Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

NABOKOV: Weltbürgertum und Selbstisolation

Die Flucht vor den Bolschewiki war für Vladimir Nabokov («Lolita») ein ewiges Trauma. Trotzdem blieb er sein Leben lang stolzer Russe – und ein Kosmopolit. Heute vor 40 Jahren starb der multilinguale Schriftsteller in Montreux.
Isabelle Daniel, Montreux
Vladimir Nabokov auf dem Balkon seiner Suite im «Montreux Palace». (Bild: Horst Tappe/KEY (Montreux, 1965))

Vladimir Nabokov auf dem Balkon seiner Suite im «Montreux Palace». (Bild: Horst Tappe/KEY (Montreux, 1965))

Isabelle Daniel, Montreux

Der Blick vom Balkon der berühmtesten Suite im Luxushotel Montreux Palace geht direkt auf den Genfersee. Was das innere Auge unvermittelt ergänzt, lässt sich im Innern der Suite in Schwarz-Weiss nachbetrachten: Auf dem ikonischen Bild des Fotografen Philippe Halsman sitzen Vladimir und Véra Nabokov beim Schachspiel auf diesem Balkon, fünf Stockwerke über dem piniengesäumten Quai Edouard Jaccoud.

Die Nabokov-Suite im Altbau des «Montreux Palace» ist die sichtbarste Erinnerung an die beiden prominentesten Dauergäste des Hotels. Nach Véra Nabokovs Tod 1991 liess die Hotelleitung den in die Jahre gekommenen Altbau sanieren – und damit auch jene Etage, die die Nabokovs seit 1961 dauerhaft und vollständig bewohnt hatten. Das Herzstück der Nabokov-Suite jedoch ist bis heute fast originalgetreu erhalten. Hier das schwere Holzbett, dort der filigrane Schreibtisch mit einem von Nabokov verursachten Tintenfleck in der Schublade und dem passenden Schreibtischstuhl, «der eigentlich nicht in ein Fünfsternehotel passt, aber eben Nabokovs Schreibtischstuhl war», wie «Palace»-Pressesprecherin Gisèle Sommer sagt.

Oktoberrevolution zwingt Nabokov ins Exil

Der Hype um Nabokov ebbt auch 40 Jahre, nachdem der Literat in seinem letzten Domizil starb, nicht ab. Bis heute erhalte sie viele Anfragen von Journalisten aus aller Welt, die die Nabokov-Suite besichtigen wollten, sagt Sommer. Das mag auch an der Aura des Mysteriösen liegen, die Vladimir Nabokov bis heute umgibt. Das Multitalent Nabokov – Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Schmetterlingsforscher – war auch ein grosser Geheimniskrämer, der alles Private hütete wie einen Schatz. Philippe Halsman, dessen Fotografien des Ehepaares Nabokov die ganze sechste Etage schmücken, gehörte zu den wenigen Personen, die die Gemächer der Nabokovs zu deren Lebzeiten betreten durften. Vladimir und Véra Nabokov seien äusserst verschlossen gewesen, Besuch hätten sie grundsätzlich in den Salons im Erdgeschoss empfangen, sagt Sommer. «Nabokov war sehr diskret.»

Diesen Eindruck gewann auch Peter Ustinov. «Nabokov war sehr empfindlich. Alles, was persönlich war, gehörte weggeschlossen», sagte Ustinov 1996. Der Schauspieler, während Dreharbeiten 1961 selbst Langzeitgast im «Palace», berichtete dem Kulturmagazin «Du» damals von seiner flüchtigen Freundschaft mit Vladimir Nabokov und zeichnete dabei das Bild eines exzentrischen, zugleich aber introvertierten Intellektuellen. Beispielhaft für Nabokovs Eigenartigkeit sei dessen Leidenschaft für Schmetterlinge gewesen. «Nabokov war überzeugt davon, dass Schmetterlinge einen schlechten Charakter haben, alle, und deshalb hat er sie so genau studiert.»

1899 in St. Petersburg geboren, kannte Nabokov bis zum Ausbruch der Oktoberrevolution 1917 nur den Luxus und Feinsinn, der im russischen Zarenreich jener kosmopolitischen Elite vorbehalten war, der seine Eltern angehörten. Noch nach dem Sturz des Zaren im März 1917 war sein Vater an der provisorischen republikanischen Regierung beteiligt.

