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MOSKAU: Hausarrest für russischen Starregisseur

Theatermacher Kirill Serebrennikow steht in Moskau vor dem Haftrichter. Die Ermittlungsbehörden wollen den streitbaren 47-Jährigen auf ziemlich sowjetische Weise hinter Gitter bringen.
Stefan Scholl, Moskau
Kirill Serebrennikow gestern vor Gericht. (Bild: Sergej Ilnitsky/EPA)

Kirill Serebrennikow gestern vor Gericht. (Bild: Sergej Ilnitsky/EPA)

Kirill Serebrennikow stellt Staatsbeamte durchaus nicht als Unholde dar. In seinem Film «Untreue» gesteht ein betrogener Ehemann einer Polizeikommissarin, er habe seine Frau und ihren Liebhaber ermordet. Sie liest sein Geständnis, zerreisst es, lässt sich von dem Mann auf dem Mund küssen und schickt ihn weg.

Der Kino- und Theaterregisseur Kirill Serebrennikow selbst hat weniger Gnade von den Behörden zu erwarten. Gestern stellte ihn ein Moskauer Amtsrichter unter Hausarrest, das russische Ermittlungskomitee wirft ihm vor, mit einigen Mitarbeitern seiner Theaterproduktionsfirma «Siebtes Studio» 68 Millionen Rubel, eine knappe Million Euro, unterschlagen zu haben.

In der Moskauer Theaterszene gilt es als sicher, dass die Staatsorgane den Regisseur, der notorisch Ohrringe und Woll- oder Schirmmützen trägt, aus anderen Gründen verfolgen. «Serebrennikows Fall erinnert an die sowjetische Praxis», sagt der Kunstkritiker Andrej Jerofejew. «Auch damals wurden Kulturschaffende meist nicht wegen ihrer Werke angeklagt, sondern wegen angeblicher Straftaten.»

Unter vielen anderen Künstlern und Institutionen stellt sich auch das Zürcher Opernhaus hinter Serebrennikow. Das Opernhaus hat ihn für eine Mozart-Produktion im November 2018 fest engagiert.

Ausgezeichnet in Cannes und Rom

Kirill Serebrennikow gehört zu Russlands Starregisseuren. Der 47-Jährige erhielt die höchsten nationalen Theaterpreise, seine Filme wurden in Rom und Cannes ausgezeichnet. Als künstlerischer Leiter hat er das mittelmässige Theater Gogol-Zentrum in eine der zentralen Bühnen Russlands verwandelt. Er inszenierte in Riga und Berlin, in Stuttgart hat er gerade erst die Oper «Hänsel und Gretel» eingeübt – mit afrikanischen Kindern aus einem Dorf in Ruanda.

Serebrennikow provoziert nicht auf Teufel komm raus. Aber der erklärte Buddhist nimmt auch kein Blatt vor den Mund. Russland sei ein Land der Sklaven geblieben, das die TV-Lügenpropaganda noch weiter verdumme, schimpfte er in Interviews für liberale Hochglanzmagazine, aber auch für Gay-Portale.

2013 gab es erste Schwierigkeiten. Die staatliche Finanzhilfe für einen Film über den Komponisten Pjotr Tschaikowsky wurde eingefroren. Offenbar auch, weil Serebrennikow die Homosexualität des Musikers thematisieren wollte, die Kulturminister Wladimir Medinski abstritt. Im Mai dieses Jahres folgten Durchsuchungen im Gogol-Zentrum und in Serebrennikows Wohnung mit grossem Polizeiaufgebot. Im Juni setzte das Bolschoi-Theater das von Serebrennikow inszenierte Ballett «Nurejew» kurz vor der Premiere ab, offiziell fehlte der Aufführung der letzte Schliff. Aber laut Zeitungsberichten soll sie sich wieder zu sehr der Bisexualität des Ballettstars gewidmet haben. Und jetzt drohen Serebrennikow wegen schweren Betrugs bis zu zehn Jahre Gefängnis.

In früheren Putin-Jahren liess das Regime Theater und Artkino noch viel Freiheiten, jetzt soll wohl auch die Nischenkultur auf Linie gebracht werden. «Der Staat hat Serebrennikow viel Geld für seine Projekte gezahlt», sagt der Menschenrechtler Lew Ponomarjow, «und ist erbost, dass der sich nicht an seine neuen Spielregeln hält.» Jetzt herrsche «Stalinismus light», angefangen mit demonstrativen Hausdurchsuchungen am frühen Morgen, die Angst verbreiten sollten. Und die Organe formulieren Anklagen, die ähnlich absurd klingen wie in der Sowjetzeit. So behauptet die Staats­anwaltschaft, Serebrennikow habe das staatlich finanzierte Drama «Ein Mittsommernachtstraum» nie aufgeführt. Obwohl es 2012 Tausende Zuschauer gesehen haben. Trotzdem gelten Serebrennikows Chancen vor Gericht als minimal, weil die Ankläger in sowjetischer Tradition 100 Prozent Planerfüllung anstreben.

Menschenrechtler Ponomarjow verweist auf den Regisseur Wsewolod Meyerhold, der 1940 als deutsch-französisch-japanisch-lettischer Spion erschossen wurde. «Dieses Schicksal droht Serebrennikow hoffentlich nicht.»

Stefan Scholl, Moskau

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