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LKW-Fahrer auf Morandi-Brücke:
Mit aller Kraft auf die Bremse

Der Lastwagenfahrer, dessen Vehikel beim Brückeneinsturz wenige Meter vor dem Abgrund zum Stehen kam, erwägt eine Schadenersatzklage. Wer an der Tragödie die Schuld trägt, ist nach wie vor unklar.
Dominik Straub, Rom
Luigi Fiorillo konnte seinen Camion nur wenige Meter vor dem Abgrund zum Stehen bringen. (Bild: Antonio Calanni/AP; Genua, 15. August 2018)

Luigi Fiorillo konnte seinen Camion nur wenige Meter vor dem Abgrund zum Stehen bringen. (Bild: Antonio Calanni/AP; Genua, 15. August 2018)

Das Bild ist um die Welt gegangen: Ein Camion mit blauem Führerstand und dem Schriftzug «Basko» auf dem Frachtraum steht auf der Fahrbahn des eingestürzten Morandi-Viadukts – und wenige Meter vor dem Fahrzeug öffnet sich ein Abgrund von fast 60 Metern Tiefe. Darunter, am Talboden des Flusses Polcevera, liegen die mächtigen Trümmer der eingestürzten Brücke und 43 Tote. Der Motor des Camions lief noch mehrere Tage, ebenso die Scheibenwischer – bis der LKW abgeschleppt wurde. Der Camion über dem Abgrund war eines der Symbolbilder des Brückeneinsturzes vom 14. August.

Am Tag der Tragödie war ein heftiges Unwetter über Genua niedergegangen, die Sicht auf der Brücke war schlecht. Der 37-jährige Luigi Fiorillo, der den Camion gesteuert hat, erinnert sich: «Im Moment, als ich auf die Brücke fuhr, überholte mich ein Auto und wechselte dann vor mir wieder in die linke Fahrspur. Plötzlich zitterte alles. Und das Auto vor mir verschwand im Nichts als hätten die Wolken es verschluckt. Ich blickte kurz nach oben und sah, wie der Brückenpfeiler einstürzte. Dann stand ich mit aller Kraft auf die Bremse», berichtete Fiorillo dem «Corriere della Sera». Fiorillo sprang aus der Führerkabine und rannte vom Abgrund weg.

Schlaflosigkeit und Panikattacken

Als die Rettungskräfte ihn aufgriffen, stand er unter Schock. «Ich habe das Inferno gesehen, ich weiss nicht, wie es kommt, dass ich noch am Leben bin», erklärte er nach seiner Entlassung aus dem Spital. Inzwischen hat er wieder begonnen, als LKW-Fahrer zu arbeiten – die beste Therapie, um das Trauma zu verarbeiten. Aber der Horror des Erlebten lässt ihn nicht los. «Fiorillo hat keine physischen Verletzungen davongetragen, aber die psychischen Folgen sind gravierend: Er leidet unter Schlaflosigkeit, Stress und Panikattacken», betont sein Anwalt Pietro Bogliolo. Er erwägt, seinen Mandanten am Prozess zum Brückeneinsturz als Zivilkläger einzuschreiben.

Ein Prozess ist freilich noch in weiter Sicht. Zwar hat die Staatsanwaltschaft gleich nach dem Brückeneinsturz mit ihren Ermittlungen begonnen, doch die Suche nach den Schuldigen erweist sich sowohl technisch als auch juristisch als schwierig. Mit grosser Wahrscheinlichkeit fest steht immerhin, dass ein vermutlich verrostetes Spannseil gerissen ist und damit den Einsturz verursacht hat. Fest steht auch, dass die private Autobahnbetreiberin Autostrade per l’Italia ein Sanierungsprojekt ausgearbeitet hatte, das demnächst hätte ausgeführt werden sollen.

Stararchitekt will neue Brücke schenken

Inzwischen hat der Genueser Stararchitekt Renzo Piano ein Projekt für eine neue Brücke vorgelegt, das er seiner Geburtsstadt schenken will. Es sieht einen Viadukt vor, der ausschliesslich von Stützpfeilern getragen wird. Hohe Pilone mit Spannseilen wie bei der alten Brücke sind nicht mehr vorgesehen. Stattdessen soll die neue Brücke 43 riesige Beleuchtungskandelaber erhalten – für ­jedes der Todesopfer einen. Die Lichtkegel der Lampen sollen die Form von Segeln erhalten.

Wer die neue Brücke bauen soll, ist noch unklar. Die Protestbewegung Cinque Stelle, die grösste Regierungspartei, möchte die Brücke durch den Staat und nicht durch die Autostrade per l’Italia erstellen lassen. Die Cinque Stelle möchten der zur Atlantia-Gruppe der Familie Benetton gehörenden Betreiberin auch gleich noch die Konzession entziehen und das gesamte Autobahnnetz Italiens wieder verstaatlichen. Der kleinere Regierungspartner, die fremden- feindliche, aber wirtschaftsnahe Lega von Innenminister Matteo Salvini, ist aber dagegen. Wie der Streit ausgehen wird, ist derzeit noch offen.

Vorangetrieben wird der Abriss von dem, was von der alten Brücke übrig geblieben ist. Der Morandi-Viadukt soll bis Ende Oktober – so sieht es jedenfalls der Zeitplan vor, den die Betreiberin am Donnerstag vorgelegt hat – teils gesprengt und teils demontiert werden. Den Abrissarbeiten werden 150 Wohnungen zum Opfer fallen, die sich unter der Unglücksbrücke befinden.

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