Die Oktoberrevolution und die darauffolgende Machtübernahme der Bolschewiki setzte dem Familienleben in Petersburg ein jähes Ende und machte Nabokov zu einem Heimatlosen im Dauerexil, das, bis zum Erscheinen seines bahnbrechenden Romans «Lolita» im Jahr 1955, von enormen Entbehrungen geprägt war. Seine russische Identität sollte Nabokov aber auch nach Jahren im englischen, deutschen, französischen und amerikanischem Exil nie ablegen. Seinen Hass auf die Sowjetunion, die ihn um die Heimat betrogen hatte, fasste Nabokov schon während der Jahre seines ersten Exils im Berlin der Zwischenkriegszeit in Worte. «Ich verachte den kommunistischen Glauben als Idee gemeiner Gleichheit, als eine langweilige Seite in der feierlichen Geschichte der Menschheit, als Verneinung weltlicher und nichtweltlicher Schönheit, als etwas, das ­einen dummen Anschlag auf mein freies Ich verübt, als Förderung von Unwissenheit, Stumpfsinn und Selbstzufriedenheit», empörte er sich 1923 im «Rul», der damals grössten russischen Tageszeitung Berlins.

Exil als zentrales literarisches Motiv

In der russischen Emigrantenszene Berlins lernte er die russisch-jüdische Emigrantin Véra Slonim kennen, in der er eine Seelenverwandte und Muse sah, wie die für ihre Biografie «Véra» mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Autorin Stacy Schiff sagt. 1925 heiratete das Paar, das trotz einer vorübergehenden Trennung während der zweiten Flucht – diesmal vor den Nationalsozialisten – eine gemeinsame Front gegen die Aussenwelt bildete.

Véra, die ihren Mann Vladimir zur Veröffentlichung seiner 1955 erschienenen «Lolita» ermutigt hatte, sollte ihn, der von Teilen der Literaturkritik und Öffentlichkeit wegen seines Romans über den pädophilen Ich-Erzähler Humbert Humbert der Pornografie beschuldigt wurde, für den Rest ihres Lebens geduldig verteidigen.

Gemeinsam gewesen sei den Eheleuten Nabokov nicht nur die Begabung für Sprachen, sondern auch die «eiserne» Sicht auf den Kommunismus. «Véra war der Meinung, man müsse jeden Hinweis auf den Kommunismus auslöschen», sagt Schiff. Den endgültigen Zerfall der Sowjetunion erlebte Véra Nabokov nicht. Sie starb acht Monate vor der Auflösung der UdSSR, im April 1991, in Vevey. Trotz der Ablehnung der Sowjetunion seien die Nabokovs immer stolze Russen geblieben – und stolze Weltbürger, sagt Brian Boyd heute. Der neuseeländische Literaturwissenschaftler gehört zu den besten Kennern von Nabokovs Werk und ist Verfasser einer monumentalen, zweibändigen Nabokov-Biografie, die er auf der Basis von Archivmaterial schrieb, das Véra Nabokov ihm nach dem Tod ihres Mannes zugänglich machte.

Nabokovs Exilerfahrung ist leitendes Motiv in seiner Literatur. «Er bestand darauf, dass er das Exil schon als Jugendlicher gefühlt habe, noch vor der Revolution», sagt Boyd. «Exil ist bei Nabokov eng verknüpft mit Erinnerung, einem anderen zentralen Thema.» Nabokov habe exakte Erinnerungen an seine glückliche Kindheit und Jugend in Russland bewahrt, ja, sei geradezu vernarrt in sie gewesen. In seiner Autobiografie «Erinnerung, sprich» habe Nabokov sich deshalb fast ausschliesslich auf die 18 Jahre vor der Russischen Revolution konzentriert. «Während die Flucht vor der Revolution in den Romanen kaum auftritt, findet die Fantasie einer Rückkehr nach Russland in einer Reihe von Nabokovs Werken Platz», sagt Boyd.

Doch die Rückkehr nach Russland blieb ein Gedankenspiel für die Ewigkeit. «Dass Nabokov nie in die Sowjetunion zurückgekehrt ist, ist typisch für die Emigranten aus dieser Zeit», sagte Peter Ustinov 1996. «Er wollte seine Vorurteile leben, das war bequemer.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.