Kuba
Nach Chávez’ Tod lahmt auf Kuba die Fabulierlust, dafür gibts ersten Stress

Die Kubaner beteten lange, ihr Gönner und Sponsor Hugo Chávez möge nicht sterben. Jetzt, wo der venezuelanische Staatschef tot ist, beten sie, die Periode der Besserung möge nicht mehr enden. Ein Augenschein in Havanna.

Max Dohner, Havanna
Drucken
Teilen
Kubas Alltag nach dem Tod von Hugo Chávez
11 Bilder
Tristes Luyano Bei Regenwetter und kühlen Temperaturen wie in den letzten Tagen zeigt sich das wahre Gesicht des kubanischen Alltags.
Nebenstrasse zur Carlo sIII Es wimmelte schon immer von Leben in Havannas Strassen. Seit Kleingewerbe zugelassen ist, noch mehr.
Der nächste Badeort in Richtung Westen Baracoa, etwa eine Stunde von Havanna entfernt, ist ein kleiner Badeort. Allmählich floriert der Fischfang.
Geschäftsessen Hinter der Festung sitzen Kubaner mit einem chinesischen Partner zusammen.
Tätowier-Studio Der Besitzer des Studios nutzt eine Pause, um dem Treiben auf der Strasse zuzuschauen.
Warten auf den Reisebescheid Resien ist möglich neuerdings - aber weiterhin schwierig. Entscheide dauern oft lange. Blick in eine Wohnung von Alt-Havanna.
Unweit vom Zentrum In höheren Stockwerken wird deutlich, wie abenteuerlich oft gebaut wird für abenteuerlich wachsende Sippen.
Der Klassiker Im Oldtimer, Baujahr 1954, am Capitol vorbeifahren zum Parque Central und Prado, die Touristenroute - und das Kuba-Klischee par excellence.
Die Zukunft fertig bauen Rigoberta zwischen den Hütten, wo ihre Sippe wohnt. Sie möchte das Haus ausbauen und geht dafür zwei Jahre nach Venezuela - sofern sie jetzt noch gehen kann.
Chacón in Zentral-Havanna Wo Häuser renoviert werden, sind bald auch Geschäfte zu tätigen.

Kubas Alltag nach dem Tod von Hugo Chávez

Max Dohner

Auf der letzten Sozialismus-Insel beten sie. Unablässig. Seit der Nachricht, dass Venezuelas Präsident Hugo Chávez auf den Tod erkrankt sei. Und seit Chávez’ Tod beten sie noch inbrünstiger. Alle beten sie: die Vertreter aller Klassen in dieser behauptet klassenlosen Gesellschaft. Der Besitzer mehrerer Immobilien (verteilt auf seine Familie) ebenso wie die mittellose Hausfrau gegenüber, die in ihrer Casería, ihrer Behausung, einen Zwischenboden einziehen musste, eine Barbacoa, um ihrem Neffen einen Schlafplatz zu schaffen. Und es betet der pensionierte Lastwagenfahrer in San Miguel de Padrón, einem Viertel, wo Tausende illegal aus den Provinzen Zugewanderte abenteuerliche Hütten bauten für ihre abenteuerlich wachsenden Sippen.

Den Hinweis, der «Chavismus» sei mit Chávez ja nicht unbedingt gestorben, ignorieren sie. Als wollten sie daran gar nicht denken: an eine Nachfolge. An ein Kontinuum des Zustandes, von dem sie doch sagen, sie hätten ihn «einzig und allein Hugo Chávez zu verdanken». Diesen Zustand beziffern die meisten – nach einiger Überlegung – mit «zehn Prozent». Auf «zehn Prozent» veranschlagen sie die Besserung der Verhältnisse. Kubaner klagen gern – und mittlerweile auch furchtlos auf die Strasse hinaus. Jeder braucht sicher hundertmal am Tag die Wendung: «No es facil» – «es ist nicht einfach». Das ist immer noch so: Der Alltag ist pausenloser Krampf und Kampf. Aber um «zehn Prozent» leichter.

Das aber hat das Strassenbild viel mehr als nur um «zehn Prozent» verändert. Seit Raúl Castro das Gewerbe für Private erlaubt hat, mit nach wie vor eng geführten Zügeln, ist eine Vielzahl von Kleinmärkten entstanden. In der Hauptstadt Havanna wimmelte es seit je von Leben – ein unerschöpflicher Theatercorso für müssige Zuschauer, die sich um die Versorgung mit einfachsten Gütern keine Sorgen machen müssen.

Jeder ist unterwegs, um «ein Problem zu lösen», um bei der anhaltenden Knappheit aller Güter irgendwas zu besorgen. Meist zu Fuss, denn das Transportproblem ist gravierend. Auch das hat sich freilich merklich gebessert. So sind etwa die gefürchteten, stets zum Bersten vollgepferchten «Kamele» verschwunden und durch chinesische Stadtbusse ersetzt worden. Aber in einer Stadt, wo drei Millionen täglich unterwegs sind für kleinste Besorgungen, bleibt das Problem akut. Trotz der vielen neu privat zugelassenen Taxis.

