«Es ist komplett zweitrangig, warum das Feuer im Flüchtlingslager ausbrach - es droht eine Katastrophe»

Die Schweizer Flüchtlingshelferin Raquel Herzog berichtet über die Situation im abgebrannten Lager Moria. Sie erklärt, warum es harzt mit der Hilfe.

Pascal Ritter
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Spricht von einer Katastrophensituation: Hilfswerkgründerin Raquel Herzog.

Spricht von einer Katastrophensituation: Hilfswerkgründerin Raquel Herzog.

AFP/ZVG/Montage_CH Media

Im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos ist in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ein Feuer ausgebrochen. Weite Teile des Lagers sowie der inoffiziellen Zeltsiedlung rund herum sind zerstört.

Raquel Herzog ist seit dem Jahr 2015 auf der Insel in der Flüchtlingshilfe aktiv und hat das Hilfswerk SAO für Frauen auf der Flucht gegründet. Sie steht permanent im Austausch mit ihren Mitarbeiterinnen vor Ort.

Ihre Organisation SAO Association betreibt auf der Insel Lesbos ein Tageszentrum für Frauen auf der Flucht. Was wissen Sie über die Situation vor Ort?

Das ganze offizielle Camp Moria ist zerstört. Es stehen nur noch die Baracken im Eingangsbereich. Im zerstörten Bereich gibt es offiziell 2700 Schlafplätze in Containern. Zählt man die Zelte dazu, die auf jedem freien Quadratmeter stehen sind es 5000 Personen. Hinzu kommen die inoffiziellen Camps rund herum. Ich rechne damit, dass das Feuer rund 8000 Flüchtlinge obdachlos macht.

Zunächst gab es Berichte über Tote und Verletzte. Bestätigt wurde diese aber nicht. Wie ist ihr Kenntnisstand?

In der Nacht kursierte ein Video mit brennenden Zelten. Ein Flüchtling schrieb dazu, er habe zwei Menschen brennen sehen. Aber was aus diesen Personen wurde und ob die Information überhaupt stimmt, weiss ich nicht. Die Situation ist chaotisch. Heute Vormittag erreichte mich die Nachricht, das Feuer sei wieder neu ausgebrochen.

Das Lager wurde in der Nacht Raub der Flammen.
15 Bilder
Die Container der Flüchtlinge brannten aus.
Fast das gesamte Lager brennt.
In den frühen Morgenstunden wütete das Feuer weiter, angefacht von Winden mit bis zu 70 Stundenkilometern.
Menschen auf der Flucht.
Zuletzt leben dort nach Angaben des griechischen Migrationsministeriums rund 12 600 Flüchtlinge und Migranten - bei einer Kapazität von gerade mal 2800 Plätzen.
Ein Feuerwehrmann in Moria.
Menschen in Moria.
Diese Flüchtlinge sammelten sich auf einer Brücke, um den Flammen zu entkommen.
Ein Teil des Lagers in Schutt und Asche.
Flüchtlinge vor einem verlassenen Haus.
Viele Flüchtlinge wurden evakuiert.
Flüchtlinge versuchten den Hafen von Mytilini zu erreichen. Die Polizei blockierte Strassen.
Unterwegs, auf der Flucht vor den Flammen.
Unterwegs, auf der Flucht vor den Flammen.

Das Lager wurde in der Nacht Raub der Flammen.

Bild: Panagiotis Balaskas / AP

Wie geht es Ihren Mitarbeiterinnen auf der Insel?

Den Mitarbeiterinnen geht es gut. Sie versuchen die Frauen aus dem Camp zu erreichen, was oft nicht klappt. Wir gehen aber noch nicht vom Schlimmsten aus, weil es gut sein kann, dass sie kein Guthaben auf dem Telefon und keinen Zugang zu gratis Internet haben.

Konnten sich die Frauen, denen Sie helfen, vor den Flammen in Sicherheit bringen?

