Nach dem Brexit eskaliert der Streit um Schottland

Die Schottland-Frage wird Boris Johnsons nächste Herausforderung.

Sebastian Borger aus London
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Sebastian Borger

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Von Boris Johnson hiess es früher immer, er beeindrucke mit seinem Charme auch jene, die mit Konservativen eigentlich nichts zu tun haben wollen. In den ersten Wochen seiner Amtszeit, zuletzt auch im Wahlkampf lernte man den Premier­minister von einer anderen, wenig erfreulichen Seite kennen. Allzu oft wirkte der 55-Jährige dünnhäutig, aggressiv, polternd.

Sein überzeugender Wahlsieg und die Aussicht auf die Umsetzung des geplanten EU-Austritts haben Johnson offenbar Gelassenheit und emotionale Intelligenz ­zurückgegeben. In der kurzen Ansprache vor seinem alten und neuen Amtssitz in der Downing Street bedankte sich der Premierminister nicht nur bescheiden bei jenen, die teilweise zum ersten Mal in ihrem Leben ihr Kreuz bei den Konser­vativen gemacht haben. Er wandte sich ausdrücklich auch an jene EU-Freunde, für die dieser Freitag, der 13., das Ende aller Träume bedeutete. Johnson betonte seine Sympathie für den Wunsch nach enger zukünf­tiger Zusammenarbeit mit den Partnern auf dem Kontinent, auch nach dem Brexit. Und er appellierte an die Versöhnungswilligen auf beiden Seiten: «Das Land hat eine Pause vom ewigen Streit verdient.»

Was der Engländer zu sagen unterliess, erledigte statt­dessen eine Schottin. Verbal umarmte die Edinburgher Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon die gut drei Millionen auf der Insel lebenden EU-Bürger, lobte sie für ihren Beitrag und sicherte ihnen eine gesicherte Existenz zu. Es war Teil einer geschliffenen Rede, mit der die Nationalistin der frischgewählten Regierung in London den Kampf ansagte. Dabei geht es nicht nur um die prinzi­pielle Ablehnung des EU-Austritts, den die Schotten tatsächlich mehrheitlich nicht wollten. In Frage steht auch die Freiheit der stolzen, seit 312 Jahren mit England in eine Union zusammengespannte Nation. Ein zweites Unabhängigkeitsrefe­rendum sei keine Forderung, sondern Schottlands gutes Recht.

Zu besichtigen waren an diesem Tag die beiden ­grössten politischen Talente auf der Insel. Im kommenden Jahr wird man sie häufig im Clinch antreffen.

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Sebastian Borger aus London