfinanzen hatte der Papst einen Mann fürs Grobe gebraucht, und dafür schien der theologisch konservative ehemalige College-Rugbyspieler Pell genau der Richtige zu sein.

Doch nun wird «der Ranger» von seiner Vergangenheit eingeholt. Welche Delikte genau dem Kurienkardinal vorgeworfen werden, hat Shannon nicht bekanntgegeben. Die Ermittlungen gegen Pell waren vor zwei Jahren eingeleitet worden, nachdem sich eine staatliche Untersuchungskommission in Australien während vier Jahren mit dem massenhaften Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Kirchenmänner in den 70er- bis 90er-Jahren befasst hatte.

Zwei Männer erheben Missbrauchsvorwürfe

Vor allem während seiner Zeit als Priester in seinem Geburtsort Ballarat hatten sich diese Missbräuche zum Teil in unmittelbarer Nähe des späteren Erzbischofs und Kurienkardinals abgespielt. Mit einem verurteilten Täter, der über hundert Kinder sexuell missbraucht hatte, lebte Pell sogar im gleichen Priesterseminar. Im vergangenen Juli ­haben zwei Männer schliesslich direkte Missbrauchsvorwürfe gegen den vatikanischen Finanzchef erhoben.

Dass er persönlich Missbräuche begangen habe, hat Pell immer vehement in Abrede gestellt: Nichts sei ihm fremder, so Pell. In Befragungen durch die australische Untersuchungskommission im Jahr 2015 und durch die australische Polizei im Jahr 2016 hatte Pell jedoch eingeräumt, dass die australische Kirche Kindesmissbrauch jahrelang heruntergespielt und «schreckliche Fehler» begangen habe. Auch er selber habe damals «die starke Tendenz gehabt, eher einem Priester zu glauben, der die Taten bestritt, als dem Opfer, das ihn beschuldigte». Pell versicherte indessen, er selber habe nie von irgendwelchen konkreten Taten gehört und diese vertuscht.

Dass der damals höchste Geistliche Australiens trotz seiner Nähe zum Geschehen jahrzehntelang nichts Konkretes gewusst habe, wird ihm freilich immer weniger geglaubt, selbst in Rom. Im Juni 2014 war es deswegen im Vatikan zu einem kleinen Eklat gekommen: Der Engländer Peter Saunders, Mitglied der von Papst Franziskus eingesetzten vatikanischen Antimissbrauchskommission und in seiner Kindheit ebenfalls Opfer eines pädophilen Priesters, hatte den australischen Kardinal frontal attackiert: «Pell spielt ein Spielchen mit der Kommission, aber vor allem mit allen Opfern. Deswegen müsste er vom Papst zurück nach Australien geschickt werden», forderte Saunders. Denn, so Saunders: «Wenn bezüglich sexuellen Missbrauchs Nulltoleranz herrschen soll, dann muss sie für alle gelten.»

Papst stärkt Pell den Rücken

Der Vatikan erklärte gestern, die Anklage gegen Pell mit «Bedauern» zur Kenntnis genommen zu haben, und brachte den «Respekt vor der australischen Justiz» zum Ausdruck. Der Papst stärkte seinem wichtigen und engen Mitarbeiter jedoch sogleich auch den Rücken: «Während seiner dreijährigen Arbeit in der Römischen Kurie hat der Heilige Vater die Ehrlichkeit von Kardinal Pell schätzen gelernt; er ist ihm dankbar für seinen energischen Einsatz bei der Reform der wirtschaftlichen und administrativen Belange der Kurie und für seine aktive Teilnahme im Kardinalsrat zur Kurienreform», erklärte Papstsprecher Greg Burke gestern im Namen Franziskus’.

Ausserdem erinnerte Burke daran, dass Pell Missbräuche durch Priester seit Jahrzehnten als «unmoralisch und intolerabel» brandmarke und dass er in Australien als Erzbischof in seinen Diözesen Prozeduren und Systeme geschaffen habe, um Minderjährige vor Missbräuchen zu schützen.

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