Ägypten
Mursi ist der erste zivile Staatschef am Nil

Der Kandidat der islamistischen Muslimbruderschaft siegt mit 52 Prozent der Stimmen. Mursi ist der erste zivile Präsident Ägyptens, Er gilt als Marionette der Muslimbruderschaft. Seine Macht muss er sich zudem mit Militärs teilen.

Markus Symank, Kairo
Merken
Drucken
Teilen
Jubel auf dem Tahrir-Platz in Kairo nach Bekanntgabe der Resultate.key

Jubel auf dem Tahrir-Platz in Kairo nach Bekanntgabe der Resultate.key

Um 16.26 Uhr Ortszeit kannte der Jubel auf dem Tahrir-Platz in Kairo keine Grenzen mehr. «Allah ist gross!», brüllten Zehntausende Anhänger der Muslimbruderschaft begeistert, schwenkten die rot-weiss-schwarzen Fahnen ihrer Heimat und zündeten Feuerwerkskörper. Nur Sekunden zuvor hatte der Vorsitzende der Wahlkommission nach einer nicht enden wollenden Ansprache den Namen des neuen Präsidenten verkündet. «Der Gewinner der Präsidentschaftswahl am 16. und 17. Juni ist Mohammed Mursi Eissa al-Ayat», sagte Faruk Sultan, und bestätigte damit, was Hochrechnungen bereits seit einer Woche nahelegten: Ägyptens erster ziviler und vom Volk gewählter Präsident ist ein Islamist.

Der Kandidat der Muslimbruderschaft erhielt demnach 51,7 Prozent der Stimmen. Sein Kontrahent Ahmed Schafik, ein früherer Premier des alten Regimes, scheiterte mit 48,3 Prozent denkbar knapp. Die Wahlbeteiligung soll mit 51,8 Prozent höher ausgefallen sein als noch in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl. Vor der Bekanntgabe hatten beide Kandidaten den Sieg für sich beansprucht.

Tantawi gratuliert

In einer ersten Stellungnahme sprach die Muslimbruderschaft vom «Beginn einer neuen Ära». Die islamistische Organisation kündigte zudem an, ein Kabinett zu benennen, welches das revolutionäre Ägypten repräsentiere. Führende liberale Politiker mahnten Mursi gestern, seine Wahlversprechen einzuhalten und die Rechte der Minderheiten zu sichern.

Es ist das erste Mal in der Geschichte Ägyptens, dass ein Muslimbruder ins höchste Staatsamt gewählt worden ist. Feldmarschall Hussein Tantawi, der das Land seit dem Rücktritt Husni Mubaraks regiert, gratulierte Mursi zum Wahlerfolg, wie das ägyptische Staatsfernsehen mitteilte. Der neue Präsident soll sein Amt am 1. Juli antreten.

Überschattet wird der Sieg Mursis von zahlreichen Verstössen seiner Anhänger gegen das Wahlgesetz. Diese sollen in mehreren Provinzen des Landes Stimmen gekauft sowie Wähler zu Wahllokalen transportiert haben. Unabhängige Beobachter stimmen allerdings darüber ein, dass das Ergebnis trotz allem den Willen des Volks widerspiegelt. Die Wahlkommission prüfte nach eigenen Angaben in den vergangenen Tagen rund 400 Einwände und Anzeigen wegen Unregelmässigkeiten. Ursprünglich hätte das Ergebnis bereits vor einer Woche bekannt gegeben werden sollen.

Polizei in Alarmbereitschaft

Die Atmosphäre in Ägypten war zuletzt äusserst angespannt. Seit einer Woche hatten sich im Zentrum Kairos Zehntausende Muslimbrüder zu einem Sitzstreik versammelt. Sie drohten mit ausgedehnten Protesten, sollte die Wahlkommission Ahmed Schafik zum Sieger erklären. Auch die Anhänger Schafiks waren in den vergangenen Tagen immer wieder auf die Strasse gegangen. Gerüchte über mögliche Gewaltakte beider Seiten machten die Runde in den Medien. Viele Ägypter trauten sich gestern aus Angst vor Ausschreitungen nicht nach draussen. Die Sicherheitskräfte des Landes waren in Alarmbereitschaft gesetzt, Polizei und Soldaten mit einem Grossaufgebot auf Strassen und Plätzen unterwegs. Bis zum Abend blieb es in den Grossstädten des Landes jedoch ruhig.

Kampf gegen Generäle

Die Muslimbruderschaft gab gestern bekannt, ihren Protest gegen den Militärrat in den kommenden Tagen weiterführen zu wollen. «Der Kampf um Ägypten hat gerade erst begonnen», teilte ein Sprecher der Organisation mit. Führende Köpfe der Islamisten wiesen gestern darauf hin, dass der Sieg bei der Präsidentschaftswahl nicht über die konterrevolutionären Absichten der noch herrschenden Generäle hinwegtäuschen könne. Diese hatten erst vor wenigen Tagen durch einen Eingriff in die Übergangsverfassung die Machtbefugnisse des Präsidenten beschnitten und gleichzeitig sich selbst die alleinige gesetzgebende Macht gesichert.