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Mobilität in aller Welt: Zeit sparen mit Wildfremden

In der amerikanischen Hauptstadt Washington existiert seit den 1970er-Jahren ein besonderes System für Mitfahrgelegenheiten.
Renzo Ruf aus Washington
Pendler warten in Washington auf eine Mitfahrgelegenheit in Richtung Agglomeration. (Bild: The Washington Post/Getty Images)

Pendler warten in Washington auf eine Mitfahrgelegenheit in Richtung Agglomeration. (Bild: The Washington Post/Getty Images)

Es ist kurz nach 7 Uhr morgens, ich sitze mit zwei wildfremden Frauen in einem schnittigen Sportwagen und brause mit 105 Kilometern pro Stunde über die Autobahn. Wäre das Ziel der Fahrt nicht die amerikanische Hauptstadt, müsste man sich wohl Sorgen um meine Ehe machen. So aber bin ich bloss Teil einer informellen Gemeinschaft von Berufspendlern, die jeden Tag dafür sorgt, dass die Autobahn 395, die von den Vororten Washingtons im Bundesstaat Virginia direkt ins Stadtzentrum führt, weniger verstopft ist.

«Slugging» heisst diese Besonderheit im Volksmund und der Mitfahrdienst existiert bereits seit den 1970er-Jahren – auch wenn sich niemand so recht daran erinnern kann, wann genau der erste «Slugger» unterwegs war. Dazu muss man wissen: Die Autobahn 395 ist in der Rushhour notorisch verstopft, bewegen sich doch täglich gegen 200 000 Fahrzeuge auf der Einfallsachse. In der Mitte der Autobahn befinden sich zwei abgetrennte Fahrspuren, die am Morgen in Richtung Washington und am Abend in Richtung Agglomeration geöffnet sind. In der Stosszeit sind diese Spuren für Fahrzeuge reserviert, in denen mindestens drei Personen sitzen. Im Bürokratenenglisch heisst dies: «HOV-3», wobei HOV für «High Occupancy Vehicle» steht. Zwar kommt es auch auf den HOV-3-Spuren hin und wieder zu Staus, gerade nach Verkehrsunfällen, aber gemeinhin dauert die Fahrt 20 oder 30 Minuten weniger lang.

Fein säuberlich aufgereihte Warteschlangen

Findige Köpfe kamen deshalb nach der Eröffnung der 21 Kilometer langen HOV-3-Spuren auf die Idee, Fahrgemeinschaften zu organisieren. Und weil es vor 30 oder 40 Jahren noch keine Smartphones gab, einigten sich die ersten «Slugger» auf eine einfache Lösung. Seither versammeln sich in Virginia Berufspendler, die auf eine Mitfahrgelegenheit angewiesen sind, entlang von Hauptverkehrsachsen auf Parkplätzen in der Nähe von Autobahnauffahrten. Dort warten sie jeden Morgen auf Autofahrer, die noch nicht genügend Passagiere an Bord haben, um die HOV-Kriterien zu erfüllen.

Das funktioniert überraschend gut, wie ein Praxistest auf einem Park+Ride-Abstellplatz in Springfield (Virginia) zeigt. Fein säuberlich haben sich in den frühen Morgenstunden zwei Menschenschlangen gebildet. Die eine ist für Pendler, die ins Pentagon müssen, dem Hauptsitz des Verteidigungsministeriums, in dem gegen 26 000 Menschen arbeiten. Die andere ist für Menschen, die im Zentrum von Washington arbeiten. Ich reihe mich in die zweite Schlange ein, und schaue interessiert zu, wie ein Autofahrer nach dem anderen sich seine Passagiere aussucht. Das geht etwa so: Ein älterer Mann in einem Mittelklassewagen stoppt sein Auto und lässt die Scheibe auf der Fahrerseite herunter. Er sagt: «Zwei zur 14. Strasse und H», einer Kreuzung direkt beim Weissen Haus. Eine Frau in der Warteschlange wiederholt die Ansage, und innerhalb weniger Sekunden steigen zwei Pendler ins Auto ein. Next!

Der Passagier hat zu schweigen

Meine Fahrerin ist auf dem Weg zum L’Enfant Plaza in Washington, einer trostlosen Ansammlung von Bürogebäuden. Als ich sie frage, ob ich vorne oder hinten sitzen solle, sagt sie: «Sie können wählen.» Ich entscheide mich für den Beifahrersitz, halte mich fortan aber still. Denn das ist eine informelle Regel des «Slugging»: Die Passagiere sprechen nur, wenn sie gefragt werden. Eine andere Regel: «Slugging» ist für die Mitfahrer gratis, und sie müssen sich nicht am Benzingeld beteiligen. Anfänglich habe ich ein flaues Gefühl in der Magengegend, als sich «meine» Fahrerin vom Abstellplatz zur I-395 aufmacht und über eine separate Auffahrt auf die HOV-3-Spuren einfädelt. Als wir am ersten Stau auf den regulären Spuren vorbeiflitzen, entspanne ich mich.

Als ich später am Telefon David LeBlanc von meinen Gefühlen erzähle, lacht der ehemalige Berufsmilitär. «So geht es anfänglich fast allen»: Zuerst koste es Überwindung, ins Auto einer fremden Person zu steigen, dann merke man aber, wie viel Zeit man spare. Und wie flexibel «Slugging» sei, weil man sich vorgängig nicht verpflichten müsse. LeBlanc ist der informelle Sprecher der «Slugger», weil er im Internet eine Informationsplattform betreibt und seit Jahren versucht, die Washingtoner Besonderheit Verkehrsplanern und Journalisten näherzubringen. LeBlanc weist darauf hin, dass es rund zwei Dutzend Punkte in der Agglomeration von Washington gebe, an denen Autofahrer Passagiere aufladen – entlang der I-395 und ihrer Verlängerung, der I-95. Am Nachmittag warten die «Slugger» an designierten Stellen im Stadtzentrum von Washington oder auf dem Parkplatz des Pentagons auf Mitfahrgelegenheiten.

Gegen 10 000 Nutzer pro Tag

LeBlanc schätzt die Zahl der täglichen «Slugger» auf gegen 10 000. So genau wisse dies aber niemand. Bekannt hingegen sei, dass es in all den Jahren selten bis nie zu Zwischenfällen kam. Hin und wieder gebe es Beschwerden über unvorsichtige Fahrer oder dreckige Fahrzeuge, aber dies spreche sich jeweils rasch herum – auch weil sich stets mindestens drei Personen in einem Auto befinden. Dies sei der Grund für den Erfolg des «Slugging» in Washington, sagt LeBlanc: Weil sich nie ein Passagier ganz allein im Auto eines wildfremden Fahrers aufhalte, habe es bisher keine ernsthaften Zwischenfälle gegeben.

Ich verlasse den schnittigen Sportwagen gegen 7.30 Uhr, an einer Kreuzung beim L’Enfant Plaza. Danke schön, sage ich meiner Fahrerin. Dann gehen wir getrennte Wege.

Sommerserie: Wie bewegen wir uns fort? In loser Folge stellen wir Mobilitätskonzepte aus der ganzen Welt vor.

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