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MOSKAU: Für Alexei Nawalny ist Russland grösser als Wladimir Putin

Er könnte Präsident Wladimir Putins grösster Konkurrent bei den Wahlen im März werden. Der russische Oppositionspolitiker Alexei Nawalny über seinen Wahlkampf, seine Motivation und Faschismus in Russland.
Stefan Scholl
Alexei Nawalny, russischer Oppositionsführer, nimmt eine Ansprache im Büro der von ihm gegründeten Stiftung gegen Korruption auf. (Bild:)

Alexei Nawalny, russischer Oppositionsführer, nimmt eine Ansprache im Büro der von ihm gegründeten Stiftung gegen Korruption auf. (Bild:)

Interview: Stefan Scholl

Alexei Nawalny, Sie wollen bei den Präsidentschaftswahlen im März gegen Präsident Wladimir Putin antreten. Aber was tun Sie, wenn die Behörden ihre Ankündigung wahr machen und sie erst gar nicht als Kandidaten zulassen. Wie sieht Ihr Plan B aus?

Wir haben keinen Plan B, wir haben nur einen Plan A. Wenn du in der russischen Politik mit einem Plan B kommst, heisst das, dass du bei erster Gelegenheit zurückweichen wirst. Ich gehe davon aus, dass ich vollkommen berechtigt bin, an diesen Wahlen teilzunehmen. Wenn man mich, den Hauptkonkurrenten, nicht zu den Wahlen zulässt, dann sind das keine Wahlen mehr, wir werden sie boykottieren und alle zum Boykott aufrufen. Und ich bin sicher, viele werden auf uns hören.

So oder so gilt ein Wahlsieg Putins als sicher. Seine Umfrageergebnisse liegen bei 86 Prozent.

Diese 86 Prozent zeugen nur vom Fehlen jeder politischen Konkurrenz. In der Sowjetunion hatte die Kommunistische Partei eine Unterstützung von 99 Prozent. In autoritären Systemen sind alle statistischen Dienste völlig bedeutungslos. Vor den Bürgermeisterwahlen in Moskau 2013 prognostizierten sie mir auch nur 1 Prozent, am Ende holte ich fast 30 Prozent, und das praktisch ohne Geld.

Sie machen seit Monaten Wahlkampf, legen jedes Wochenende Tausende Kilometer zurück, um in zwei oder drei Provinzstädten aufzutreten, Ihre Kundgebungen werden verboten, Sie selber festgenommen, man wirft Ihnen Chemikalien ins Gesicht. Wofür tun Sie sich das an? Was ist Ihr Ziel?

Diese Frage höre ich oft. Weil wohl alle vermuten, hinter meiner Tätigkeit verberge sich ein geheimer Zweck. Aber die Antwort ist sehr einfach: Ich glaube schlicht an das, was ich tue. Und ich werde dabei von den Leuten unterstützt. Ich habe die Stiftung gegen Korruption gegründet, eine nicht kommerzielle Organisation, die unabhängig vom Staat ist. Die Leute finanzieren sie, ihnen gefällt, was ich tue, mir gefällt es auch.

Wie stehen Sie Ihren monatelangen Marathon auf Kundgebungsplätzen und Polizeiwachen, in Fliegern und S-Bahnen durch. Haben Sie einen Zaubertrank?

Nein, ich nehme weder mythische noch nicht mythische Aufputschmittel. Jetzt fahren wir nach Smolensk, einer eher kleinen Stadt, 300000 Einwohner. In Smolensk wird seit 20 Jahren keine Politik gemacht. Ich weiss nicht, ob die Kundgebung gross sein wird oder klein, aber ich bin sicher, die Leute, die kommen, stehen hinter mir. Sie haben keine Zukunftsperspektive, haben nie etwas mit Politik zu tun gehabt. Aber es sind lebendige Menschen, solche Leute warten in Smolensk genauso auf mich wie im ostsibirischen Kemerowo. Keiner sonst hat solche Anhänger. Sie geben mir einen Energieschub und das Gefühl, dass ich morgen wieder losfahren muss.

Das klingt, als wären Sie ein politisches Perpetuum mobile: Sie holen sich auf der Strasse, vor den Leuten, die Energie, um wieder rauszugehen, zu den Leuten.

Mich befriedigt, was ich tue, ich spüre, dass die Menschen hinter mir stehen. Sie freuen sich, wenn ich komme, 170000 Volontäre haben sich bei uns eingeschrieben. Wovon mehr kann ein Politiker noch träumen, besonders in Russland mit seiner sonderbaren Politik, wo meine Partei nicht registriert wird und ich bisher erst einmal an Wahlen teilnehmen durfte (lacht).

Und ausserhalb dieses Systems, gibt es noch andere Ruhepunkte? Gehen Sie zur Kirche?

