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MÜNCHEN: «Steht auf, wenn ihr Steuern zahlt!»

Am Montag beginnt der Prozess gegen Bayern-Boss Uli Hoeness. Ihm droht Gefängnis. Hoeness ist nur einer von vielen Steuer­sündern.
Christoph Reichmuth, Berlin
FC-Bayern-Präsident Uli Hoeness. Die Vergangenheit hat ihn heimgeholt. (Bild: Keystone/Matthias Schrader)

FC-Bayern-Präsident Uli Hoeness. Die Vergangenheit hat ihn heimgeholt. (Bild: Keystone/Matthias Schrader)

Richter Rupert Heindl gilt als harter Hund, wenn es um Steuerhinterziehung geht. Vor kurzem hat er einem Mann drei Jahre Gefängnis aufgebrummt, weil der 828 000 Euro Steuern hinterzogen hat.

Rupert Heindl wird auch über das Schicksal von Uli Hoeness befinden. Der FC-Bayern-Präsident, 62, wird sich ab Montag vor dem Landgericht München II wegen hinterzogener Steuern verantworten müssen. Im April vorigen Jahres ist es aufgeflogen, das geheime, millionenschwere Schweizer Bankkonto des Uli Hoeness. Hoeness hat mit Millionen an der Börse gezockt, die Zinserträge auf die Gewinne aber verschwiegen. Vier Verhandlungstage sind angesetzt, dann will Rupert Heindl das Urteil sprechen. Schenkt man den Zahlen, über die in den Medien seit Monaten wild spekuliert wird, Glauben, dann sieht es für den Münchner Wurstfabrikanten nicht sonderlich gut aus: Seine Steuerschuld soll sich auf 3,5 Millionen Euro belaufen. In der Regel wandern Steuersünder ab einem hinterzogenen Betrag von 1 Million Euro hinter Gitter.

An die Spitze gearbeitet

Der Popularität von Uli Hoeness tut dies aber zumindest in Bayern keinen Abbruch. Nach kurzer Karenzzeit wird Hoeness heute trotz seines kriminellen Vergehens wieder fest umschlungen von der Münchner Schickeria. Doch als Vorzeigemanager taugt der Name Hoeness heute nicht mehr. Ausserhalb des Freistaats sind viele, die einst seine Nähe suchten, auf Distanz zu Hoeness gegangen. Man will abwarten, was der Prozess mit sich bringt.

Das war vor zwölf Monaten noch anders. Bevor der Betrugsfall publik wurde, adelte ihn das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» im Februar 2013 zum Vorbild einer ganzen Republik. Hoeness hatte sich durch seinen Werdegang landesweit Respekt verschafft. Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, schaffte der Sohn eines Metzgers und ehemalige Fussball-Nationalspieler den Sprung ganz an die Spitze. Im Alter von nur 27 Jahren wurde er Manager des FC Bayern München, er formte aus dem Verein nicht nur sportlich eine der erfolgreichsten Mannschaften der Welt, durch kaufmännisches Geschick machte er aus dem FC Bayern München eine wirtschaftliche und vor allem schuldenfreie Weltmarke.

Seine Erfolge als Manager sind das eine, das andere ist der soziale Uli Hoeness, der Gutmensch. Er half Mitarbeitern in seiner Wurstfabrik persönlich in Krankheitsfällen, er kümmerte sich um ehemalige Bayern-Profis, die mit dem Leben nach dem Karriereende nicht zurechtgekommen waren, er spendete Tausende von Euros für krebskranke Kinder und rettete den Ligakonkurrenten FC St. Pauli vor dem finanziellen Kollaps. Auch als Vortragsredner war Hoeness begehrt, er kassierte Tausende von Euros, die er für gute Zwecke gleich weiterreichte. Am 19. März des letzten Jahres referierte Hoeness in der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität über die Auswüchse des Kapitalismus. Es ist derselbe Hoeness, der im Mai des gleichen Jahres einem «Zeit»-Journalisten offenbarte: «2002 bis 2006 habe ich richtig gezockt, ich habe teilweise Tag und Nacht gehandelt. Das waren Summen, die für mich heute auch schwer zu begreifen sind.»

«Da begann für mich die Hölle»

Wenige Stunden nach seinem Vortrag an der Münchner Uni, am frühen Morgen des 20. März, klingelte es an der Tür von Hoeness’ Villa am Tegernsee. Der Bayern-Manager öffnete noch im Bademantel die Tür. Draussen standen Steuerfahnder mit dem Durchsuchungsbefehl: «Da begann für mich die Hölle», erinnerte sich Hoeness.

