Kalter Krieg
«Mr. X», Russland und der Kalte Krieg

George F. Kennan entwarf Amerikas Aussenpolitik nach 1945 praktisch im Alleingang – eine neue, magistrale Biografie von John Lewis Gaddis würdigt den wichtigsten, aber heute weitgehend vergessenen Diplomaten des 20.Jahrhunderts.

Christian Nünlist
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George F. Kennan an seinem Pult im amerikanischen Aussenministerium im Juni 1947. John Roone/AP

George F. Kennan an seinem Pult im amerikanischen Aussenministerium im Juni 1947. John Roone/AP

Vorgezogene Weihnachten für Geschichte-Fans: Endlich ist die lange erwartete Biografie des herausragenden Diplomaten des 20.Jahrhunderts erschienen, verfasst vom berühmtesten lebenden amerikanischen Zeithistoriker – 800 Seiten John Lewis Gaddis über George F. Kennan! Die Publikation wirft hohe Wellen: Henry Kissinger schrieb für die «New York Times» einen schier endlosen Essay über «Das Zeitalter von Kennan» – ausgedruckt sind es 12 A4-Seiten, sein wohl bisher längster Zeitungsartikel. Kissinger bedauert darin zu Recht, dass jüngere Menschen Kennan heute längst vergessen haben. Das führt ihn zu einer «melancholischen Betrachtung über die Relevanz von Geschichte im Zeitalter von Internet und dem 24-stündigen Nachrichtenzyklus».

George Frost Kennan hat wie kein zweiter Diplomat zwischen 1946 und 1949 praktisch im Alleingang Amerikas Aussenpolitik im beginnenden Kalten Krieg konzipiert. Er gilt als intellektueller Vater der Containment-Politik: Diese «Eindämmungspolitik» gegenüber der Sowjetunion blieb bis 1989 die offizielle aussenpolitische Strategie der USA. Die deutsche Publizistin Marion Dönhoff hat die Faszination Kennans treffend festgehalten: «In der ersten Phase der Nachkriegszeit, in der die Welt sozusagen neu geschaffen wurde, hat Kennan die Welt und ihre Entwicklungstendenzen sowie die Akteure und deren Ambitionen neu zu durchdenken vermocht – nicht als Politiker, sondern als kreativer Mensch mit grossem historischem Wissen und politischer Fantasie.»

Gaddis musste sich 23 Jahre gedulden

Die neue Biografie hat eine lange Vorgeschichte: Bereits 1981 gab Kennan John Lewis Gaddis seine Unterstützung für eine autorisierte Biografie, die nach seinem Ableben publiziert werden sollte. Er versprach dem Historiker exklusiven Einblick in seine Tagebücher und gab ihm ausführliche Interviews. Kennan war zu diesem Zeitpunkt 78 Jahre alt – doch Gaddis musste sich 23 Jahre gedulden. Am 17. März 2005 starb Kennan. Gaddis wertete in der Folge 20000 Seiten Tagebuch aus und wühlte sich als Erster durch 300 Boxen Archivmaterial. Er führte seit 1981 auch Interviews mit unzähligen Weggefährten, die inzwischen längst verstorben sind. Kurzum: Die Kennan-Biografie ist das Meisterwerk des Doyens der Kalter-Krieg-Historiker.

Kennan, geboren am 16. Februar 1904 in Milwaukee in Wisconsin, besuchte die Princeton University und trat 1926 in den neu geschaffenen Auswärtigen Dienst der USA ein. Nach ersten Stationen in Genf und Hamburg wollte Kennan Ende 1927 bereits wieder aus der Diplomatie aussteigen. «Sir, ich habe die Ehre, hiermit meine Kündigung vom Auswärtigen Dienst einzureichen», schrieb er dem Aussenminister – ohne einen Grund dafür anzugeben. Gaddis enthüllt nun, dass der 23-jährige Kennan verliebt und verlobt war und Eleanor Van Someren Hard heiraten wollte. Doch Eleanors Mutter war dagegen, die Hochzeit platzte. Kennan war «drei Tage lang traurig» (wie er 1987 Gaddis anvertraute), dann kehrte er in die Diplomatie zurück und liess sich in Berlin und Riga zum Russlandspezialisten ausbilden.

