Saudi-Arabien
Nach dem Tod von König Abdullah weiter wie gehabt? Das wird kaum möglich sein

Nach dem Tod von König Abdullah braucht das Land einen Neuerer. Aber der Nachfolger Salman will Kontinuität. Zudem gibt der Gesundheitszustand des 80-Jährigen zu Bedenken. Gemäss Palastinsidern soll er an beginnender Demenz leiden.

Michael Wrase
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König Abdullah mit gezücktem Schwert inmitten von Prinzen auf einer Aufnahme von 2007.

König Abdullah mit gezücktem Schwert inmitten von Prinzen auf einer Aufnahme von 2007.

Keystone

Saudi-Arabiens neuer König Salman bin Abdulaziz al-Saud wirkte müde und erschöpft, als er nach dem Tod seines Halbbruders Abdullah zu seinen Untertanen sprach. Sie hatten Mühe, ihn richtig zu verstehen. Die meist genuschelte Ansprache nährte Zweifel am Gesundheitszustand des neuen saudischen Regenten, der in diesem Jahr 80 wird und nach einem Schlaganfall offenbar erhebliche Artikulationsprobleme hat. Sollte Salman auch unter beginnender Demenz leiden, wie Palastinsider behaupten, dann wäre dies für Saudi-Arabien eine Hiobsbotschaft.

Nach dem Tod von Abdullah bräuchte das wahabitische Königreich einen starken, entscheidungsfreudigen König – nicht einen Monarchen, der, wie König Salman betonte, «die korrekte Politik seit der Gründung fortsetzen möchte». In einer Zeit wachsender innen- und aussenpolitischer Spannungen setzt Salman auf Kontinuität. «Vermutlich wird er einen deutlich strengeren und erzkonservativeren Pfad einschlagen als sein Amtsvorgänger», vermutet der Saudi-Arabien-Experte Norman Philipp. Reformschritte seien von ihm zunächst nicht zu erwarten.

Problematische Thronfolge

Da sich der neue saudische König offenbar bewusst ist, wie schlecht es um seine Gesundheit bestellt ist, forderte Salman gestern die herrschende Elite auf, den noch von Abdullah eingesetzten Kronprinzen Muqrin endlich als seinen Nachfolger zu akzeptieren. Dem unehelichen jüngsten Sohn von Staatsgründer Abdulaziz hatten 7 der 34 Repräsentanten im sogenannten Huldigungsrat die Zustimmung verweigert. Der Sohn einer jemenitischen Sklavin, die Abdulaziz geschwängert, aber niemals geheiratet hatte, könne nicht König von Saudi-Arabien werden.

Der mit 69 Jahren noch relativ junge Kronprinz Muqrin wäre die richtige Besetzung. Er könnte den von vielen Saudis gewünschten Machttransfer in die Enkelgeneration einleiten, welcher von den noch lebenden Söhnen von Staatsgründer Abdulaziz blockiert wird. «Ohne eine Reform der Thronfolgeregelung drohen dem Königreich mittelfristig Unruhen wie in anderen arabischen Ländern», befürchtet der Islamwissenschafter Guido Steinbach.

Der Tod von König Abdullah kommt für das grösste Land auf der Arabischen Halbinsel zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Immer häufiger wagt es die Bevölkerung, ihren Unmut auch öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Der saudische Blogger Raif Badawi, der auf seiner Internetseite die Religionspolizei und wahabitische Kleriker scharf kritisiert hatte, ist nur ein Beispiel für die Wut vieler Bürger.

Dschihadisten und Schiiten

Noch bedrohlicher für das diktatorisch regierende Königshaus sind die die Dschihadisten. Sie verlangen keine Reformen, sondern streben mittelfristig den Sturz einer Monarchie an, deren totalitäre Staatsreligion und Ideologie, der Wahabismus, bis heute exportiert und von islamistischen Terroristen weltweit angenommen worden ist. Lediglich der saudische Anspruch, die offizielle Autorität des Wahabismus zu sein und die Kontrolle über «das Wort und die Moschee» auszuüben, wird von den Kaida- und IS-Terroristen kategorisch abgelehnt.

