Las Vegas Massaker
Mysterium Stephen Paddock: Ein hochintelligenter Mann, der zum Amokläufer wurde

Warum beschliesst ein wohlhabender älterer Mann, dass er Massenmord begehen will? Nach dem Amoklauf von Stephen Paddock tappt die Polizei noch immer im Dunkeln.

Renzo Ruf aus Washington
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Kriminologen sagen übereinstimmend, der Massenmörder habe wenig gemein mit anderen Amokläuf.

Kriminologen sagen übereinstimmend, der Massenmörder habe wenig gemein mit anderen Amokläuf.

Keystone

Poker ist ein geselliges Spiel. Stephen Paddock (64) aber war kein geselliger Mensch, glaubt man seinem Umfeld. Er spielte zwar liebend gerne, und verdiente sich mit viel Glück und einigem Können ein kleines Vermögen, hatte aber kein Interesse an zwischenmenschlichen Kontakten und den Finessen eines Kartenspiels. Also verbrachte er seine Zeit in den Spielkasinos im Bundesstaat Nevada mehrheitlich vor Automaten, auf denen er Videopoker spielte.

Zwar hat die automatisierte Version des Glückspiels wenig mit dem Original gemeinsam; dem zahlenbegabten Paddock gelang es aber, jährlich mehrere hunderttausend Dollar zu verdienen. In den Casinos von Las Vegas, Mesquite und Reno war er dank seinen hohen Einsätzen ein gern gesehener Gast, der entsprechend verwöhnt wurde – mit Hotelzimmern, Mahlzeiten, Tickets zu begehrten Konzerten, alles auf Kosten des Hauses.

Derweil führte Paddock «ein Doppelleben», wie es der Sheriff von Las Vegas, Joseph Lombardo, in der vergangenen Woche treffend formulierte. In der Öffentlichkeit gab er den Früh-Ruheständler, der in desolaten Familienverhältnissen aufgewachsen, recht spät im Leben mit Immobiliengeschäften wohlhabend geworden war und sich und einem engen Freundeskreis nun ein luxuriöses Leben gönnte – auch wenn er zurückgezogen und unstet lebte. Insgeheim aber plante Paddock, vielleicht bereits seit Jahren, ein Massaker. So deckte er sich mit immer mehr Waffen ein, bis er mehr als 50 Gewehre und Revolver besass. Auch kaufte er sich ausreichend Munition. Dabei schien er sorgsam darauf bedacht, keinen Verdacht bei Waffenhändlern zu wecken. Sämtliche Transaktionen waren legal, heisst es aus Behördenkreisen.

Hotelzimmer mit Festivalblick

Dann intensivierte Paddock plötzlich seine Vorbereitungsarbeiten. Im Sommer 2017 mietete er sich zwei Hotelzimmer in Chicago (Illinois) an, mit Blick auf das vier Tage dauernde Musikfestival «Lollapalooza». (Paddock soll seine zwei Hotelzimmer aber nie bezogen haben.) Anschliessend buchte Paddock Ende September über die Plattform Airbnb insgesamt drei Zimmer in einem Apartmentgebäude im eigentlichen Stadtzentrum von Las Vegas, von dem aus die Konzertreihe «Life is Beautiful» zu sehen war. (Es ist unklar, ob er die Zimmer bezog.)

Eine Woche später, am 28. September, bezog er schliesslich zwei Zimmer im «Mandalay Bay», gleich gegenüber dem internationalen Flughafen von Las Vegas. Auf der 32. Etage (gemäss amerikanischer Zählweise) verschanzte er sich. Am Sonntagabend, gegen 22.05 Uhr (Lokalzeit), eröffnete er schliesslich das Feuer auf die Tausenden von Besucherinnen und Besuchern eines Country-Festivals auf einem mehrere hundert Meter entfernten Gelände.

Unklar bleibt das Motiv für die Gewalttat. Kriminologen sagen übereinstimmend, der Massenmörder habe wenig gemein mit anderen Amokläuf- ern – normalerweise handelt es sich dabei um viel jüngere Männer, die Schwierigkeiten haben, sich im Leben zurechtzufinden. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass Paddock mit psychischen Problemen kämpfte. So liess er sich das Beruhigungsmittel Diazepam verschreiben, das umgangssprachlich als Valium bezeichnet wird. Auch soll er in den letzten Monaten seines Lebens zunehmend ungepflegt gewirkt haben.

Einen Bekennerbrief hat Paddock nicht hinterlassen. Zwar wurde in der «Mandalay Bay»-Suite eine Notiz gefunden, aber um einen klassischen Abschiedsbrief habe es sich dabei nicht gehandelt, sagt Sheriff Lombardo. Paddock sei ein Einzeltäter gewesen, so Lombardo weiter. Er müsse aber Helfershelfer gehabt haben. Wer? Niemand scheint dies derzeit zu wissen. Und der Mann, der weiterhelfen könnte, ist tot. Paddock setzte seinem Leben am Sonntag, zwischen 22.15 Uhr und 23.20 Uhr, ein Ende.

«Bump Stocks» (am Schaft) verwandeln halb- in vollautomatische Waffen.

«Bump Stocks» (am Schaft) verwandeln halb- in vollautomatische Waffen.

AP

Wird Washington auf Las Vegas reagieren?

Washington will im Nachgang zum Massaker von Las Vegas gesetzlich gegen die Modifizierung von halbautomatischen Waffen vorgehen. Zwischen Republikanern und Demokraten scheint sich der Konsens herauszubilden, sogenannte «Bump stocks» – das sind Aufsätze, die eine schnellere Schussabgabe ermöglichen – zu verbieten. Selbst die Waffenlobby NRA (National Rifle Association) signalisierte in einer ersten Stellungnahme ihr grundsätzliches Einverständnis, den Zugang zu den Aufsätzen
zu erschweren. Der Teufel steckt allerdings im Detail.

So ist unklar, was mit den «Bump Stocks» geschehen würde, die sich bereits im Umlauf befinden. Hersteller wie die Firma Slide Fire aus Moran (Texas) sagen, derzeit sei der Ansturm auf die 2010 legalisierten Produkte derart gross, dass sie mit der Produktion nicht mehr nachkämen. Auch müsste geregelt werden, ob sich Eigentümer von «Bump stocks» registrieren lassen müssen. (RR)