Er war zusammen mit Charles E. Bohlen und W. Averell Harriman Teil eines exklusiven Clubs innerhalb des US-Aussenministeriums, welche die Präsidenten Truman bis Reagan als Kreml-Experten im Kalten Krieg berieten. Nachdem die USA und die Sowjetunion 1933 erstmals diplomatische Beziehungen aufgenommen hatten, verbrachte Kennan fünf Jahre in der US-Botschaft in Moskau. 1944 kehrte er als chargé d’affaires nach Russland zurück.

Im Februar 1946 entwarf Kennan in Moskau sein berühmtes «langes Telegramm». In 5300 Worten analysierte er auf Anfrage Washingtons eine Grundsatzrede von Sowjetführer Josef Stalin. Der damals praktisch unbekannte Diplomat schuf mit Telegramm Nr.511 die konzeptionelle Grundlage der aussenpolitischen Strategie der USA für die nächsten 40 Jahre. Kennan lag mit Fieber im Bett und diktierte die Grundzüge der sowjetischen Aussenpolitik seit Kriegsende und daraus abzuleitende Konsequenzen für die USA. Stalin habe eine «neurotische Sicht auf die Welt», bedingt durch ein traditionell russisches Unsicherheitsgefühl. Kennan prophezeite, die Sowjetunion werde aus Schwäche und Unsicherheit heraus versuchen, ihren Machteinfluss ausserhalb der eigenen Grenzen auszuweiten, zunächst in Osteuropa, dann überall auf der Welt. Der Westen müsse allfällige Vorstösse entschieden zurückschlagen.

Analyse schlug eine wie eine Bombe

Kennans Analyse schlug in Washington ein wie eine Bombe. Die Truman-Regierung realisierte jetzt erst, dass Amerikas Weltkriegs-Allianz mit Stalin zum Scheitern verurteilt war und dass ein grosser ideologischer Konflikt zwischen Ost und West drohte. Kennans Masterplan floss direkt ein in die Formulierung der Truman-Doktrin, Amerikas offizieller Kriegserklärung an Moskau im März 1947.

Kennan selbst fühlte sich aber von Anfang missverstanden – und darin liegt die Tragik seines langen Lebens. Als er einen Entwurf von Trumans Rede las, war er beunruhigt über die dramatisierende und emotionale Sprache und die Absicht, kommunistische Herausforderungen global statt regional zu bekämpfen.

Die Welt lernte Kennan im Juni 1947 kennen, als ein «Mr. X» in der renommierten Zeitschrift «Foreign Affairs» Amerikas Verhältnis zur Sowjetunion hinterfragte. Der anonyme Autor empfahl der US-Regierung eine Strategie der «politischen Eindämmung» der Sowjetunion, lang angelegt, geduldig, fest und wachsam. Schnell wurde bekannt, dass sich hinter dem Pseudonym George F. Kennan verbarg, die Publikation fand eine enorme Resonanz, als klar wurde, dass ihr Verfasser im US-Aussenministerium tätig war, seit Mai 1947 leitete Kennan den neu gegründeten Politischen Planungsstab im State Department, direkt unter Aussenminister George C. Marshall.

Im Mai 1947 entwarf Kennan innerhalb von drei Wochen allein einen Wiederaufbauplan für das kriegsgeschädigte Westeuropa, der später als Marshall-Plan in die Geschichte einging. Die Idee entsprach Kennans Philosophie perfekt: Es war eine politisch-wirtschaftliche Gegenmassnahme auf den wachsenden sowjetischen Einfluss im zentralen Schlachtfeld des Kalten Krieges.

1947 befand Kennan sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Als Chef des Planungsstabs verfasste er von 1947 bis 1949 praktisch im Alleingang 70 voluminöse Studien – total 900 Seiten lang – und erfand die US-Aussenpolitik von Grund auf neu. Truman und Marshall vertrauten ihm blind und liessen ihn schalten und walten. Kennans Empfehlungen zu China, Japan oder Jugoslawien wurden genauso offizielle US-Politik wie die Idee verdeckter Operationen der CIA im Ausland.

