Lampedusa

Mutmasslicher Schlepper wird nach Flüchtlingsdrama festgenommen

Nach der Flüchtlingstragödie vor der Insel Lampedusa wird unter den Überlebenden nach Organisatoren der Überfahrt gesucht. Ein erster Verdächtiger – ein 35 Jahre alter Tunesier – wurde bereits festgenommen.

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Das Flüchtlingsdrama in Lampedusa bewergt die Welt.

Das Flüchtlingsdrama in Lampedusa bewergt die Welt.

Keystone

Ihm wird mehrfache fahrlässige Tötung vorgeworfen, er beteuert seine Unschuld.

Die ermittelnden Staatsanwälte der sizilianischen Stadt Agrigent wollen mit der Befragung von Überlebenden feststellen, ob sich unter ihnen Schlepper befinden, die die Überfahrt von Libyen nach Lampedusa organisiert hatten. "Wir suchen nach Beweisen, um festzustellen, wer für diese Tragödie verantwortlich ist", betonte der Staatsanwalt von Agrigent, Ignazio Fonzo.

Unterdessen konnte die Suchaktion nach weiteren Leichen im Wrack des vor Lampedusa gekenterten Flüchtlingsbootes wegen der schlechten Wetterlage nicht fortgesetzt werden. Starker Schirokkowind machte den Tauchermannschaften zu schaffen. Flugzeuge und Helikopter überflogen das Meer auf der Suche nach Leichen.

Seit Donnerstagabend wurden keine Leichen mehr geborgen. Bisher wurden 111 Tote gezählt, doch bis zu hundert Leichen könnten sich noch im Wrack befinden. Befürchtet wird, dass die Zahl der Toten sogar auf 300 steigen könnte. Die Suchaktion soll am Sonntag fortgesetzt werden.

Ein beträchtlicher Teil der Todesopfer des Flüchtlingsunglücks sind Frauen. Unter den 111 geborgenen Leichen befanden sich 49 Frauen. Nur vier der insgesamt 155 Überlebenden sind weiblichen Geschlechts.

Überlebende sollen in Rom untergebracht werden

An Bord des Flüchtlingsbootes soll es zu einem Benzin-Leck und dadurch zu einem grossen Brand gekommen sein. Zuvor hatten einige Migranten Decken in Flammen setzten, um die Aufmerksamkeit vorbeifahrender Schiffe auf sich zu lenken, berichteten Überlebende.

Vier Flüchtlinge, die sich in besonders kritischem Gesundheitszustand befanden, wurden in ein Spital nach Palermo geflogen. Die anderen Überlebenden wurden vorerst im Auffanglager von Lampedusa untergebracht, in dem sich zurzeit über 1050 Migranten aufhalten.

Da das Auffanglager über lediglich 250 Plätze verfügt, sollen mehrere hundert Menschen auf das italienische Festland verlegt werden.

Die Überlebenden der Tragödie sollen in Rom untergebracht werden, wie der Bürgermeister der Hauptstadt, Ignazio Marino, bei einer Gedenkwache zu Ehren der Toten des Unglücks vor dem Rathaus in Rom sagte. "Das ist ein erstes Signal der Revolte gegen Gleichgültigkeit und Resignation."

Politiker-Besuche auf Lampedusa

Am Samstag besuchte die Präsidentin der italienischen Abgeordnetenkammer, Laura Boldrini, das Auffanglager in Lampedusa. Die ehemalige Sprecherin des Flüchtlingswerks UNHCR meinte, man müsse Italiens gesamte Migrationspolitik überdenken und verstärkt auf Solidarität und Integration setzen.

Auf Lampedusa trafen am Samstag auch somalische Diplomaten ein. "Wir wollen uns ein Bild der Situation machen und mit unseren Mitbürgern sprechen", sagte ein Mitglied einer Delegation der somalischen Botschaft in Rom.

Die Flüchtlingswelle in Richtung Süditalien macht trotz der Tragödie vor Lampedusa nicht Halt. Am Samstag traf ein Boot mit 120 Syrern unweit von Capo Passero nahe der sizilianischen Stadt Syrakus ein. An Bord befanden sich mehrere Kinder.