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Nachrichten aus der Hölle: Wie Migranten in Lybien überleben

Der italienische Filmemacher Michelangelo Severgnini hält über Whatsapp Kontakt mit Tausenden Migranten in Libyen. Die Nachrichten legen nahe, dass in dem Land der Krieg auch um die Ausbeutung von Migranten geführt wird.
Cedric Rehman, Medenine
Afrikanische Migranten beim von der Schweiz unterstützten Migrationszentrum in Medenine. Bild: Fathi Nasri/AFP (28. August 2018)

Afrikanische Migranten beim von der Schweiz unterstützten Migrationszentrum in Medenine. Bild: Fathi Nasri/AFP (28. August 2018)

Das Smartphone auf dem Opaltisch in ­einer gemieteten Wohnung in der ­tunesischen Stadt Medenine gibt nur Freizeichen von sich. Michelangelo Severgnini wischt den Anruf weg und klickt einen neuen Kontakt in seinem Whatsapp-Adressbuch an. Die Verbindung baut sich auf, aber niemand nimmt ab. «Hassan Libya» antwortet nicht, genau wie die anderen vor ihm. Severgnini versucht es nun bei «George Libya». Wieder ist nur der Freiton zu hören. Die Internetverbindung ist unzuverlässig. Dann knackt es in der Leitung, jemand nimmt den Anruf an. «Hallo Bro, hier spricht Miche, ­ wo bist du? Wie geht es dir?», ruft Severgnini in die Freisprechanlage seines Mobiltelefons. Durch das Rauschen in der Verbindung erzählt George, wie die Miliz von Misurata ihm sein Geld abgeknöpft hat. «Sie kommen in unsere Unterkünfte und bedrohen uns.» Er ­verschwand danach aus Misurata.

George erzählt, dass er seinen Freund auf dem Weg zurücklassen musste. Ein Schuss traf ihn ins Bein. Kein Spital wollte einen Afrikaner behandeln, erzählt er. Was er getan hat, um die Schmerzen des Freundes zu lindern? «Ich habe ihm ­Wasser gegeben», sagt George. Er sei nun in der libyschen Hauptstadt Tripolis. Sie ist seit April umkämpft zwischen den Truppen der international anerkannten Regierung von Premierminister Fayiz as-­Sarradsch und jenen des mehr oder weniger offen von Ägypten, Russland und Frankreich unterstützen Herrschers über den Osten Libyens, Chalifa Haftar. In Tripolis scheint das Spiel um Georges Leben erneut zu beginnen. Die Regierungstruppen des Premierministers bestehen aus unzähligen Milizen. Sie sind nach der Revolution von 2011 gegen den Machthaber Gaddafi entstanden. An jedem der Checkpoints verrät seine dunkle Hautfarbe nun den Südsudanesen. George wird versuchen, Arbeit zu finden. Er kann nur mit Geld die Milizen bestechen. Aber oft werde der Lohn in Libyen an Migranten nicht ausgezahlt, meint er. Warum denn auch, wenn die Afrikaner mit dem Gewehr im Nacken sie auch umsonst tun. Für George scheint nun alles vom nächsten Verdienst abzuhängen. Er sagt, er wisse, dass seine Überlebenschancen nicht gut sind. «Sie töten uns, als wären wir weniger wert als Tiere», sagt er.

Migranten in Milizen

Michelangelo Severgnini führt seit April 2019 jeden Tag Gespräche mit Migranten zwischen den libyschen Fronten. Der 44-jährige Filmemacher aus Italien begann im vergangenen Jahr damit, über Whatsapp Kontakt zu Tausenden Migranten in Libyen aufzubauen. Was er dafür benötigt, gibt die moderne Technik her. Severgnini will nicht allzu sehr ins Detail gehen. Er sorgt sich um die Sicherheit seiner Gesprächspartner in Libyen. Er verrät aber, dass er die Nummer von Menschen herausfinden kann, die sich in Libyen in soziale Netzwerke einwählen. So sei es ihm gelungen, Berichte von Menschen innerhalb und ausserhalb der Internierungslager für Migranten zu sammeln, ­erklärt er. Er veröffentlicht sie in einem Podcast. Er trägt den Namen «Exodus».

Severgnini hat sich schon lange vor dem Ausbruch des jüngsten Konflikts mit der Lage der rund 700 000 Afrikaner in Libyen beschäftigt. Die Lage im Land änderte sich seinem Eindruck nach 2016, sagt er. Fayiz as-Sarradsch wurde im März 2016 Ministerpräsident einer Über­gangsregierung. Die Hoffnung, ­Sarradsch könne Libyen aus den Klauen der Milizen befreien, erfüllte sich nicht. Seine Macht blieb selbst in der Hauptstadt Tripolis abhängig vom Wohlwollen lokaler Verbände. Seit Beginn der Offensive seines ­Gegners Chalifa Haftar im April 2019 ist er mehr denn je auf die Gunst der Warlords angewiesen. Denn das Militär aus Gaddafi-Zeiten verfügt über diszipliniertere Truppen. Schon 2016 habe sich laut Severgnini abgezeichnet, wie stark die Regierung die Kooperation mit den Milizen sucht, sagt der Filmemacher. «Die Milizen bekamen für ihre Unterstützung von as-Sarradsch grünes Licht für ihr Geschäft mit den Migranten.»

Severgnini nennt die zirka 700000 Afrikaner im Land die derzeit wichtigste Ressource für Libyens Milizen, bedeutender als das Öl des Landes. Die Kämpfer könnten in einem Land mit rund ­sieben Millionen Einwohnern Hundert­tausende ohne Lohn für sich arbeiten lassen. Eine Menge Geld liesse sich mit Erpressung verdienen, meint Severgnini. Zunächst seien da die Ersparnisse für die Überfahrt nach Europa. Sind diese Mittel aufgebraucht, blieben die Verwandten zu Hause als Finanzquelle, sagt er. Der Italiener erklärt, wie das Geschäft in Zusammenarbeit mit den afrikanischen Menschenschmugglern funktioniert. «Die libyschen Milizen arbeiten mit der Mafia in Nigeria oder Ghana zusammen. Sie schicken ihren Kontaktleuten Videos von gefolterten Migranten und die stellen dann Lösegeldforderungen an die Angehörigen», sagt er. Ausserdem böte die Kontrolle über die Migranten die Möglichkeit, Europa der libyschen Übergangsregierung gewogen zu machen, sagt Severgnini. Je mehr Migranten nach Libyen kämen, desto reicher und mächtiger würden die Milizen der Regierung, schlussfolgert er.

Deren Gegner, Chalifa Haftar, wisse genau, dass die Migranten das Pfund sind, mit dem die Milizen wuchern, sagt der Italiener. Haftar begann seine Offensive gegen die libysche Übergangsregierung nicht zufällig mit Eroberungen im Süden des Landes im März 2019. «Er hat die wichtigste Fluchtroute unter seine Kontrolle gebracht, um die Milizen vom Nachschub an Migranten abzuschneiden», sagt Severgnini. Regierungsnahe Milizen verschleppten Tausende illegaler Migranten in Lager. Sie befinden sich oft zwischen den Fronten. «Haftar kann nur vorrücken, wenn er ohne Rücksichtnahme durchmarschiert und ein Blutbad anrichtet. Das würde ihn international ächten», sagt Severgnini.

Blackbox Libyen

Severgnini humpelt auf Krücken auf den Balkon seiner Wohnung in Medenine. