China
#MiTu erfasst das Riesenreich: So umgehen sexuell belästigte Frauen die Zensur der Behörden

Auch in China schlägt die #MeToo-Bewegung hohe Wellen. Millionen Frauen um die 20 Jahre posten Beiträge und diskutieren über sexuelle Belästigung im Alltag – ganz zum Missfallen der chinesischen Führung.

Felix Lee, Peking
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Bereits 2012 empfahl die Betreibergesellschaft der Metro in Schanghai seinen weiblichen Fahrgästen, doch bitte auf das Tragen allzu kurzer Hosen zu verzichten, um nicht Opfer von «Perversen« zu werden.

Bereits 2012 empfahl die Betreibergesellschaft der Metro in Schanghai seinen weiblichen Fahrgästen, doch bitte auf das Tragen allzu kurzer Hosen zu verzichten, um nicht Opfer von «Perversen« zu werden.

PETER PARKS/AFP/ Getty Images

Sexuelle Übergriffe gibt es überall. Die meisten Chinesen aber dachten, in ihrem Land sei das ein kleines Problem. Schliesslich gehe es in China weniger sexualisiert zu als etwa in vielen westlichen Ländern. Und eine Macho-Kultur habe die Volksrepublik auch nicht.

Umso überraschter sind die Chinesen, dass #MeToo nun auch in ihrem Land hohe Wellen schlägt. Das chinesische Pendant #WoYeShi hatte in den sozialen Netzwerken zwischenzeitlich mehrere Hundert Millionen Anhängerinnen und Anhänger. Nun haben sich innerhalb weniger Tage gleich mehrere Dutzend Frauen mit Belästigungs- oder sogar Vergewaltigungsvorwürfen gegen Chefs, Kollegen oder auch Prominente an die Öffentlichkeit gewandt.

Am meisten Aufsehen erregt derzeit der Fall des berühmten Pekinger Geistlichen Xuecheng. Ehemalige Mönche beschuldigen den Abt des Longquan-Klosters und Vorsitzenden der Buddhistischen Vereinigungen Chinas, obszöne Nachrichten an sechs Nonnen geschickt zu haben, in denen er sie unter anderem dazu drängte, Geschlechtsverkehr mit ihm zu haben.

Er soll behauptet haben, der Sex sei Teil der buddhistischen Lehre. Vier der Frauen hätten sich darauf eingelassen.

«Ganz normal in der Branche»

Ebenfalls für grosse Empörung sorgt der Fall des prominenten Journalisten Zhan Wen. Eine Kollegin wirft ihm vor, sie sexuell belästigt zu haben. Zhang Wen hingegen rechtfertigt sich, alles sei im gegenseitigen Einverständnis geschehen. «Sich zu küssen und zu umarmen» sei doch ganz normal in der Branche. Sechs weitere Frauen haben ähnliche Vorwürfe erhoben.

Ihren Anfang nahm die chinesische #MeToo-Bewegung mit dem Fall des Pekinger Hochschullehrers Chen Xiaowu an der renommierten Pekinger Beihang Universität. Sechs ehemalige Studentinnen warfen ihm vor, sie über mehrere Jahre hinweg regelmässig sexuell belästigt zu haben.

Eine seiner ehemaligen Doktorandinnen veröffentlichte ihre Anschuldigung auf dem chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo und versah die Nachricht mit #MeToo. Ihr Eintrag ging in China viral.

Nach wochenlangen Protesten an landesweit mehr als 40 Universitäten wurde Xiaowu von der Unileitung entlassen. Das Bildungsministerium kündigte an, Mechanismen gegen sexuelle Belästigung auf Universitätsgeländen einzuführen. Man habe «null Toleranz» gegenüber sexuellem Fehlverhalten, hiess es.

Die Massnahmen sollten sich vor allem gegen Professoren und anderen höher gestellten Bedienstete richten. Doch viel ist nicht passiert.

Im Gegenteil: Der ehemalige Hochschullehrer gab sich zunächst selbstbewusst. Ihm müsse erst einmal Fehlverhalten nachgewiesen werden. Chen setzte offenbar darauf, dass die Frauen nicht bereit sein würden, Details preiszugeben. Eine bei sexuellen Vorfällen in China häufig anzutreffende Reaktion: Die Opfer sind selbst schuld.

Noch immer ist die Vorstellung weit verbreitet: Wer sexuell belästigt wird, muss dies entsprechend auch provoziert haben. Daher kommt es in China wegen sexueller Gewalt auch nur selten zu Anzeigen, geschweige denn zu Verurteilungen. «Die meisten Opfer trauen sich nicht», beklagt Wang Ming, eine der Mitinitiatorinnen der Protestaufrufe.

