Reportage
Mit 40000 PS durch die Meerenge von Hormus

Eine Fahrt mit dem Hochgeschwindigkeitskatamaran von der omanischen Halbinsel Musandam nach Muscat zeigt: In der vermeintlichen «Krisenregion» ist alles ruhig - nur die vielen Schmugglerboote sind für manche ein Ärgernis

Michael Wrase, Khasab
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Schmugglerware aus Oman für Iran. Im Hintergrund der omanische Hochgeschwindigkeitskatamaran.Michael Wrase

Schmugglerware aus Oman für Iran. Im Hintergrund der omanische Hochgeschwindigkeitskatamaran.Michael Wrase

Langsam schiebt sich die «British Beach» durch das klare Wasser in der Strasse von Hormus. Am dunstigen Horizont schimmert die iranische Küste. Der 298 Meter lange Supertanker ist auf dem Weg von Indien nach Saudi-Arabien. Da der mehr als drei Fussballfelder grosse Koloss keine Ladung hat, wurden die Ballasttanks mit Wasser gefüllt, um die Windangriffsfläche am Schiffsrumpf zu verringern. Zu steuern sei der Supertanker dennoch schwierig. Einfacher lasse sich das Schiff mit voller Ladung – um die 500000 Tonnen Rohöl – manövrieren. Sollte es dann zu Zwischenfällen kommen, betrage der Bremsweg mehr als 13 Kilometer, erklärt Morges Brant.

Der 46-jährige Este ist Kapitän auf der «Hormus». Der omanische Hochgeschwindigkeitskatamaran rast zweimal pro Woche durch die Strasse von Hormus. Vier Dieselmotoren mit einer Gesamtleistung von 40000 PS garantieren eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 95 Stundenkilometern. Wir hatten den Mann aus Tallinn nach den möglichen Folgen eines iranischen Angriffs auf einen Supertanker in der Strasse von Hormus gefragt und stiessen zunächst nur auf ungläubiges Staunen.

«Alles ruhig»

«Hier ist doch alles ruhig», betont der Kapitän der «Hormus» lachend. «Business as usual. Und das seit Monaten», erklärt Marek Kiiver, der Chefingenieur auf dem Hochgeschwindigkeitskatamaran, der an diesem Nachmittag fast 200 Passagiere von der omanischen Halbinsel Musandam nach Muscat, der Hauptstadt des Sultanates Oman, bringt. Unter ihnen sind Touristen aus Deutschland und der Schweiz, von denen einige «mit einem leicht mulmigen Gefühl» die fünfstündige Reise angetreten hatten. Dass sie sich nach den «beängstigenden Zeitungsmeldungen» in einem «möglichen Krisengebiet» aufhielten, war freilich rasch vergessen. Begeistert zückten die Urlauber ihre Kameras, um die auf den Heckwellen des Katamarans tanzenden Delfine zu fotografieren.

Eine an Steuerbord auftauchende Meeresschildkröte löst Begeisterungsstürme aus. «Von Spannungen ist hier wirklich nichts zu spüren», freut sich Jochen, der mit dem Fahrrad von Leipzig über die Türkei, Georgien, Armenien und Iran bis nach Oman gefahren ist. Auch auf der Fähre vom iranischen Hafen Bandar Abbas nach Dubai sei alles «völlig normal gewesen», erzählt der Sachse vergnügt. Zufriedene Iraner, fügt er einschränkend hinzu, habe er nicht angetroffen. Die meisten wünschten Achmadineschad zum Teufel.

Kühlschränke, Fernseher, Auoreifen

Den Eindruck des Radfahrers bestätigt auch die Crew der «Hormus». Den Iranern gehe es schlecht, weiss Omar, der als Matrose auf dem Hochgeschwindigkeitskatamaran arbeitet. Der junge Omani lebt in Khasab. Von der grössten Ortschaft auf der omanischen Halbinsel Musandam rasen jeden Tag bis zu 200 Schnellboote hinüber zur iranischen Insel Queshm. In den 5 Meter breiten und 14 Meter langen Glasfiberflitzern werden Kühlschränke, Fernseher, Autoreifen, manchmal sogar Motorräder und kleine Autos geschmuggelt.

Was die riesigen, wasserdicht verpackten Pakete enthalten, weiss niemand genau. Es handele sich jedoch ausschliesslich um Waren, die im kleinen Basar von Khasab angeboten würden, erklärt Omar. Seine Regierung gestatte den in der iranischen Provinz Hormusgan lebenden Iranern «aus humanitären Gründen» die Einreise ohne Visum. Der Aufenthalt beschränke sich auf sechs Stunden. In dieser Zeit müssten die Iraner ihre Einkäufe tätigen, die dann auf den Schmugglerbooten verfrachtet werden. Um das offenbar für alle Beteiligten lukrative Business zu erleichtern, liess der omanische Provinzgouverneur im letzten Jahr mehrere mit Pontons gestützte Anlegemolen bauen.

Schmuggler behindern Verkehr

Für Kapitän Merges Brant sind die Schmugglerboote «mehr als nur ein Ärgernis». Die vom Radar nur schwer erkennbaren «Flitzer» würden den Verkehr in der Strasse von Hormus behindern. Vor allem in der Nacht müssten Frachtschiffe wie Supertanker «höllisch aufpassen», um Kollisionen mit den von übermütigen Hasardeuren gesteuerten Schmugglerbooten zu vermeiden. Während des iranisch-irakischen Krieges in den 1980er-Jahren hatten die iranischen Revolutionsgardisten mit ähnlichen Schnellbooten Supertanker in der Strasse von Hormus angegriffen.

«Eine Wiederholung der Geschichte» kann sich Kapitän Brant trotz der jüngsten Drohungen Teherans, die Strasse von Hormus zu schliessen, nicht vorstellen. «Alle würden dann verlieren», sagt er und blickt auf sein Identifikationssystem auf der Kommandobrücke der «Hormus», mit dem er per «Mausklick» die Namen aller Schiffe, deren Geschwindigkeit, Position und Zielhafen in einem Radius von über 100 Seemeilen erhält. «Vorausgesetzt», fügt der Este einschränkend hinzu, «sie haben sich angemeldet». Doch darauf verzichteten sowohl die iranischen als auch die amerikanischen Kriegsschiffe.