Moskau kassiert wegen Cyber-Angriffen deutliche Warnung

Der russische Militärgeheimdienst GRU hat seine Cyberspione und Hacker überall. Die Nato-Staaten wollen solche Aktivitäten nicht mehr tolerieren und drohen mit Gegenmassnahmen.

Remo Hess, Brüssel
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Russische GRU-Agenten werden zu ihrem Flug eskortiert. (Bild: Niederländisches Verteidigungsministerium via AP, 13. April 2018)

Russische GRU-Agenten werden zu ihrem Flug eskortiert. (Bild: Niederländisches Verteidigungsministerium via AP, 13. April 2018)

Nein, zum Urlaub machen waren diese vier Russen nicht in die Niederlande gekommen. Im Kofferraum ihres Autos fand sich ein Transformator, eine versteckte Antenne und etliche Spezialgeräte für Hackerangriffe. Die Mission: Einbruch in das Computer-Netzwerk der Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) in Den Haag.

Als sie Anfang April vom niederländischen Militärgeheimdienst auf frischer Tat ertappt wurden, versuchten sie schnell noch ihre Handys zu zerstören. Doch es war zu spät. In allen Details zeigte die niederländische Verteidigungsministerin Ank Bijleveld gestern bei einer Pressekonferenz, wie die mit Diplomatenpässen ausgestatteten Männer gearbeitet hatten. Mit höchster Wahrscheinlichkeit lassen sie sich dem russischen Militärgeheimdienst GRU zuteilen.

Briten enthüllen etliche russische Cyberattacken

Im Gepäck, das sie bei der Ausweisung nach Russland zurückliessen, fanden die Ermittler neben 20000 Dollar und 20000 Euro in Cash auch Zugtickets nach Basel. Es wird vermutet, dass das Labor Spiez hätte ausspioniert werden sollen, welches bei der Untersuchung des Giftanschlags auf den russischen Doppelagenten Sergej Skripal eng mit dem OPCW zusammenarbeitet. Ausserdem wurden Google-Ausdrucke von Gebäuden und Lokalitäten in Genf und Bern gefunden. Aussenminister Ignazio Cassis thematisierte die russischen Spionageaktivitäten auf Schweizer Terrain mit seinem Amtskollegen Sergej Lawrow bereits letzte Woche am Rande der UN-Vollversammlung in New York.

Klar ist: Bei der russischen Hackerattacke auf das OPCW handelt es sich um alles andere als einen Einzelfall. Das zeigen ebenfalls gestern veröffentlichte Erkenntnisse des britischen Geheimdienstes. Demnach sollen russische Hackergruppen in direktem Auftrag des GRU systematisch Cyberangriffe auf politische Institutionen, Unternehmen und Medien weltweit ausführen, so der britische Aussenminister Jeremy Hunt bei der Vorstellung des Berichts. Als Beispiele nannte er Angriffe auf die Welt-Anti-Doping-Agentur 2016, ukrainische Flughäfen oder das Wahlkampfbüro der US-Demokraten. Auch die Attacke auf den deutschen Bundestag im Jahr 2015 ginge auf eine von russischen ­Geheimdienstlern gesteuerte Hackergruppe. Londons Verteidigungsminister Gavin Williamson sagte, Russland verhalte sich wie ein «Pariastaat» unter Missachtung des Völkerrechts und kündigte ein gemeinsames Vorgehen mit den Alliierten an. Kreml-Sprecherin Maria Sacharowa wies sämtliche Anschuldigungen zurück: «GRU, Cyberspione, Kremlhacker – hier wird alles miteinander vermischt.»

Beim Treffen der Nato-Verteidigungsminister gestern in Brüssel fand Generalsekretär Jens Stoltenberg hingegen deutliche Worte. Russland versuche unverhohlen, internationale Organisationen und Gesetze zu untergraben und müsse dieses «rücksichtsloses Verhalten» sofort abstellen. Als Reaktion werde die Nato abermals ihre Cyberkapazitäten verstärken und fortan auch offensive Kapazitäten in diesem Bereich nutzen.

Cyperspace gehört seit 2016 zum Nato-Einsatzgebiet

Als erste Staaten kündigten Grossbritannien, Dänemark und die USA an, ihre Cyberfähigkeiten der Nato zur Verfügung zu stellen. US-Verteidigungsminister James Mattis sagte, die Verteidigungsallianz müsse auch hier «gefechtsbereit» sein. Stoltenberg betonte, dass unter gewissen Umständen Cyberangriffe die im Artikel 5 des Nato-Vertrags geregelte Beistandspflicht auslösen könnten. Neben Luft, Land und Wasser hatte die Nato 2016 auch den Cyberspace zu einem eigenständigen Einsatzgebiet erklärt.

Bericht: Verhaftete russische Spione hatten Labor Spiez im Visier

Zwei russische Spione sind Berichten zufolge im Frühling auf dem Weg zum Spiezer Chemielabor in den Niederlanden festgenommen und in ihre Heimat zurückgeschickt worden. Das Labor war an Analysen im Fall des vergifteten russischen Agenten Sergej Skripal beteiligt.