Deutschland
Mister Hundertprozent: Rekordergebnis für Martin Schulz bei der Wahl zum Parteichef

Das hat es noch nie gegeben: Martin Schulz erhält bei der Wahl zum SPD-Chef alle gültigen Stimmen. Auf dem "Krönungsparteitag" in Berlin präsentiert sich die Partei wie im Rausch. Der Kandidat hat die nächste Karrierestation schon fest im Blick.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Rhetorisches Geschick, vage Rezepte, 100 Prozent Beifall: Martin Schulz ist Kanzlerkandidat der SPD. Michael Sohn/Keystone

Rhetorisches Geschick, vage Rezepte, 100 Prozent Beifall: Martin Schulz ist Kanzlerkandidat der SPD. Michael Sohn/Keystone

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Kurt Schumacher, der erste Vorsitzende der nach dem Krieg wieder aufgebauten SPD, holte 99,71 Prozent der Stimmen. Das war 1948. Fast 70 Jahre später knackt Martin Schulz diesen Rekord: 100 Prozent der Genossen wählten ihn gestern zum neuen Parteivorsitzenden. 605 gültige Stimmen, 605 Ja-Stimmen, eine historische Wahl. «Das Ergebnis ist der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramtes», ruft Schulz seinen 3500 Anhängern in einem alten Berliner Fabrikgebäude zu. Minutenlange stehende Ovation, ein gerührter Martin Schulz. Eine letzte bittere Pille auch für Sigmar Gabriel, der nach mehr als sieben Jahren an der SPD-Spitze das Zepter Schulz übergibt. Gabriel, nun Aussenminister, erhielt vor zwei Jahren gerade einmal 74 Prozent der Stimmen.

Der Kanzler, einer wie du und ich

In sechs Monaten soll Martin Schulz Angela Merkel von der CDU aus dem Kanzleramt bugsieren. Die SPD ist mit Schulz aus der Lethargie erwacht. Über 80 Minuten dauert die Rede des Kanzlerkandidaten. Es geht um Gerechtigkeit, um Respekt, um Europa und gegen die Feinde der Toleranz. Und wie immer verweist Schulz auf seine Biografie, er berichtet von jungen Jahren, die von Scheitern gezeichnet waren, als er von der Schule flog und nur Fussball im Kopf hatte. Als er seine Sorgen im Alkohol ertränkte, sich hochrappelte, autodidaktisch weiterbildete und an die Spitze hocharbeitete. Schulz will sagen: Ich bin einer von euch. Ich weiss, was die Menschen umtreibt. Ich bin glaubwürdig.

Unter Schulz fühlt sich die SPD irgendwie anders an: «Neuer, attraktiver, elektrisierender», findet Michel Honold, SPD-Mitglied. «Schulz wird Kanzler. Die Stärke von Merkel war die Schwäche der SPD. Diese Zeiten sind vorbei», schwärmt der 25-Jährige. Die Veränderungen in der Gesellschaft hätten die jungen Menschen wieder politisiert. «Die Ist-mir-doch-egal-Stimmung ist durch, in einer Gesellschaft wie dieser, in der Ungerechtigkeit herrscht und Gewalt gegen Ausländer zunimmt, muss man sich positionieren.»

Den Genossen selbst ist der Schulz-Effekt fast unheimlich. 13 000 Neumitglieder zählt die Partei in wenigen Wochen, sie ist in Umfragen mit der Union aus CDU und CSU gleichauf, ein linkes Bündnis aus SPD, Linkspartei und Grünen läge in der Mehrheit, würde jetzt gewählt. Diesen Schulz-Hype sehen manche hier am Parteitag auch etwas kritisch: «Das ist typisch für unsere Gesellschaft. Wir lassen Menschen manchmal übertrieben hochleben, wer Fehler macht, wird erbarmungslos niedergemacht. Das ist auch immer etwas gefährlich», warnt etwa die 60-jährige Christel Reichenbachs.

Inhaltliche Offenheit als Programm

Doch woher kommt dieser Hype um Martin Schulz? «Der hat einfach irgendetwas», hört man Schulz-Fans sagen. Zum Beispiel rhetorisches Geschick: Der neue SPD-Chef redet mehr oder weniger frei, gestenreich, mal wird er laut, mal spricht er sanft. Schulz propagiert Gerechtigkeit, bleibt inhaltlich aber vage. Es müsse Schluss sein «mit dem Lohngefälle zwischen Mann und Frau», auch zwischen Ost- und Westdeutschland, sagt er. Schulz spricht von «gebührenfreier Bildung», fordert einen «Rechtsanspruch auf Plätze an Ganztagsschulen» für berufstätige Eltern. Wie das Ganze finanziert werden soll? Schulz vertröstet auf später. Ein Parteitag Ende Juni soll darüber Aufschluss geben.

Schulz verteidigt abermals seine Forderung nach Korrekturen an der Arbeitsmarktreform Agenda 2010. Wer arbeitslos werde und sich weiterbilde, müsse länger Arbeitslosengeld erhalten. Um möglichst viele Wähler anzusprechen, kündigt Schulz auch einen harten Umgang mit jenen Ausländern an, die sich nicht an die Regeln halten.

«Dieses Verbleiben im Ungefähren macht ihn zur Projektionsfläche ganz vieler Menschen», sagt Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin der «FAZ». Der Politologe geht davon aus, dass die Euphorie einen Dämpfer erhält, sobald es ums Konkrete gehe. «Wenn er sich festlegt in der Flüchtlingsfrage oder der inneren Sicherheit, wird auch er Gegner bekommen. Das wird sich in seinen Umfragewerten niederschlagen.»

Das weiss Schulz: «Ab jetzt beginnt der Kampf», ruft er zum Abschied seinen Anhängern zu.Kommentar rechts