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Nach den «gilets jaunes» jetzt auch noch ein Terroranschlag: Verunsicherung und Verschwörungstheorien in Frankreich

Die Bluttat am Weihnachtsmarkt in Strassburg inmitten der Gelbwestenkrise heizt die krudesten Komplotttheorien in Frankreich an. Und eine neue Polemik zur Frage der Terrorbekämpfung.
Stefan Brändle, Paris
Ein Soldat der französischen Anti-Terroreinheit patroulliert in Strassburg. (Jean François Badias/AP, 12. Dezember 2018)

Ein Soldat der französischen Anti-Terroreinheit patroulliert in Strassburg. (Jean François Badias/AP, 12. Dezember 2018)

In Frankreich herrscht wieder «Dringlichkeit Attentat»: Auf diese höchste Alarmstufe wurde das Antiterrordispositiv Vigipirate am Mittwoch erhöht. 600 Polizisten fahndeten fieberhaft nach Chérif C., einem radikalisierten Schwerkriminellen, der am Vorabend in Strassburg nach ersten Erkenntnissen zwei Passanten erschossen und über ein Dutzend Menschen verletzt hatte. Der polizeilich Gesuchte hatte laut Augenzeugen an drei Orten in der Altstadt von Strassburg mit einer Pistole das Feuer gezielt auf Fussgänger eröffnet.

Ein Kellner erzählte, seine Kunden hätten sich im Innern des Restaurants verschanzt und auf den Boden gelegt, während der Täter in der Gasse auf Passanten angelegt habe. Am dritten Schauplatz wurde der Angreifer von einer Militärpatrouille gestellt und offenbar verletzt. Das berichtete jedenfalls ein Taxifahrer, den der Schütze als Fluchthelfer benützte. Später verlor sich die Spur des Schützen.

Staatsanwalt Rémy Heitz erklärte, es werde wegen Mordes «durch eine terroristische Unternehmung ermittelt», da der Täter «Allah Akbar» gerufen habe. Laut Pariser Medien hatte der Gesuchte im Gefängnis eine «radikale religiöse Praxis» an den Tag gelegt. Auch figuriert er seit 2016 wegen islamistischer Kontakte in der so genannten S-Kartei, deren erster Buchstabe für «sûreté» (Staatssicherheit) steht.

