Belgien
Nach den Islamisten legen nun die belgischen Lotsen den Flughafen lahm

Der Streik der Fluglotsen ist bezeichnend für den Zustand des ganzen Landes.

Remo Hess
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Der Flughafen Zaventem war schon wieder ausser Betrieb. Eric Vidal/Reuters

Der Flughafen Zaventem war schon wieder ausser Betrieb. Eric Vidal/Reuters

REUTERS

«Das ist Wirtschafts-Terrorismus», sagte der Chef der Flughafenshops, Nicolas van Brandt, und sprach mit seinen zornigen Worten vielen Belgierinnen und Belgiern aus der Seele. Der Betrieb des Brüsseler Flughafens Zaventem war nach zehn Tagen Totalausfall wegen der Terroranschläge eben erst wieder richtig angelaufen, als er abermals lahmgelegt wurde. Schuld waren diesmal aber keine Islamisten, sondern eine kleine Gruppe von Fluglotsen.

Vor Schreck krank geworden

Als Reaktion auf die Erhöhung des Rentenalters auf 58 Jahre setzten sie zu einem spontanen Streik an. Ein Sprecher der «Gilde der belgischen Fluglotsen», einem unabhängigen Berufsverband, sagte dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk VRT: «Wir haben unsere Mitglieder über das Pensionsabkommen in Kenntnis gesetzt. Und die waren dann so geschockt angesichts des Inhalts und der Vorgehensweise, dass sie unfähig waren, zu arbeiten.» Also meldeten sie sich krank. Nicht auf Weisung, sondern von sich aus, wie die Gilde betonte.

Der Terrorist war ein Betrunkener

Nach einem nächtlichen Grosseinsatz der Polizei an Amsterdams Flughafen Schiphol haben die Behörden Entwarnung gegeben. Bei der Polizei-Aktion war ein 25-jähriger Mann festgenommen worden, der nach mehreren Stunden als Obdachloser identifiziert wurde. Der Mann bleibe aber vorerst in Haft, teilte die niederländische Grenzpolizei gestern Mittwoch mit. «Er sagte der Polizei, dass er Terrorist sei», hiess es. Der Mann sei betrunken gewesen und habe sich verdächtig verhalten. Der 25-Jährige hatte demnach zwei Rucksäcke bei sich. Nachdem ein Polizeihund angeschlagen hatte, untersuchte ein Sprengstoffkommando das Gepäck vorsorglich, entdeckte jedoch nichts Auffälliges.

Der Flughafen Schiphol war in der Nacht zum Mittwoch für mehrere Stunden teilweise abgesperrt worden. Die Polizei hatte nach eigenen Angaben zuvor einen telefonischen Tipp erhalten. (sda)

In der Folge ging ab Dienstagnachmittag auf dem Flughafen in Brüssel gar nichts mehr. Auch auf dem zweitgrössten Flughafen des Landes, Charleroi, fielen etliche Flüge aus oder wurden verschoben. Erst nach einem Treffen von Arbeitsminister Kris Peeters, Verkehrsministerin Jacqueline Galant und den Gewerkschaften sowie einem gemeinsamen Appell an die Fluglotsen normalisierte sich der Betrieb gestern ab 15 Uhr allmählich.

Der Zorn, der in der Zwischenzeit auf die Streikenden einprasselte, war gewaltig. Flughafen-Chef Marc Descheemaecker empörte sich: «Da bekommt das ganze Land Solidaritätsbekundungen aus dem Ausland nach den Anschlägen vom 22. März. Und drei Wochen später fällt uns ein Teil der heimischen Luftfahrtgemeinschaft in den Rücken. Können Sie mir mal sagen, wie man das den Airlines und Fluggästen jetzt erklären soll?» Und Premierminister Charles Michel sagte: «Ich akzeptiere nicht, dass eine Handvoll entscheidet, das Land als Geisel zu nehmen.»

Für einige Kommentatoren zeigt der Fluglotsen-Streik allerdings exemplarisch, woran es in Belgien am meisten mangele: dem Gemeinschaftsgefühl. «Dieses Land ist sein grösster Feind», kommentierte die Zeitung «Le Soir». Gemeint ist die starke Fragmentierung der belgischen Gesellschaft und Politik. Die fehlende Zusammenarbeit zwischen den Parteien wie auch zwischen den Niederländisch sprechenden Flamen und den französischsprachigen Wallonen lähme die Nation. Belgien sei gerade dabei, sich selbst von der Weltkarte zu wischen. Politiker wie auch Regionen würden nur ihre Partikularinteressen verfolgen, anstatt sich für das ganze Land einzusetzen. Ähnlich verhalte es sich mit den Widerspenstigen der «Gilde der Fluglotsen».

Deren Präsidentin Maryse Meulmans, verteidigte ihre Mitglieder derweil: «Auch wir sind Teil der Flughafen-Gemeinschaft. Auch wir haben uns nach dem Schock des 22. März Seite an Seite dafür eingesetzt, den Betrieb wieder in Gang zu setzen. Die Fluglotsen sind sehr stolz auf ihren Job – aber man muss 100-prozentig fit sein, um ihn auszuüben.» Und das sei am Dienstag nach dem Schock durch die Erhöhung des Rentenalters nun mal nicht der Fall gewesen.