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MYANMAR: Das unerwünschte Volk

Seit dem Wochenende sind 8700 Angehörige der verfolgten muslimischen Minderheit Rohingya Myanmar nach Bangladesch geflohen. Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, einst Hoffnungsträgerin der Rohingya, giesst Öl ins Feuer.
Ulrike Putz, Singapur
Rohingya in einem Flüchtlingslager in Bangladesch an der Grenze zu Myanmar. (Bild: Emrul Kamal/AFP/Getty (Ukhiya, 29. August 2017))

Rohingya in einem Flüchtlingslager in Bangladesch an der Grenze zu Myanmar. (Bild: Emrul Kamal/AFP/Getty (Ukhiya, 29. August 2017))

Über zehntausend Rohingya versuchen derzeit, aus ihrer Heimat Myanmar (Burma) ins benachbarte Bangladesch zu fliehen. Seit Samstag haben laut den Vereinten Nationen 8700 Menschen die Grenze überquert. Tausende Angehörige der verfolgten muslimischen Minderheit sässen aber auf der myanmarischen Seite fest und seien dort grosser Gefahr ausgesetzt. Augenzeugen auf bengalischem Gebiet berichteten davon, Gewehrfeuer zu hören und Militärhubschrauber zu ­sehen, die über gestrandeten Flüchtlingsgruppen kreisten.

Die jetzige Fluchtwelle war von Kämpfen zwischen dem myanmarischen Militär und den Bewaffneten einer Miliz der muslimischen Minderheit vergangene Woche ausgelöst worden. Bei den Zusammenstössen kamen mehr als 100 Menschen ums ­Leben. Die Arakan Rohingya Salvation Army soll über Hunderte Kämpfer verfügen und von Saudi-Arabien finanziert werden.

UNO-Kommissar greift San Suu Kyi an

Die Gewalteskalation hat den Hohen Kommissar für Menschenrechte der Vereinten Nationen, Seid Raad al-Hussein, auf den Plan gerufen. In einem am Dienstag veröffentlichten Statement griff er die myanmarische Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die in Yangon die Fäden der Macht in der Hand hält, scharf an. Suu Kyi verhalte sich «unverantwortlich», wetterte der UNO-Mann. Die Gewaltausbrüche seien «vorhersehbar und vermeidbar gewesen». Jahrzehnte von systematischen Menschenrechtsverletzungen hätten dazu beigetragen, gewaltsamen Extremismus heranzuzüchten. Die Politikerin hatte in einem am Sonntag veröffentlichten Statement behauptet, Mitarbeiter der Vereinten Nationen hätten an von «extremistischen Terroristen» ausgeführten Operationen «teilgenommen». Als Beweis führte sie an, dass Soldaten in einem ­Rebellenlager von der UNO verteilte Kekse gefunden hätten. Al- Hussein kritisierte, durch ihre Aussagen habe Suu Kyi die Mitarbeiter von internationalen Hilfsorganisationen in Gefahr gebracht, sodass diese ihre Arbeit nicht mehr verrichten könnten. Die UNO evakuierte in den vergangenen Tagen über 100 Mitarbeiter aus dem Krisengebiet.

Vergangene Woche hatte eine UNO-Kommission unter Leitung des ehemaligen Generalsekretärs Kofi Annan ihren Untersuchungsbericht zur Lage der Rohingya veröffentlicht. Darin riefen die Experten die Regierung in Yangon auf, den etwa eine Million Menschen die myanmarische Staatsangehörigkeit und Bürgerrechte zuzugestehen. Sollten die Repressalien anhalten, könnte die Gewalt in Rakhine schnell ausser Kontrolle geraten.

Die Probleme der Rohingya reichen Jahrzehnte zurück. Obwohl sie seit Generationen in Myanmar heimisch sind, gelten sie seit 1982 nicht mehr als Staatsbürger, sondern als «Bengalis», also als illegal in Myanmar lebende Bangladescher. Sie haben kein Recht auf Schulbildung, dürfen sich nicht frei im Land bewegen, können Beruf und Ehepartner nicht frei wählen.

Beobachter sprechen von «Völkermord auf Raten»

Grund für die Ausgrenzung der Rohingya ist ihr muslimischer Glaube: Myanmar ist buddhistisch geprägt, es gibt extremistisch-buddhistische Strömungen. 2012 zettelten radikale Mönche ­gemeinsam mit dem Militär Po­grome an Rohingya an. Über 120000 Menschen wurden aus ihren Dörfern vertrieben und in Internierungslager rund um die Küstenstadt Sittwey gepfercht. Dort, im Bundesstaat Rakhine, leben sie seitdem in bitterer Armut. Viele leiden Hunger. Internationale Beobachter vor Ort sprechen von einer gezielten Politik der Vertreibung und Vernichtung der Rohingya, von einem Völkermord auf Raten.

Letzten Oktober trat die Arakan Rohingya Salvation Army erstmals in Aktion, als sie neun Polizisten tötete. Die Staatsmacht schlug mit aller Macht zurück. Armee-Einheiten brannten ganze Dörfer nieder, Überlebende berichteten von Erschiessungen und Massenvergewaltigungen. 80000 Rohingya flohen damals vor den Pogromen. Insgesamt leben etwa 400000 Flüchtlinge aus Myanmar in Bangladesch.

Wie viele Myanmarer hatten auch die Rohingya ihre Hoffnungen lange Zeit in den Machtwechsel in Yangon und Suu Kyi gesetzt. Tatsächlich gewann die «Lady» die Wahlen im November 2015 haushoch und ist seitdem die De-facto-Machthaberin in Myanmar. Doch zeigte sich die Freiheitskämpferin den Rohingya gegenüber zuletzt zunehmend feindlich.

Ulrike Putz, Singapur

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