Anders als in den USA haben sich in China nur wenige Prominente geoutet. Auch Frauen über 30 beteiligen sich kaum an dem Protest. Dass Xiaowus Doktorandin sich traute, sei ihren eigenen Aussagen zufolge dem geschuldet, dass sie seit Jahren in den USA lebe.

Reis und Hase

Getragen wird die Bewegung von Frauen um die 20. Sie posten zu Millionen #WoYeShi-Beiträge und diskutieren über sexuelle Belästigung im Alltag.

Die chinesische Führung hat diesen Protest anfangs gewähren lassen. Jetzt aber scheint es ihr zunehmend unwohl zu sein mit der Offenheit ihrer Bürgerinnen. Die Petition der Studenten von Anfang Jahr ist im chinesischen Internet nicht mehr zu finden.

Neue #MeToo-Einträge in den Sozialen Netzwerken sind oft nach wenigen Minuten bereits zensiert und gelöscht. Die Aktivistinnen lassen sich nicht beirren. Ihr neuer #Hashtag, der inzwischen ebenfalls mehr als eine Million Mal weiter geleitet wurde, trägt die Schriftzeichen für «Reis» und «Hase». Auf Chinesisch ausgesprochen ergibt das: «MiTu».

Handelsstreit: Boom vor dem Sturm: Chinesische Exportwirtschaft floriert – trotz neuen US-Zöllen

Bislang konnten die US-Strafzölle der chinesischen Exportwirtschaft nicht viel anhaben. Im Gegenteil: Der chinesische Überschuss im Handel mit den USA blieb im Juli mit über 28 Milliarden Dollar nahe beim Rekordwert vom Juni, als das Handelbilanzdefizit zwischen den beiden grössten Volkswirtschaften der Welt mit 29 Milliarden Dollar so hoch war wie noch nie.

Wie das chinesische Zollamt am Mittwoch mitteilte, legten Chinas Ausfuhren in die Vereinigten Staaten um 11,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zu. Ökonomen führen Chinas anhaltend positive Handelszahlen darauf zurück, dass US-Unternehmen noch möglichst viele Geschäfte abwickeln wollen, bevor weitere Zölle erhoben werden. Und die hat der US-Präsident auch schon konkretisiert.

Wie das Weisse Haus in der Nacht auf Mittwoch mitteilte, sollen am 23. August weitere Strafzölle gegen China in Kraft treten. Sie würden 279 Waren im Wert von 16 Milliarden Dollar treffen. Betroffen sind Metalle, Chemikalien und Elektronik, die chinesische Unternehmen nur noch mit einem Aufschlag von 25 Prozent in die USA verkaufen dürften. Kurze Zeit später kündigte das Handelsministerium in Peking Abgaben in gleicher Höhe auf Öl, Kohle, Stahl und Medizintechnik aus den USA an. Die Abgaben sollen zeitgleich zu den US-Zöllen in Kraft treten.

Bereits am 6. Juli hatten beide Länder gegenseitige Zölle in Höhe von 25 Prozent auf Importe im Wert von jeweils rund 34 Milliarden US-Dollar erhoben. Und beide Seiten bereiten weitere Strafpakete vor. Trump hat in Erwägung gezogen, auf sämtliche Waren aus China Strafzölle zu erheben. Da China nicht so viel aus den USA einführt wie umgekehrt, erwägt die Führung in Peking wiederum Strafmassnahmen gegen US-Unternehmen, die in der Volksrepublik tätig sind.

Direkte Auswirkungen der US-Strafzölle auf chinesische Produkte seien bislang grösstenteils durch die jüngste Abwertung des Yuan gedämpft worden, erklärt Julian Evans-Pritchard vom Analysehaus Capital Economics das derzeit noch positive Ergebnis für Chinas Exportwirtschaft.

Dies sei allerdings keineswegs auf eine gezielte Währungsmanipulation zurückzuführen, wie sie Trump der chinesischen Führung mehrfach vorgeworfen hat, betont der US-Ökonom Joseph Stiglitz. «Mit abnehmender Nachfrage nach chinesischen Waren wird sich der Wechselkurs des Renminbis automatisch abschwächen, und zwar ganz ohne staatliche Intervention.»

Dies gleiche die Auswirkungen der US-Zölle teilweise aus. Stiglitz hält das Vorgehen der US-Regierung für das eigene Land für kontraproduktiv. Sie würde Chinas Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Ländern langfristig noch mehr stärken.