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MONTENEGRO: Aufgestaute Wut der montenegrinischen Nato-Gegner

Der Granatenanschlag auf die US-Botschaft in der Hauptstadt Podgorica wirft erneut ein Schlaglicht auf das kleine Balkanland. Seit dem Zerfall Jugoslawiens ist Montenegro zerrissen zwischen Ost und West.
Die US-Botschaft in der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica. (Bild: KEYSTONE/EPA/BORIS PEJOVIC)

Die US-Botschaft in der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica. (Bild: KEYSTONE/EPA/BORIS PEJOVIC)

Gestern kurz nach Mitternacht warf ein Mann eine Handgranate auf das Gebäude der amerikanischen Botschaft in der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica. Ursprünglich war von einem Selbstmordanschlag die Rede, doch das Nachrichtenportal «Analitika» berichtete, der mutmassliche Täter sei gestolpert, als er die zweite Granate gegen das Botschaftsgebäude habe werfen wollen. Es sei niemand zu Schaden gekommen, hiess es von Seiten der Botschaft.

Die montenegrinischen Behörden bestätigten bislang nur die Tat. Über die Identität des Täters gaben sie bislang nichts preis. Nur die Zeitung «Vijesti» will aus Polizeikreisen erfahren haben, dass es sich um einen 43-jährigen Ex-Soldaten namens Dalibor Jaukovic handele, der im serbischen Kraljevo geboren und zuletzt in Podgorica wohnhaft gewesen sei. Jaukovic habe sich auf Facebook als entschiedener Gegner der Nato-Mitgliedschaft Montene-gros deklariert. Er sei 1999 von der jugoslawischen Armee für «besondere Verdienste um das Vaterland» vom damaligen Präsidenten Slobodan Milosevic ausgezeichnet worden. In diesem Jahr hatte die Nato den Krieg in Kosovo mit Bombardements auf serbische Stellungen beendet.

EU-Mitgliedschaft könnte sabotiert werden

Der Anschlag erinnert an den nach wie vor ominösen Putsch gegen Montenegros damaligen Premier Milo Djukanovic am 16. Oktober 2016. Seit letztem Herbst läuft ein Prozess gegen ein 14-köpfiges Komplott, das laut Anklage von russischen Geheimagenten angeführt worden sein soll. Dabei sollte der prowestliche Djukanovic ermordet und ein prorussisches Regime installiert werden, um den bevorstehenden Nato-Beitritt Montenegros zu verhindern. Djukanovic bezichtigte damals die Oppositionspartei Demokratische Front (DF), von Russland bezahlt, mit Waffen beliefert und politisch gesteuert zu werden. Die beiden DF-Anführer Andrija Mandic und Milan Knezevic, die ebenfalls vor Gericht stehen, behaupten hingegen, Djukanovic habe den Putsch aus wahltaktischen Motiven selbst inszeniert, um die Opposition zu diskreditieren.

Die Nato-Mitgliedschaft Montenegros konnte Russlands Präsident Wladimir Putin, der die gesamte Balkanregion dem Westen entreissen will, nicht verhindern; die kleine Bergrepublik an der Südadria, die gerade einmal 620000 Einwohner zählt, ist seit dem vergangenen Sommer 28. Mitglied des westlichen Verteidigungsbündnisses.

Aber die EU-Mitgliedschaft könnte sabotiert werden, sollten künftig gewaltsame Proteste die politische Stabilität erschüttern. Brüssel hatte in seiner jüngsten Erweiterungsperspektive für sechs Balkanländer bis 2025 Montenegro als einen der aussichtsreichsten Beitrittskandidaten bezeichnet. Als Alternative bietet Russland diesen Ländern den Eurasischen Wirtschaftsraum (EAWU) an, der jedoch für den prowestlichen Teil der Bevölkerung weniger attraktiv ist als die Europäische Union.

Grosse Spaltung in der Bevölkerung ignoriert

Djukanovic, seit dem Zerfall Jugoslawiens die dominierende politische Figur Montenegros, hat die Spaltung in der Bevölkerung bisher ignoriert. Er scheute ein Referendum über den Nato-Beitritt – liess diesen per Regierungsmehrheit beschliessen. Doch im Land gibt es eine starke Volksgruppe (etwa 35 Prozent der Bevölkerung), die prorussisch ist und sich an der Mutterrepublik Serbien orientiert. Nachdem Djukanovic die Anti-Nato-Proteste brutal niederschlagen und deren Rädelsführer vor Gericht stellen liess, hat sich viel Wut aufgestaut. Die Unruhen könnten während der EU-Beitrittsverhandlungen wieder ausbrechen.

Rudolf Gruber, Wien

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