Bewohner von Strassburg haben sich am Sonntag im Stadtzentrum versammelt um den Opfern zu gedenken. Am Sonntag erlag ein fünftes Opfer des Attentats seinen Verletzungen im Spital. (Bild: AP Photo/Jean-Francois Badias, Strassburg, 16. Dezember 2018))Bewohner von Strassburg haben sich am Sonntag im Stadtzentrum versammelt um den Opfern zu gedenken. Am Sonntag erlag ein fünftes Opfer des Attentats seinen Verletzungen im Spital. (Bild: AP Photo/Jean-Francois Badias, Strassburg, 16. Dezember 2018))
Strassburger Bürger am Kleber Platz in der Nähe des Weihnachtsmarkts. (Bild: AP Photo/Jean-Francois Badias, Strassburg, 16. Dezember 2018))Strassburger Bürger am Kleber Platz in der Nähe des Weihnachtsmarkts. (Bild: AP Photo/Jean-Francois Badias, Strassburg, 16. Dezember 2018))
Innehalten für die Opfer des Anschlags. (Bild: AP Photo/Jean-Francois Badias, Strassburg, 16. Dezember 2018))Innehalten für die Opfer des Anschlags. (Bild: AP Photo/Jean-Francois Badias, Strassburg, 16. Dezember 2018))
Der französische Präsident Emmanuel Macron legt eine Rose nieder bei der Gedenkfeier der Opfer in Strassburg. (Bild: AP Photo/Jean-Francois Badias, Pool, 14. Dezember 2018)Der französische Präsident Emmanuel Macron legt eine Rose nieder bei der Gedenkfeier der Opfer in Strassburg. (Bild: AP Photo/Jean-Francois Badias, Pool, 14. Dezember 2018)
Menschen legen Blumen und Kerzen nieder in Strassburg. (Bild: AP Photo/Jean-Francois Badias, Pool, 14. Dezember 2018)Menschen legen Blumen und Kerzen nieder in Strassburg. (Bild: AP Photo/Jean-Francois Badias, Pool, 14. Dezember 2018)
Der französische Präsident Emmanuel Macron am Weihnachtsmarkt. (Bild: EPA/Jean-Francois Badias, Pool, 14. Dezember 2018)Der französische Präsident Emmanuel Macron am Weihnachtsmarkt. (Bild: EPA/Jean-Francois Badias, Pool, 14. Dezember 2018)
Polizisten führten in Strassburg Razzien durch. In diesem Bezirk wurde die Strasse gesperrt. Am Donnerstagabend wurde der mutmassliche Täter erschossen. (AP Photo/Jean-Francois Badias)Polizisten führten in Strassburg Razzien durch. In diesem Bezirk wurde die Strasse gesperrt. Am Donnerstagabend wurde der mutmassliche Täter erschossen. (AP Photo/Jean-Francois Badias)
Die Polizei bei Razzien in der Nachbarschaft Neudorf in Strassburg. (Bild: EPA/RONALD WITTEK)Die Polizei bei Razzien in der Nachbarschaft Neudorf in Strassburg. (Bild: EPA/RONALD WITTEK)
Polizisten sperren Strassen im Meinau Bezirk in Strassburg am Donnerstagabend. (Bild: AP Photo/Jean-Francois Badias)Polizisten sperren Strassen im Meinau Bezirk in Strassburg am Donnerstagabend. (Bild: AP Photo/Jean-Francois Badias)
Französische Polizisten unterwegs in Strassburg am Donnerstagabend. (Bild: AP Photo/Christophe Ena)Französische Polizisten unterwegs in Strassburg am Donnerstagabend. (Bild: AP Photo/Christophe Ena)
Viele Menschen sind zusammengekommen und haben Kerzen zum Gedenken aufgestellt. (Bild: AP/Christoph Ena)Viele Menschen sind zusammengekommen und haben Kerzen zum Gedenken aufgestellt. (Bild: AP/Christoph Ena)
Menschen trauern um die Verstorbenen. (Bild:EPA/RONALD WITTEK)Menschen trauern um die Verstorbenen. (Bild:EPA/RONALD WITTEK)
Blumen und Kerzen am Ort, wo eine Person getötet wurde. (Bild:EPA/RONALD WITTEK)Blumen und Kerzen am Ort, wo eine Person getötet wurde. (Bild:EPA/RONALD WITTEK)
