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MUSEUM: Ägypten baut ein neues Wunder

In Kairo entsteht ein gigantisches Museum, das Grand Egyptian Museum. Es ist eines der grössten Kulturprojekte seit den Pyramiden. Das Problem dabei sind nicht einmal die exorbitanten Kosten.
Susanna Petrin, Kairo
Eine Computersimulation des Grand Egyptian Museum in Kairo. Visualisierung: www.archimation.com (Bild: ©Archimation für Heneghan Peng Achitects / www.archimation.com)

Eine Computersimulation des Grand Egyptian Museum in Kairo. Visualisierung: www.archimation.com (Bild: ©Archimation für Heneghan Peng Achitects / www.archimation.com)

Susanna Petrin, Kairo

Auf einer Sanddüne, nur zwei Kilometer von den Pyramiden von Gizeh entfernt, ziehen Dutzende von Arbeiter Hallen so hoch wie Hangare in den Himmel. Gelbe Gerüste umfassen 17 Meter hohe Fassaden aus Alabaster. Kleine Dreiecke bilden darin immer grössere Dreiecke; es entsteht ein architektonisches Spektakel aus Licht, Luft und Pyramiden. Hier am Rande Kairos entsteht auf Augenhöhe des letzten antiken Weltwunders ein modernes Weltwunder: das Grand Egyptian Museum, das grosse ägyptische Museum.

Alles an diesem Museum ist gross bis grössenwahnsinnig. 100000 Quadratmeter Fläche nimmt es ein, davon 50000 Quadratmeter überdachte Ausstellungsfläche. 50000 Artefakte von der Ur- bis zur griechisch-römischen Geschichte werden darin ausgestellt; 30000 davon hat die Welt zuvor noch nie gesehen. Weitere 50000 antike Objekte sollen in zugänglichen Magazinen lagern. Neben dem Museum entstehen acht Restaurants, 28 Geschäfte, ein Boutiquehotel und ein Konferenzsaal mit 1200 Plätzen. Eine zusätzliche Autospur sowie eine eigene Metrostation sind in Planung.

Der goldene König ist der Star des Museums

«Eine vierte Pyramide von Gizeh», so nannte Generaldirektor Tarek Tawfik das Museumsprojekt auch schon. Nun steht er auf einem Plateau vor der Baustelle und verkündet einem Besuchertrupp mit lauter Stimme: «Das wird ein neues Wahrzeichen für Ägypten. Zum ersten Mal werden Tutanchamun und die Pyramiden sich treffen.» Der goldene König Tutanchamun ist der Star des Museums: Nicht nur wird Ägyptens populärstes Artefakt, seine Totenmaske, bald hier präsentiert werden. Erstmals seit Howard Carter 1922 sein Grab entdeckte, sollen sämtliche seiner rund 5000 Grabbeigaben ausgestellt werden. Rund zwei Drittel von ihnen hatten im überfüllten ägyptischen Museum am Tahrir-Platz bisher keinen Ausstellungsplatz oder waren noch nicht restauriert worden. Weitere werden etwa aus dem Museum in Luxor hergeholt. Alles, alles will dieses Museum bei sich versammelt wissen.

Etwa so lange wie einst der Bau einer Pyramide dauert mittlerweile der Bau dieses vom Architekturbüro Heneghan Peng entworfenen Museums: Seit 14 Jahren ist man dran. Immer wieder wurde die Eröffnung angekündigt – und wieder verschoben. Die Wirren der Revolution haben das Ganze weiter verzögert. Die Gesamtkosten belaufen sich gemäss Tarek Tawfik inzwischen auf rund 1 Milliarde Dollar. Diese Kosten halte er im internationalen Vergleich für vertretbar. Der wichtigste Geldgeber ist Japan; das kulturaffine Land hat zwei Kreditpakete à 300 und 450 Millionen Dollar für den Bau gesprochen. Drei bis fünf Millionen Besucherinnen und Besucher pro Jahr werden erwartet, dann sollte das Haus sich gemäss Tarek Tawfik auch finanziell lohnen und die Kredite abzahlen können. Ein äusserst ehrgeiziges Ziel.

Bereits fertig und seit 2010 in Betrieb sind die 17 Restaurationslabors in unmittelbarer Nähe des Museums. Hier werden die Artefakte auf ihren neuen Auftritt vorbereitet. Tawfik zeigt auf ein paar elegante Schuhe: König Tutan­chamuns Goldsandalen sahen sehr alt aus, als sie hier eintrafen. Jetzt könnte man mit ihnen locker an der Nile Corniche spazieren gehen. Auch sein letztes Bett, seine Streitwagen, seine Halsketten; sein gesamter Hausrat für das Jenseits wird hier gesäubert und geflickt. Das alles möglichst schonend: So wird zum Beispiel eine ganz neue Erfindung benutzt, ein Leim auf Wasserbasis. Es handle sich um die grössten Labors der Welt, sagt Tarek Tawfik, gearbeitet werde auf allerneustem Stand der Restaurationstechnik. Und sollte die Zukunft dereinst noch bessere Techniken mit sich bringen, so sei man auch dafür bereit: «Alles, was wir hier tun, ist zu 100 Prozent reversibel.»