Ein wenig musste Hoeness tatsächlich durch die Hölle. Dasselbe Magazin, das ihn noch im Februar hochleben liess, umschrieb den Bayern-Boss nun mit wenig schmeichelhaften Attributen wie «geldgierig» und «Doppelmoralist». Kanzlerin Angela Merkel liess via ihren Sprecher ausrichten, sie sei enttäuscht von Uli Hoeness. Und wenn der wohlbeleibte Fussballboss bei Auswärtsspielen seiner Bayern die Stadien betritt, skandieren die Fans der Gegner mit Inbrunst Lieder wie «Hoeness in den Knast!» oder «Steht auf, wenn ihr Steuern zahlt!».

Nicht nur Hoeness ist gefallen und hart gelandet. Eine ganze Reihe prominenter Steuersünder ist in den letzten Monaten aufgeflogen, darunter die moralische Instanz der Frauenbewegung, Alice Schwarzer, Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz von der SPD, Theo Sommer, langjähriger Chefredaktor der «Zeit», und der ehemalige Finanzminister von Nordrhein-Westfalen, Helmut Linssen, der für sein Bundesland einst CDs mit geklauten Schweizer Bankdaten kaufte, bis auf einem der Datenträger sein eigener Name aufgetaucht war.

Geld statt Gerechtigkeit

Geschichten über Steuerbetrug angeblicher Vorzeigemenschen treffen den Nerv vieler in Deutschland. Das Thema Gerechtigkeit ist in der Republik mit dem grössten Niedriglohnsektor Europas fast omnipräsent, viele müssen sich hier mit Zweitjobs irgendwie über Wasser halten. Manch einer fragt sich nun: Ist es gerecht, dass die Steuerschuld nach zehn Jahren verjährt? Dass Alice Schwarzer nur für die letzten zehn Jahre Steuern zurückbezahlen muss, obwohl sie seit den Achtzigerjahren ein Schweizer Bankkonto unterhält? Und: Ist es richtig, dass Steuersünder mit einer Selbstanzeige straffrei davonkommen können, indem sie die Steuerschuld zurückbezahlen plus Verzugs- und Strafzins entrichten?

CD-Käufe gerichtlich legalisiert

Vor allem die SPD will die Schraube bei Steuervergehen anziehen. Die Verjährungsfrist soll verlängert, die Schuldzinsen erhöht werden. Debattiert wird gar darüber, die strafbefreiende Selbstanzeige ganz zu streichen. Doch die Finanzminister der Bundesländer und vor allem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) setzen sich dagegen mit allen Mitteln zur Wehr. Sie warnen nämlich vor hohen Kosten für den Staat, sollte das Instrument der Selbstanzeige wegfallen. Die mögliche Straffreiheit veranlasst viele Steuersünder, sich selbst anzuzeigen. Der Staat kann sich die Gelder also sparen, die er für Hunderte von Steuerfahndern ausgeben müsste, nach dem Motto: «Lieber volle Kassen als volle Gefängnisse». Zudem führen genau jene Fälle wie jene von Uli Hoeness oder Alice Schwarzer zu massenweise Selbstanzeigen. 2013 haben sich fast 25 000 mutmassliche Steuersünder bei den Behörden gemeldet, die Einnahmen für den deutschen Staat aus nachversteuerten Einkünften belaufen sich seit 2010 auf rund 3,5 Milliarden Euro. Deutschland wird an der Praxis der Datenträgerkäufe festhalten, bis die Schweiz und andere Staaten den automatischen Informationsaustausch von Bankdaten eingeführt haben. Gerade eben hat der Verfassungsgerichtshof in Rheinland-Pfalz den Kauf von Bankdaten-CDs mit geklauten Kundendaten grundsätzlich für legitim erklärt. Deutschland erhofft sich weitere Steuereinnahmen durch nachversteuerte Einkünfte. Denn obwohl die Schweiz die sogenannte Weissgeldstrategie umsetzt und Schweizer Banken ihre Kunden dazu drängen, ihre Gelder zu legalisieren, schätzen Experten, dass immer noch rund 80 Milliarden Euro unversteuerter Gelder auf Schweizer Bankkonten lagern.

Schlaflose Nächte

Uli Hoeness hat Pech gehabt. Seine Anwälte haben eine fehlerhafte Selbstanzeige eingereicht, deshalb kommt es nun zum Prozess in München. Die Ankläger wollen beweisen, dass Hoeness nicht aus freien Stücken bereit war, seine Gelder nachträglich zu legalisieren, sondern weil Hoeness davon Wind bekommen hatte, dass ein Journalist des Magazins «Stern» bei Hoeness’ Bank Vontobel «blöde Fragen» im Zusammenhang mit seinem Konto stellte. Dann wäre nämlich die Selbstanzeige so oder so für die Füchse.

Am 17. Februar 1982 überlebte Uli Hoeness als einziger von vier Insassen einen Flugzeugabsturz. «Ich habe damals wie wild an der Börse zu spekulieren angefangen, in der Überzeugung, dass mir nun gar nichts mehr passieren könnte.» Bis zum April des letzten Jahres lebte Hoeness mit dem Gedanken, quasi unverwundbar zu sein. Der anstehende Prozess hat ihn zurück in die Realität katapultiert.

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