Einsatzkräfte sind in der gesamten Stadt präsent. (Bild: AP/Christoph Ena)Einsatzkräfte sind in der gesamten Stadt präsent. (Bild: AP/Christoph Ena)
620 Einsatzkräfte sind momentan in Strassburg unterwegs. (Bild: EPA/Patrick Seeger)620 Einsatzkräfte sind momentan in Strassburg unterwegs. (Bild: EPA/Patrick Seeger)
Der Strassburger Weihnachtsmarkt bleibt am Tag nach dem Anschlag geschlossen. (Bild: EPA/Patrick Seeger)Der Strassburger Weihnachtsmarkt bleibt am Tag nach dem Anschlag geschlossen. (Bild: EPA/Patrick Seeger)
Polizisten kontrollieren die Autos am Grenzübergang zwischen Deutschland und Frankreich. (Bild: dpa/Christoph Schmidt)Polizisten kontrollieren die Autos am Grenzübergang zwischen Deutschland und Frankreich. (Bild: dpa/Christoph Schmidt)
Der Schütze soll ein französischer Staatsbürger mit nordafrikanischen Wurzeln sein. (Bild: EPA/Patrick Seeger)Der Schütze soll ein französischer Staatsbürger mit nordafrikanischen Wurzeln sein. (Bild: EPA/Patrick Seeger)
Die Stadt ist im Ausnahmezustand. (Bild: EPA/Patrick Seeger)Die Stadt ist im Ausnahmezustand. (Bild: EPA/Patrick Seeger)
Das Stadtzentrum von Strassburg wurde nach der Schiesserei abgeriegelt. (AP Photo/Jean-Francois Badias)Das Stadtzentrum von Strassburg wurde nach der Schiesserei abgeriegelt. (AP Photo/Jean-Francois Badias)
Polizisten stehen Wache nahe des Weihnachtsmarktes am Dienstagabend, nachdem ein Mann auf mehrere Menschen geschossen hat. (EPA/Patrick Seeger)Polizisten stehen Wache nahe des Weihnachtsmarktes am Dienstagabend, nachdem ein Mann auf mehrere Menschen geschossen hat. (EPA/Patrick Seeger)
Rettungskräfte patroullieren nach der Schiesserie im Stadtzentrum und haben ihre mobilen Notfall-Stationen aufgebaut. (AP Photo/Jean-Francois Badias)Rettungskräfte patroullieren nach der Schiesserie im Stadtzentrum und haben ihre mobilen Notfall-Stationen aufgebaut. (AP Photo/Jean-Francois Badias)
Frankreichs Innenminister Christophe Castaner (Mitte) hält eine Pressekonferenz un informiert über den aktuellen Wissensstand am Dienstagabend. Frankreichs Regierung hat die höchste nationale Sicherheitswarnstufe ausgerufen. (AP Photo/Jean-Francois Badias)Frankreichs Innenminister Christophe Castaner (Mitte) hält eine Pressekonferenz un informiert über den aktuellen Wissensstand am Dienstagabend. Frankreichs Regierung hat die höchste nationale Sicherheitswarnstufe ausgerufen. (AP Photo/Jean-Francois Badias)
Der Strassburger Weihnachtsmarkt ist einer der ältesten und grössten in Europa. (Bild: AP Photo)Der Strassburger Weihnachtsmarkt ist einer der ältesten und grössten in Europa. (Bild: AP Photo)
Soldaten sichern die Strasse in Strassburg. (Bild: AP Photo)Soldaten sichern die Strasse in Strassburg. (Bild: AP Photo)
Auch zahlreiche Polizisten..... (Bild: EPA/PATRICK SEEGER)Auch zahlreiche Polizisten..... (Bild: EPA/PATRICK SEEGER)
...und Krankenwagen waren im Einsatz. (Bild: EPA/PATRICK SEEGER)...und Krankenwagen waren im Einsatz. (Bild: EPA/PATRICK SEEGER)
Täglich sind rund 300 Polizisten und 160 private Wachleute auf dem Weihnachtsmarkt im Einsatz.Täglich sind rund 300 Polizisten und 160 private Wachleute auf dem Weihnachtsmarkt im Einsatz.
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Attentat bei Strassburger Weihnachtsmarkt

