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Mit russische Härte gegen die Liebe: Wie Moskau vor den Stadtwahlen mit der Opposition umspringt

Moskau wählt am Sonntag sein Stadtparlament. Ljubow Sobol wäre gerne angetreten. Doch stattdessen muss sie jetzt eine Busse bezahlen. Damit gehts ihr aber immer noch besser als jenen Kollegen, die wegen eines Tweets ins Arbeitslager einrücken müssen.
Inna Hartwich aus Moskau
Ljubow Sobol bei einer Demo in Moskau. (Bild: Sergei Ilnitsky/EPA, 31.8.2019)

Ljubow Sobol bei einer Demo in Moskau. (Bild: Sergei Ilnitsky/EPA, 31.8.2019)

Die Polizei kam zum Supermarkt. Am späten Abend. Ljubow Sobol liess die Einkäufe im Auto und ging mit den Sicherheitskräften mit. Sie kennt überraschende Festnahmen. Am Samstag erst hatte sie auf einem Bordstein vor den Demonstranten in Moskau gestanden, hatte gerufen: «Wir haben das Recht, hier zu sein. Wir haben das Recht, unsere Meinung zu sagen. Das Recht, die Freilassung politischer Gefangenen einzufordern.» Ihre Stimme brach fast. Es war eine ungenehmigte Protestaktion, die zum ersten Mal seit Langem ohne Festnahmen ablief. Die folgten erst zwei Tage später. Sobol, die 31-jährige Juristin, kam noch in der Nacht wieder frei. Am Dienstag hat ein Moskauer Gericht die Juristin schliesslich wegen Aufrufs zu einem ungenehmigten Protest zu einer Geldstrafe von umgerechnet 4500 Franken verurteilt.

Ljubow Sobol kennt die Auswüchse der russischen Justiz. Auch die Auswüchse der russischen Politik. Am nächsten Sonntag, dem 8. September, wählt Moskau sein Stadtparlament. Sobol wäre gern für die Wahl angetreten. Doch die Wahlkommission schloss sie und 56 weitere oppositionelle Kandidaten aus fadenscheinigen Gründen aus. Seitdem halten Tausende von Moskauern aus Protest gegen die Unterdrückung der politischen Opposition jeden Samstag «politische Spaziergänge» ab. Spaziergänge, bei denen Nationalgardisten teils brutal zuschlagen. Und nach denen Moskauer Behörden den Demonstranten «Massenunruhen» vor-werfen.

Strafkolonie für einen Tweet

Drei der Beschuldigten verurteilte ein Gericht gestern zu zwei bis fünf Jahren Strafkolonie. Für einen Tweet, für den Einsatz von Pfefferspray und dafür, einen Polizisten geschubst zu haben. «Reine Willkürherrschaft», rief Sobol. Für die Oppositionelle entscheidet sich am bevorstehenden Wahlsonntag nicht weniger als «das Schicksal unseres Landes. Wenn die Mächtigen uns die Chance zur Wahl stehlen, werden sie jede Wahl stehlen. Sie werden uns die Zukunft stehlen», sagt Sobol. So spricht eine, die zu allem entschlossen ist und ihrem Kampf vieles unterordnet. Ihre Familie – und ihre Gesundheit. 32 Tage lang hatte sie gehungert, liess sich, schwach und leise, am Arm von Mitarbeitern dennoch zu Pressekonferenzen führen. Trotz zahlreicher Festnahmen blieb die Jungpolitikerin bislang auf freiem Fuss – weil sie eine fünfjährige Tochter hat. «Mira weiss, dass die Mama gegen Putin kämpft», erzählt Ljubow Sobol gern. Sie bezeichnet sich als Perfektionistin, ärgert sich fürchterlich über Dinge, die sie als ungerecht empfindet. «Mich regen ja schon die zuweilen schief stehenden Schuhe meines Mannes auf. Was soll ich erst über die Lügen der Behörden sagen?», fragte sie einmal. «Für die Liebe», rufen ihre Anhänger bei Protesten. «Ljubow» bedeutet auf Russisch «Liebe».

Sobol wollte zu Nawalny statt zu McKinsey

Sie war 23, als sie als Juristin bei Alexej Nawalny anfing, der Galionsfigur der russischen Opposition. Die Tochter eines Wirtschaftsprüfers und einer Ingenieurin aus einem Moskauer Vorort hatte da gerade mit Auszeichnung ihr Jura-Studium an der renommierten Moskauer Staatsuniversität abgeschlossen und Stellen bei McKinsey und der russischen Zentralbank in Aussicht. Trotzdem entschied sie sich für das damals dreiköpfige Team von Nawalny.

Schnell übernahm sie die Moderation der Morgenshow auf Nawalnys Youtube-Sender und stieg zur Produzentin des Kanals auf, der mehr als eine Million Abonnenten hat. Bereits 2014 wollte sie Abgeordnete des Moskauer Stadtparlaments werden. Die nötigen Unterschriften aber fehlten.

Nun sei «der richtige Zeitpunkt, die Ungerechtigkeiten eines ganzen Systems zu zeigen», erklärt sie immer wieder auf allen Online-Kanälen, die sie geschickt einsetzt. Durch ihre unnachgiebige, auf viele unzugänglich wirkende Art ist Ljubow Sobol zum Gesicht der russischen Opposition avanciert. Ihre Bekannten sagen: «Wenn sie sich ein Ziel gesetzt hat, dann ist sie nicht mehr zu stoppen.»

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