Einer, der von der Lizenzen-Lockerung profitierte, ist der sechzigjährige Ricardito (alle Namen geändert). Sein Leben lang hatte Ricardito die Lizenz für eine «Maquina», für das Taxifahren in einer alten Kiste, ausschliesslich für Einheimische. Die bezahlten in kubanischen Pesos. Lohnen aber tat sich das Geschäft immer nur in sogenannten konvertiblen Pesos (der Währung für Touristen), sozusagen in kubanischen Dollars. Die Folge war klar: Ricardito fuhr, wenn sich die Gelegenheit bot, auch Ausländer. Die Methode aller – darum bezeichnete sich auch jeder Kubaner als «halb Legaler». Anders war Überleben gar nicht möglich.

Allgegenwärtig jedoch war auch die Polizei. An jeder Ecke stand ein Uniformierter, meist blasiert an ein schweres Motorrad gelehnt, mit Walkie-Talkie und stets drohender Miene. Jederzeit konnte die Polizei alles kontrollieren. Was sich nicht bescheinigt in der Tasche fand, war illegal beschafft. Heute sind diese Popanzen der Arroganz nur noch für den Strassenverkehr zuständig. Viele von ihnen wurden entlassen. Die meisten sind jetzt Kleingewerbler. Dass im Alltag diese Kontroll-Allmacht verschwand, ist das auffälligste Zeichen der Besserung, eigentlich nichts anderes als eine Befreiung.

Ricardito steuert einen Chevrolet Bel Air, Baujahr 1954. Ständig lief er früher Gefahr, mit der Taxilizenz auch seine Lebensgrundlage zu verlieren, wenn er mit Ausländern erwischt wurde. Für den Fall, dass ihn die Polizei stoppte, bläute er seinen ausländischen Kunden einen Roman ihrer angeblichen Freundschaft ein – Freunde durfte er fahren. Einen Leitfaden könnte er herausgeben, sagte Ricardito, wie man Polizisten anschmiere, eine eigentliche Taxi-Poetologie: «Eine Geschichte muss umständlich sein, um glaubwürdig zu klingen, jedoch einen Kern Wahrheit enthalten, die dem fabulierten Dekor die Festigkeit verleiht.»

Kapitalistische Regeln bringen Ricardito jetzt bisher nie erlebte Prosperität, aber seither lahmt etwas die Fantasie. Nun kann er fahren, wen er will, bei ordentlich bezahlten satten Steuern auch wie viele er will. Ricardito ist pünktlich wie ein Schweizer, liest alle greifbaren Zeitungen für politische und kulturelle Konversation mit Ausländern und hat sogar im Internet eine eigene Seite aufgeschaltet. Wie alle Kubaner ist Ricardito wendig. Flexibilität muss man sie nicht lehren, das hat die Realität längst erledigt. Ricardito denkt daran, sein Unternehmen auszubauen, weitere Taxis fahren zu lassen, von eigenen Angestellten.

Auch Vermieter von Privatwohnungen bauen rasch und kräftig aus. Handel mit Immobilien ist inzwischen möglich. Und schon tummeln sich im Markt die ersten Haie. In einer Strasse von Alt-Havanna musste eben der letzte Mieter seine Wohnung räumen. Schon am anderen Tag schlugen Arbeiter die Zwischenwände ein, um für den Besitzer ein neues «Hostal» zu schaffen, mittlerweile bereits sein drittes. Der Besitzer rast von einer Ecke zur anderen; «dynamisch» heisst das im Manager-Jargon. Erste Zeichen von Stress, von «Nie genug!» sind nicht zu übersehen.

Der orthodoxe Sozialismus ist definitiv vorbei auf Kuba. Niemand glaubt, dass sich das Rad je wieder zurückdrehe. Das habe man dem Bolivar-Sozialisten Hugo Chávez zu verdanken – daran halten Kubaner weiter fest im Glauben und beten, diese Periode möge jetzt nicht enden.

Ungewiss ist drum auch das Schicksal von Rigoberta. Die Krankenschwester sollte gestern nach Venezuela aufbrechen für ihr zweites Jahr. Seit einer Woche ist sie hin und her gerissen: Der Lohn sank von 50 auf inzwischen 30 Kuba-Dollars monatlich. Das Haus, das sie mit den Devisen hätte ausbauen wollen, ist erst halb fertig. «Es lohnt sich nicht mehr», sagt sie und ist heimwehkrank, ehe sie fliegt. Insgeheim hofft sie, Chávez’ Tod befreie sie in letzter Minute von der harten Fron. Das Haus werde so oder so fertig, sagt sie überzeugt: «Wir Kubaner schaffen das jetzt auch allein.»