Er war gegen die Gründung der Nato

Der grosse Denker wehrte sich aber immer mehr gegen die zunehmende Militarisierung und Globalisierung seiner Containment-Politik. Er war gegen die Gründung der Nato, gegen die militärische Wiederbewaffnung Westdeutschlands und gegen den Krieg in Vietnam. Im Juni 1949 verliess Kennan Washington aufgrund von Differenzen mit dem neuen Aussenminister Dean Acheson, der den Kalten Krieg primär als kriegerische Auseinandersetzung interpretierte. Als Historiker schrieb er in Princeton ein beachtliches Œuvre, darunter seine mit dem Pulitzerpreis gekrönten Memoiren, bis heute eines der besten Bücher über Amerika im frühen Kalten Krieg.

Der Prophet, der seiner Zeit oft weit voraus war und bereits kurz nach 1945 den inneren Kollaps der Sowjetunion voraussagte oder ein Ende des atomaren Wettrüstens forderte, schaltete sich auch aus dem selbst gewählten Exil in Princeton immer wieder in die Tagespolitik ein – oft als schärfster Kritiker der US-Regierung. Seinen von der BBC ausgestrahlten «Reith Lectures» lauschten Ende 1957 Millionen von Zuhörern. Brisant war sein Vorschlag, die östlichen und westlichen Besatzungstruppen aus Europa abzuziehen, sowie seine Warnung, die europäischen Mitglieder der Nato nicht mit Atomwaffen auszurüsten, weil dadurch mögliche Abrüstungsverhandlungen mit Moskau später enorm erschwert würden. Nicht nur die Regierungen in Washington und Bonn waren erbost; auch die «Neue Zürcher Zeitung» füllte dreimal hintereinander alle Spalten ihrer Frontseite mit zornigen Kommentaren – ohne zu wissen, dass Kennan gleichzeitig in der Schweiz, in Crans, Ferien machte.

1967 führte ihn eine delikate Geheimmission zurück in die Schweiz: Svetlana, die einzige Tochter Stalins, hatte in Indien politisches Asyl ersucht und war in die Schweiz geflohen, wo die Behörden sie diskret versteckten. Kennan flog sofort nach Mailand und Schweizer schmuggelten ihn über die Grenze. «Unterschätze nie die Schweizer», lobte Kennan die Fluchthelfer später. Eine Swissair-Maschine brachte Stalins Tochter nach Amerika, wo sie sich mit den Kennans anfreundete und eine Zeit lang sogar bei ihnen auf ihrer Farm in Pennsylvania wohnte.

Ein Kreis schliesst sich

Mit der Kennan-Biografie schliesst sich für Gaddis ein Kreis. Sein Buch «Strategies of Containment» hat 1982 Gaddis’ Ruf als führenden US-Zeithistoriker etabliert. Doch nach 2001 hatte er sich als Hofhistoriker von Präsident Bush unter Historikern unbeliebt gemacht. Gaddis verteidigte 2003 die Irak-Invasion und arbeitete höchstpersönlich an Bushs zweiter Rede zur Lage der Nation mit – er steuerte den Slogan vom «Ende der Tyrannei» bei. Zu diesem Zeitpunkt bedauerte der greise Kennan längst, dass er Gaddis’ zu seinem Biografen erkoren hatte. Fünf Jahre vor seinem Tod vertraute er seinem Tagebuch an: «Dass mich nicht einmal der seriöseste Biograf richtig versteht, das ist hart.»

Gaddis hat eine lebendige Biografie geschrieben – aber leider eine ideologisch gefärbte, wie Frank Costigliola in der «New York Review of Books» betont. Gaddis verehrt den frühen Kennan, den Kalten Krieger von 1946/47, aber tadelt den späteren Kennan, den Befürworter von Verhandlungen mit Moskau. Damit wird Gaddis’ monumentales Epos Kennan leider nicht gerecht. Dafür hat Henry Kissinger Lunte gerochen. Er hätte auch gerne eine postume Biografie aus der Feder des Yale-Historikers. Der 88-Jährige hat seine Papiere im Juni vorsorglich bereits in der Yale-Universität deponiert – und Gaddis muss erneut auf den Tod eines berühmten Kalten Kriegers warten.

John Lewis Gaddis. George F. Kennan. New York 2011. 784 S. Fr. 47.90.