Haftstrafen in Frankreich, der Schweiz und Deutschland

Der 29-jährige, im Elsass aufgewachsene Franzose hat wegen 27 Delikten schon mehrere Haftstrafen in Frankreich, Deutschland und der Schweiz abgesessen. Am Dienstagmorgen wollte ihn die Polizei an seiner Strassburger Wohnadresse festnehmen, weil er im vergangenen Sommer bei einem Überfall eine Person getötet haben soll. Die Polizisten fanden zwar Granaten und Handfeuerwaffen, nicht aber den Gesuchten. Der trat gegen 20 Uhr in Aktion, indem er in der Altstadt auf Passanten schoss. Ermittler schliessen nicht aus, dass der Festnahmeversuch den Täter bewogen haben könnte, bestehende Attentatsideen in die Tat umzusetzen.

Nach ersten Erkenntnissen handelte C. allein. Dass er nicht gleich gestellt werden konnte, veranlasste die Polizei allerdings dazu, die Fahndung auf mögliche Komplizen auszudehnen. Staatssekretär Nuñez will nicht ausschliessen, dass sich der Todesschütze über die Landesgrenze ins nahe Deutschland abgesetzt haben könnte – wo er im Laufe seiner kriminellen Laufbahn schon aktiv gewesen war.

In der elsässischen Metropole Strassburg hatte die gross angelegte Fahndung zur Folge, dass das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen kam. Schulen und Geschäfte blieben ebenso geschlossen wie der über 400 Jahre alte Weihnachtsmarkt, in dessen Nähe die Todesschüsse erfolgt waren. Bürgermeister Roland Ries annullierte auch andere Kulturanlässe, erklärte aber, seine Stadt wolle so rasch wie möglich wieder zur Normalität zurückfinden, um sich solcher Ereignisse nicht zu beugen. Innenminister Christophe Castaner warnte allerdings, dass solche Anschläge auch Nachahmer auf den Plan rufen könnten.

Krude Verschwörungstheorien

Landesweit fällt die Schiesserei in die gespannte Atmosphäre der Gelbwesten-Proteste. «Auch das noch!», lautete ein Kommentar im Netz. Die Schiesserei erfolgte nur einen Tag nachdem Präsident Emmanuel Macron unter Druck neue Konzessionen an die «gilets jaunes» angekündigt hatte. Seine Hoffnung, die Protestbewegung mit einem Fernsehauftritt zu beenden, haben sich allerdings zerschlagen. Am Mittwoch fehlte es in den sozialen Medien nicht an – völlig unbelegten – Kommentaren, die Regierung habe «das Attentat sicher organisiert». Die zeitliche Koinzidenz könne «kein Zufall» sein, las man, und auch:

«Macron und seine Regierung machten diese Anschlag, um den Ausnahmezustand ausrufen und die Revolution der Gelbwesten abwürgen zu können.»

Regierungssprecher zeigten sich entrüstet über die haltlosen Komplotttheorien und riefen zu einer «würdevolleren» Reaktion auf die Todesfälle in Strassburg auf. Dass diese Hirngespinste so massive Verbreitung finden, ist nicht nur ein – tristes – Zeichen der Zeit. Es dürfte nur aufzeigen, dass die Gelbwesten nach der Erfüllung ihrer Forderungen kaum mehr Sachargumente haben.

Ruf nach Ausweisung von Islamisten

Objektiv betrachtet könnten die Vorgänge in Strassburg deshalb durchaus Folgen für die Sozialfront haben. Politische Beobachter meinen, dass die Schiesserei, wie auch immer sie motiviert ist, der Aufbruchstimmung der Gelbwesten einen Dämpfer versetzen könnte. Ob sie sich auf die Gewaltbereitschaft der Pariser Demonstranten am kommenden Samstag auswirken wird, muss sich weisen.

Welche Hektik derzeit in den Pariser Sphären herrscht, illustrierte auch der Vorsteher der konservativen Republikaner, Laurent Wauquiez. Auf Twitter fragte er, «wieviele Attentate durch Vertreter der S-Kartei» Frankreich noch erdulden müsse, bis es seine Antiterror-Gesetzgebung entsprechend anpasse und diese Islamisten des Landes verweise.

Nuñez, der es als früherer Chef des französischen Geheimdienstes DGSI wissen muss, stellte klar, dass in der S-Kartei längst nicht nur gefährliche Salafisten aufgeführt sind, sondern auch unbescholtene Bekannte, die zu ihnen hinführen. Sie aus Frankreich zu weisen, sei nicht begründbar. Umso intensiver suche und bekämpfe die Polizei die eigentlichen Gefährder.

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