Den Terror dieser Organisationen konnten die saudischen Sicherheitsorgane bislang recht erfolgreich bekämpfen. Allerdings reicht ihr Arm nicht bis in die Nachbarländer Irak und Jemen, zwei Staaten am Rande des Zusammenbruchs. Als König Abdullah auf dem Sterbebett lag, attackierten IS-Terroristen die saudische Armee an den Nordgrenzen. Weitere Überfälle, das scheint sicher, werden folgen.

Bedroht wird die Monarchie auch vom schiitischen Iran, der nach der De- facto-Machtergreifung der schiitischen Huthi-Milizen in Sanaa im Süden des wahabitischen Königreiches Fuss gefasst hat. Der Erfolg der Huthi könnte auch die schiitische Minderheit in Saudi-Arabien selbst beflügeln. Sie stellt etwa 15 Prozent der Gesamtbevölkerung und lebt in den Gebieten des Landes, in denen das meiste Öl gefördert wird.

Dank seiner Petromilliarden konnten die saudischen Herrscher die unzufriedene Bevölkerung lange Zeit ruhigstellen. Allerdings sorgt der sinkende Ölpreis im saudischen Staatshaushalt schon in diesem Jahr für ein Defizit von fast 40 Milliarden Dollar. Die von König Salman angekündigte «Fortsetzung der korrekten Politik», also das Festhalten am Status quo, wird daher auf längere Sicht kaum möglich sein.

Ein fortschrittlicher und volksnaher Herrscher: Nachruf auf König Abdullah von Saudi-Arabien

König Abdullah von Saudi-Arabien ist tot. Der 90-jährige Monarch starb in der Nacht auf Freitag an den Folgen einer Lungenentzündung. Sein Leichnam wurde gestern nach dem «Salat al-Asr», dem traditionellen Nachmittagsgebet, in der Imam Turki bin Abdullah-Moschee von Riad bestattet. Abdullah war schon über 80 Jahre alt, als er 2005 den Treueschwur seiner Untertanen entgegennahm. Regiert hatte der charismatische Monarch sein Land seit 1996, weil sein Halbbruder König Fahd nach einem Schlaganfall nicht mehr in der Lage dazu gewesen war.

König Abdullah war ein für saudische Verhältnisse fortschrittlicher und volksnaher Herrscher, der in den letzten Jahren seines langen Lebens aber nicht mehr die Kraft hatte, seinen äusserst behutsamen Reformkurs fortzusetzen.
«Ich wünsche euch Glück, aber bitte seid geduldig, geduldig und nochmals geduldig», hatte der als bescheiden beschriebene Monarch den Teilnehmerinnen des von ihm eingeleiteten «Nationalen Dialogs» vor neun Jahren gesagt. Sieben Jahre später ernannte Abdullah erstmals Frauen zu Mitgliedern des Schura-Rates, einem Gremium ohne gesetzgebende Kompetenzen. Auf sein Drängen konnten saudische Frauen an den Olympischen Spielen teilnehmen. Eine Fahr-Erlaubnis für Frauen konnte Abdullah nicht mehr durchsetzen, obwohl der Monarch mehrfach «Verständnis für dieses Anliegen» geäussert hatte.

In Abdullahs tatsächliche Amtszeit fällt auch der «11. September 2001». Nach den von saudischen Staatsbürgern verübten Terroranschlägen legte sich der König mit dem wahhabitischen Klerus an. Er veranlasste eine Überprüfung ihrer Lehrbücher. Besonders radikale Textstellen wurden entfernt und 900 reaktionäre Imame in Umerziehungskurse geschickt.

Dass praktisch alle islamistischen Terrororganisationen in der Welt der totalitären (Staats-)Ideologie des Wahhabismus anhängen, war König Abdullah sicherlich bekannt. Auch der Westen, allen voran die USA, wussten dies – und sahen darüber hinweg. Für Washington war König Abdullah der wichtigste Verbündeter im Mittleren Osten. (mw)