Sicher, die Objekte werden am neuen Ort besser aufbewahrt werden als im Ägyptischen Museum am Tahrir, wo Besucher die Statuen betatschen und Putzfrauen allabendlich munter literweise Wasser um die mehrtausendjährigen Objekte schwappen lassen. Anderseits hat das 115-jährige Gebäude mit seinen altmodischen Holzkästen in überfüllten Sälen einen nostalgischen Charme. Wenn nun bald seine Touristenattraktion Nummer eins, Tutanchamuns goldene Habseligkeiten, fehlt, droht es dann nicht massiv an Besuchern einzubüssen? Sabah Abdel-Razek, die Direktorin des Museums am Tahrir, verneint: Dem Haus blieben noch sehr viele einzigartige Werke, die nun dank des gewonnenen Platzes umso besser ausgestellt werden könnten. Hinzu kämen die attraktiven Abendöffnungszeiten.

Auch die Mumien werden abgezügelt

Skeptischer ist der Ägyptologe Mahmoud Ibrahim, einstiger Mitarbeiter am Ägyptischen Museum und heute PR-Manager der archäologischen Missionen der Uni Basel: «Ich befürchte, das Grand Egyptian Museum ist der Tod des Museums am Tahrir-Platz», sagt er. «Die Objekte am alten Ort sind vor allem für Wissenschafter interessant, das grosse Publikum will prioritär Tutanchamuns Schätze sehen.» Viel vernünftiger hätte er es gefunden, in die Renovierung und den Ausbau des alten Hauses zu investieren. Doch nun, da das neue Museum zu 70 Prozent fertig sei, könne man nur noch hoffen, dass dieses es schaffen werde, gleichzeitig mehr Aufmerksamkeit für das alte Museum zu wecken. Auch die Mumien, Publikumsrenner Nummer zwei, werden abgezügelt. In ein drittes Haus: ins National Museum of Egyptian Civilization, etwa acht Autokilometer südlich des Tahrir-Platzes. Ein Saal ist Anfang Jahr eröffnet werden; wann genau das Museum als Ganzes aufmacht, ist jedoch unklar. In Zukunft sollen die Schätze also auf drei Museen an drei Standorten verteilt werden.

In einem Jahr soll nun die Eröffnung sein

Kritiker monieren die Verschwendung von Steuergeldern. Und bei aller Grossartigkeit des Grand Egyptian Museum muss man sich fragen: Ist dieses XXL-Projekt in diesem wirtschaftlich gebeutelten Land zu rechtfertigen? Ist es ethisch vertretbar, Hunderte Millionen Dollar in gleich zwei neue Museen zu stecken, wenn einige Millionen Menschen nicht einmal genug Geld für Milch haben? Das neue Museum sei noch zu besseren Zeiten geplant worden, räumt ­Tarek Tawfik ein. Und manchmal sei es teurer, ein Projekt zu verkleinern, als es wie gehabt zu belassen. Doch glücklicherweise hätten die Ägypter sich nie gegen das Museum gestellt: «Es scheint, dass tief im Inneren jedes Ägypters ein Verständnis für die Wichtigkeit dieser alten Kultur ist und dafür, dass sie eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Zukunft Ägyptens ist.»

Das Museum werde nicht nur für Touristen gebaut, sondern in erster Linie für die Einheimischen: «Damit die jungen ägyptischen Generationen auf ihre Wurzeln aufmerksam gemacht werden und ihnen ihre Geschichte in einer modernen, attraktiven Weise nähergebracht wird. Damit sie in der Zukunft das Schutzschild für ihr historisches Erbe sind.» Tarek Tawfik spricht so auch die barbarischen Terroristen an, die im Nahen Osten Kulturgüter zerstören. Nur deren Wertschätzung könne das besonders reiche ägyptische Erbe schützen.

In einem Jahr soll die Eröffnung des Grand Egyptian Museum gefeiert werden. Diesmal wirklich, ist Tawfik überzeugt, er habe schon immer dieses Datum vorausgesagt. Mutig wäre, wer darauf 1 Milliarde wettete.

Die legendäre Totenmaske des Tutanchamun. (Bild: Getty)

Die legendäre Totenmaske des Tutanchamun. (Bild: Getty)

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