Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

MISSWIRTSCHAFT: Der Seilbahnbauerin von Rom droht ein Prozess

Seit einem Jahr wird die Ewige Stadt von Virginia Raggi regiert. Ihre Bilanz ist äusserst durchzogen. Nun steht sie wegen dubioser Entscheide im Fokus.
Virginia Raggi (Mitte). (Bild: EPA/Giorgio Onorati)

Virginia Raggi (Mitte). (Bild: EPA/Giorgio Onorati)

Vermutlich war die Ankündigung als Befreiungsschlag gedacht: In Rom, erklärte die Stadtregierung vor ein paar Tagen, sollen drei Seilbahnen gebaut werden: «Mit diesem Projekt entwerfen wir die Stadt der Zukunft.» Die Römerinnen und Römer trauten ihren Ohren nicht – aber Bürgermeisterin Virginia Raggi und die für den öffentlichen Verkehr zuständige Stadträtin Linda Meleo meinen das mit den Seilbahnen offenbar sehr ernst.

Das Fehlen von Seilbahnen ist in der Ewigen Stadt bisher von niemandem als Manko empfunden worden. Wohl aber das tägliche Verkehrschaos, die überfüllten, verdreckten und meist verspäteten Busse, die Streiks der U-Bahn. Wegen mangelnder Ersatzteile ist die Hälfte des Fahrzeugparks ausser Betrieb, alle paar Wochen geht ein Bus wegen Selbstentzündung in Flammen auf. «Unsere Bürgermeisterin verwechselt die sieben Hügel Roms wohl mit den Dolomiten», spottete eine Vertreterin der Opposition.

Die Seilbahnen sind nur ein Beispiel dafür, wie fern jeder Realität die 38-jährige Virginia Raggi regiert. Ein anderes Beispiel ist die chronische Abfallkrise. Obwohl sich in den Quartieren immer wieder stinkende Abfallhaufen bilden und Anwohner gelegentlich von Ratten gebissen werden, verkündet Raggi seit Monaten, dass sie das Problem im Griff habe. Einen Plan, die komplett ungenügenden Entsorgungskapazitäten auszubauen, hat Raggi nicht. Den braucht sie aus ihrer Sicht auch gar nicht, denn ihr erklärtes Ziel ist die hundertprozentige Wiederverwertung des Hausmülls. Das Problem ist bloss, dass die Römer das Konzept nicht mitmachen.

Ebenfalls ignoriert hat die Bürgermeisterin in ihrem ersten Amtsjahr die unzähligen Schlaglöcher in den Strassen, die immer wieder zu schweren Unfällen führen. Im Badevorort Ostia helfen sich die entnervten Bürger inzwischen auf ihre Weise: Sie füllen die Schlaglöcher mit Abfall. Damit werden gleich zwei Probleme auf einen Schlag gelöst: Nur für den Gestank müsste noch eine Lösung gefunden werden.

Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen: Mit triumphalen 67 Prozent war Raggi vor einem Jahr zur Bürgermeisterin Roms gewählt worden. Die junge Anwältin wirkte frisch und unverbraucht. Die alleinerziehende Mutter eines achtjährigen Sohnes stand für frischen Wind und für mehr Ehrlichkeit und Transparenz in der korrupten und abgewirtschafteten Hauptstadt Italiens. Für Beppe Grillos populistische Protestbewegung war sie die grosse Hoffnungsträgerin: Nun jedoch geben 68 von 100 Römern in Umfragen an, von der Bürgermeisterin enttäuscht zu sein und nicht daran zu glauben, dass sie das Ruder noch herumwerfen könne.

Womöglich geht die Bürgermeisterin noch trüberen Zeiten entgegen. So hat die Römer Staatsanwaltschaft eine Voruntersuchung abgeschlossen, die sich direkt gegen Virginia Raggi richtet – es droht eine Anklage wegen Amtsmissbrauchs und Falschaussage. Ausgelöst hatte Raggi die Ermittlungen mit dubiosen Personalentscheiden, die im Geruch von Vetternwirtschaft und Korruption stehen. Raggi hat erklärt, dass sie auch im Fall einer Anklageerhebung im Amt bleiben wolle; zurücktreten würde sie erst nach einer Verurteilung. Sie räumte aber ein, dass ihr Amt sie belastet: «Ich bin in zwölf Monaten um zehn Jahre gealtert und habe mein Privatleben verloren.»

Dominik Straub, Rom

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.