Fukushima
Nach Fukushima: In Japan ist Stromsparen zur Religion geworden

Die Atomkatastrophe in Fukushima hat Japan aufgerüttelt. Nun zeigt sich: Die japanische Bevölkerung ist nach dem Super-Gau bereit, zu Gunsten der Sicherheit und der Umwelt auf Komfort zu verzichten.

Daniel Kestenholz, Bangkok
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Die Riesenwelle rollt an
8 Bilder
Die Dämme können die Wassermassen nicht aufhalten
Hier treffen die Wellen des Tsunamis auf das Atomkraftwerk Fukushima
Die Tanks versinken in den Fluten des Tsunamis
Das Wasser dringt ins Reaktorgebäude ein
Innert Sekunden steigt der Pegel an
Der Tsunami hat Fukushima erreicht
Das Gelände des Atomkraftwerks ist geflutet

Die Riesenwelle rollt an

Keystone

Der 66. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und Nagasaki ist in diesem Jahr kein gewöhnlicher Jahrestag mit den üblichen Mahnwachen und Friedenskundgebungen. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima im März hat Hiroshima und Nagasaki in ein ganz neues Licht gerückt. Fukushima mahnt zu mehr als nur Abrüstung. Viele Japaner nennen heute die Bombe und den Reaktor im gleichen Atemzug.

Atom, Atom - bis Fukushima

Bis im März schien Japans Energiepolitik, die auf das gebändigte Atom setzte, nie infrage gestellt. Doch Fukushima hat diese alte Ordnung auf den Kopf gestellt. «Wir haben uns immer auf die Abschaffung der Atomwaffen konzentriert und unsere Kampagne gegen Atomkraftwerke vernachlässigt», sagte Koichi Kawano, ein Überlebender des Atombombenabwurfs auf Nagasaki. Doch jetzt sei es an der Zeit, sich von der Atomenergie abzuwenden.

Tatsächlich wächst in Japan die Überzeugung, dass es notwendig ist, neue Wege zu gehen. «Nichts hat sich seit der Ära der Atombomben geändert», sagt Keiji Nakazawa, ein Überlebender von Hiroshima, der sich als Autor von Manga-Comics einen Namen gemacht hat. «Aber man darf sich nicht auf das Atom verlassen, das man nicht beherrschen kann. Für das japanische Volk ist die Zeit gekommen, sich zu entscheiden.»

Atomkraft trotz Hiroshima

Nakazawa war 1945 als 6-Jähriger – auf dem Weg zur Schule. Er duckte sich zufällig hinter einer Mauer, als die Bombe detonierte und Sekunden später eine gigantische Druck- und Feuerwelle das Leben auslöschte. Er sah Menschen, die wie Gespenster mit den Händen vor den Augen durch eine verbrannte Welt taumelten. Er sah, wie sich die Haut von Menschen ablöste. Er sah Menschen, die sich am Boden wälzten, um ihre versengten Körper abzukühlen. Seine Mutter hatte am gleichen Tag seine Schwester geboren, die vier Monate später an Unterernährung starb.

Das Katastrophengebiet von Fukushima ist weder Hiroshima II noch versengte Kriegszone. Doch die heile Welt mit den sanften Hügeln und der üppigen Natur wurde zum grössten zwangsevakuierten Gebiet der Welt, wo die Zeit heute still steht. Und wo schwarzer Regen fällt – Kuroi ame. Für die meisten Japaner ist das ein Wort aus der Vergangenheit. Es meint jenen Niederschlag, der nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki fiel.

Japaner sind bereit, auf Komfort zu verzichten

Der schwarze Regen nach Fukushima ist durchsichtig. Aber giftig, wie viele befürchten. Noch 70 Kilometer vom Unglücks-AKW entfernt wurden mit Tschernobyl vergleichbare Cäsium-Werte gemessen.

Fukushima hat Japan aus einem Dämmerzustand aufgerüttelt. Umwälzungen sind im Gang, die noch vor einem Jahr unvorstellbar waren. Die Menschen organisieren Kampagnen gegen die Atomkraft. Zulauf erhalten diese Gruppen noch durch verängstigte Konsumenten, die Lebensmittel wie Gemüse, Fleisch und Fisch aus Angst vor Verstrahlung meiden. Die Leute kaufen eigene Geigerzähler, weil sie den offiziellen Messwerten der Behörden nicht trauen.

Selbst was niemand für möglich gehalten hätte, nämlich, dass Japaner bereit sind, auf Komfort zu verzichten und Opfer zu bringen, trifft ein: Geradezu besessen spart die Nation Energie – und das während der schwülen Sommermonate, wenn Klimaanlagen normalerweise für einen Rekordverbrauch an Strom sorgen. Licht brennt nur, wenn es absolut nötig ist; man kleidet sich locker und leger; auf der Toilette tuts ein Handtuch und nicht der elektrische Handtrockner; die Fabriken werfen notfalls eigene Generatoren an, um das öffentliche Stromnetz nicht übermässig zu belasten.

Selbst der Kaiser und die Kaiserin, hiess es aus dem Palast, hätten schon einen Abend bei Kerzenlicht und mit der Taschenlampe verbracht. Panasonic und Sharp wollen gemeinsam von Solarzellen betriebene Häuser entwickeln, die ausreichend Energie produzieren und überschüssigen Strom zurück ins Netz einspeisen.

Stromsparen ist zur nationalen Religion geworden. Tokio verbrauchte deshalb in diesem Sommer bisher 23 Prozent weniger Strom als im Vorjahr. Atomkraft-Lobbyisten bezeichnen den eingebrochenen Stromkonsum als «Anomalie». Die Wirtschaft könne sich nicht auf den freiwilligen Sparwahn der Bevölkerung verlassen und brauche Perspektiven. Doch aus dem Volk heisst es: Wir schaffen das.