MYANMAR: Flucht über Minenfelder

Immer mehr Rohingya fliehen vor den Kämpfen im Westen des Landes. Anscheinend wurde die Grenze vermint – von wem, ist noch unklar.

Ulrike Putz, Singapur
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Die Kritik an Staatsrätin und Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi (auf dem Plakat) wegen ihres Umgangs mit der Rohingya-Krise wächst. (Bild: Tatan Syuflana/AP (Jakarta, 4. September 2017))

Die Kritik an Staatsrätin und Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi (auf dem Plakat) wegen ihres Umgangs mit der Rohingya-Krise wächst. (Bild: Tatan Syuflana/AP (Jakarta, 4. September 2017))

Ulrike Putz, Singapur

Der Exodus der Rohingya in Myanmar geht weiter: In den vergangenen zwölf Tagen sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen mindestens 164 000 Angehörige der verfolgten muslimischen Minderheit ins angrenzende Bangladesch geflohen. Einige Flüchtlinge seien mit schwersten Verletzungen in den dortigen Flüchtlingslagern eingetroffen, berichteten Helfer und Journalisten vor Ort. Allem Anschein nach habe das myanmarische Militär Teile der Grenze vermint. Die Regierung in Yangon bestritt nicht, dass es Sprengfallen an der Grenze gebe, suggerierte aber, die Rohingyas selbst hätten die Minen gelegt.

Für die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi wächst sich die humanitäre Krise derweil zu einem Imagedebakel aus. Die Politikerin galt jahrzehntelang als Hoffnungsträgerin für den Wandel in Myanmar. Seit dem Machtwechsel in Yangon 2015 führt sie als Staatsrätin dort faktisch die Regierung. Die 72-Jährige, die früher von Polit- und Pop-Prominenz hofiert wurde, hat sich seitdem zumindest beim Thema Rohingya als Hardlinerin entpuppt.

Sicherheitsrat der UNO sucht Resolution

Die Schuld für die jetzige Gewalteskalation sucht Suu Kyi allein bei den Muslimen, die sie neuerdings nur noch «Terroristen» nennt. In einem Telefonat mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan beklagte sie sich am Mittwoch darüber, dass alle Welt Fake News aufgesessen sei: Ein «Eisberg an Falschinformation» sei in die Welt gesetzt worden, internationale und soziale Medien betrieben Propaganda für die «Terroristen». Nachdem sie für diese Aussagen kritisiert worden war, betonte sie gestern, die Regierung würde sich um alle in Myanmar befindlichen Menschen kümmern, ob diese nun Staatsbürger seien oder nicht. Staatsbürger oder nicht: Genau das ist das Problem der etwa eine Million Rohingya.

Obwohl sie seit Generationen im ehemaligen Burma heimisch sind, gelten sie seit 1982 nicht mehr als Myanmarer, ­sondern als «Bengalis», also als illegal in Myanmar lebende Bangalen. Im Jahr 2012 zettelten ­radikale Buddhisten-Mönche ­gemeinsam mit dem Militär Pogrome gegen die Muslime an. Über 120 000 Menschen wurden aus ihren Dörfern vertrieben und in Internierungslager im westlichen Bundesstaat Rakhine gepfercht. Im vergangenen Oktober trat dort die Arakan Rohingya Salvation Army erstmals in Aktion, als sie neun Polizisten töteten. Die Staatsmacht schlug mit aller Macht zurück. 80 000 Rohingya flohen damals vor den Gewaltexzessen. Insgesamt leben etwa 500 000 Flüchtlinge aus Myanmar in Bangladesch.

Die jetzige Massenflucht war am 25. August in Gang gekommen, als die Rohingya-Miliz etwa 30 Polizeistationen angriff. Junge Männer gingen mit Metallstangen, Macheten und Messern auf die Beamten los. Seitdem gelten die Rohingya als Freiwild. 400 Menschen kamen bis heute bei Kämpfen und auf der Flucht um. Mit der Lage in den Camps der Rohingya beschäftigte sich jüngst eine von den Vereinten Nationen bestellte Untersuchungskommission unter der Leitung des ehemaligen Generalsekretärs Kofi Annan. Der warnte, dass das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte zu gewaltsamem Widerstand führen werde. Keine drei Stunden, nachdem Annan seinen Bericht veröffentlicht hatte, schlug die Rohingya-Miliz los.

Der jetzige Generalsekretär der UNO, Antonio Guterres, warnte am Mittwoch, dass die ­andauernde Gewalt in einer «humanitären Katastrophe enden» könnte. Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wird derzeit über eine mögliche Resolution zum Flüchtlingsdrama in Myanmar beraten. Yangon versucht, China und Russland davon zu überzeugen, ihr Veto einzulegen.