Religion ist wichtig für mich, ich bin ein gläubiger Mensch, im Gegensatz zu den meisten Mitarbeitern meines Stabes, die lachen über mich und meinen Glauben. Aber ich bin nicht so religiös, dass ich lange Gespräche mit Geistlichen führen muss wie Wladimir Putin mit Bischof Tichon. Ich bin ein gewöhnlicher Mensch, ich verbringe gerne Zeit mit meiner Familie, gehe gern ins Kino, ich lese gern.

Keine Zeit für Sport?

Im Moment nicht. Vor dem Wahlkampf, als ich mehr Zeit hatte, bin ich ein bisschen gejoggt.

Kein nächtliches Skilaufen im Park, kein Yoga?

Nein (lacht), keine exotischen Sachen. Lieber esse ich mit meiner Familie zu Abend.

Ihr Biograf Konstantin Woronkow zitiert Sie mit der politisch wenig korrekten Äusserung, der Hass auf Putins Gefolge gehöre zu Ihren Hauptmotivationen.

Das ist richtig. Ich hasse die Gauner im Kreml wirklich. Und die korrupte Familie des Generalstaatsanwalts Juri Tschaika hasse ich so stark, dass ich meine Zeit damit verbringe, an die Schweizer Staatsanwaltschaft zu schreiben. Und dann ich hasse ich die Schweizer Staatsanwaltschaft, weil sie nichts unternimmt (lächelt).

Ihre Kritiker behaupten, das US State Departement oder die russische Alfa-Gruppe würde Ihren Wahlkampf bezahlen. Wer finanziert Ihren Kampagne? Und mit wie viel Geld?

Bisher haben 40 000 Menschen insgesamt über 200 Millionen Rubel (umgerechnet rund 3,36 Millionen Schweizer Franken) gespendet. Das ist keine grosse Summe, aber mehr, als alle anderen unabhängigen Kandidaten gesammelt haben.

Sie sammeln über das Internet­bezahlsystem yandex.dengi?

Nein, yandex.dengi hat uns schon vor dem Beginn unserer Kampagne die Nutzung seines Systems verweigert. Wir bekommen unser Geld über Kreditkarten oder durch andere völlig gewöhnliche Zahlungsmittel.

Über geheime Kanäle kann man Ihnen kein Geld überweisen?

Nein. Ausser den Mitteln, die wir für den Wahlkampf in Form von Bitcoin sammeln. Wenn jemand Bitcoin bezahlt, kann er das verheimlichen. Aber das ist nur ein kleiner Teil, 90 Prozent der Wahlkampfspenden sind nicht anonym. Das Gleiche gilt für die Spenden an die Stiftung. Das ist eine wichtige Sache. Wenn uns jemand 500 Rubel (umgerechnet knapp 8.40 Franken) spendet, weiss er, dass der Geheimdienst FSB es auch weiss.

In der Opposition wird diskutiert, ob Putins Autoritarismus schon in Faschismus übergeht.

Das ist eine Übertreibung. Zweifelsohne ist Russland ein sehr autoritärer Staat, der das Rechtssystem und die Massenmedien völlig unter seine Kontrolle ­gebracht hat. Aber Russland ist nicht faschistisch, wir erleben ja keine ­Massenhinrichtungen.

Viele Oppositionelle werfen Ihnen vor, Sie seien selbst zu rechts. Berüchtigt ist vor allem der Videoclip, indem Sie demonstrieren, wie man Insekten mit einer Fliegenklatsche erledigt und einen islamischen Banditen mit einer Pistole.

Das war ein Clip über Waffen. Ich gehöre wirklich zu den Politikern in Russland, die dafür sind, dass in unserem Land der Besitz von Faustfeuerwaffen erlaubt wird. Das Video sieht etwas naiv aus für das Jahr 2017. Aber im Grunde stehe ich hinter allem, was ich in dem Video tue.

Es gibt auch Befürchtungen, Sie wollten als Präsident noch mehr Macht anhäufen als Putin.

Die meisten Russen wollen keinen Zaren, sondern sie wollen ein normales europäisches Land sein. Die Vollmachten des Präsidenten müssen sehr stark eingeschränkt werden, das ist der Hauptpunkt meines politischen Programms. Wenn so viel Macht auf einem Schreibtisch konzentriert ist, führt das unausweichlich dazu, dass der Mann dahinter anfängt, sie zu missbrauchen. Ausserdem ist das Land riesig, das kann ein Mann allein nicht kommandieren, ihm fehlt einfach die Zeit, um vernünftig zu regieren.

Wenn Russlands Nationalmannschaft spielt, fühlen Sie als Regimekritiker oder als Patriot?

Natürlich ärgern mich Sportler, die Putin unterstützen, wie etwa der Hockeyspieler Alexander Owetschkin und sein «Putin-Team». Aber ich gehöre bestimmt nicht zu den Leuten, die ihren Hass gegen Putins System auf jeden Auftritt unserer Sportler oder Künstler übertragen. Russland und sein Volk sind etwas viel Grösseres als Putin. Es ist ja gerade der Kreml, der die Parole verkündet: «Ohne Putin kein Russland.» Ich bin keineswegs dieser Ansicht, deshalb zittere ich mit unseren Sportlern mit.

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