Wir wissen es noch nicht sicher. Jemand berichtete, die Polizei habe zuerst versucht, Bewohner des Camps daran zu hindern, die Anlage zu verlassen. Als dann das Ausmass des Brandes klar war, ermutigten die Beamten die Menschen zu fliehen. Beim Bereich der Minderjährigen, der zusätzlich eingezäunt ist, soll es zu Handgreiflichkeiten gekommen sein.

Was könnte die Ursache sein für den Brand?

Es sind diverse Spekulationen im Umlauf. Offenbar soll es an mehreren Stellen gebrannt haben. Es wird gesagt, dass Flüchtlinge aus Protest gegen die achte Verlängerung des Lockdowns Feuer gelegt hätten. Auch über einen Anschlag von Faschisten, die in letzter Zeit sehr aktiv sind auf der Insel wurde spekuliert. Mehre Gebäude von NGOs wurden beschmiert und als Hilfswerk (MKO) markiert, unter anderem auch unseres.

Könnte es auch sein, dass das Feuer versehentlich ausbrach und sich durch den Wind schnell verbreitete?

Ja, auch das ist möglich. Es gab immer wieder kleinere Feuer. Gaskocher explodierten. Oder in einem Zelt fing eine Decke Feuer, die zu nahe an einer Heizung lag. Es war aber von aussen deutlich sichtbar, dass das Feuer an weit entfernten Stellen loderte. Es sah so aus, als wäre es gleichzeitig an verschiedenen Orten ausgebrochen.

Auf welche Quellen stützen sich Ihre Aussagen?

Auf Gespräche mit Menschen vor Ort und Informationen aus Chatgruppen. Für mich ist es aber komplett zweitrangig, warum das Feuer ausbrach. Wir haben nun rund 8000 Leute, die obdachlos sind. Es gibt 25 bestätigte Covid-Fälle in Moria. Nachdem 2000 Tests gemacht wurden. Es droht eine Katastrophe.

Was befürchten Sie?

Dass die Stimmung kippt. Wir haben Leute auf der Insel, die nicht wollen, dass Lesbos in Europa als Hölle gesehen wird. Rechtsextreme kamen auf die Insel und schüren unter den Einwohnern fremdenfeindliche Stimmung. Nun haben wir Tausende Obdachlose Flüchtlinge. Die ziehen dann notgedrungen einen Olivenhain weiter, was einen weiteren Bauern – zu Recht – verärgern wird. Ich befürchte, dass es zu Zusammenstössen zwischen der lokalen Bevölkerung und Rechtsextremen auf der einen Seite und Flüchtlingen auf der anderen Seite kommt.

Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden?

Seit März setzen wir uns mit #evakuierenjetzt dafür ein, dass das Camp evakuiert wird. Es wird oft von unbegleiteten Minderjährigen geredet, die in die Schweiz kommen dürfen. Dabei ist das keine Humanitäre Geste sondern eine Pflicht, welche die Schweiz gemäss Dem «Dublin Vertrag» sowieso hat. Man müsste zudem nicht nur Kinder, sondern auch besonders verletzliche Frauen evakuieren. Es kann nicht sein, dass traumatisierten Frauen auch noch die Vergewaltigung in einem überfüllten Camp droht. Wir haben eine Situation wie nach einem Erdbeben. Eine Katastrophensituation. Europa müsste Griechenland unterstützen. Wenn sich in Umbrien ein Erdbeben ereignet, würde ganz Europa am nächsten Tag Häuser bauen. So sollte auch jetzt gehandelt werden.

Aber Griechenland scheint, das Problem alleine lösen zu wollen.

Das ist noch nicht restlos bestätigt. Das Problem ist aber, dass weder Griechenland noch Europa oder die Schweiz in Lesbos humane Zustände will. Die katastrophalen Zustände sollen Flüchtlinge davon abhalten, überhaupt in Richtung Europa aufzubrechen. Es geht um Abschreckung.

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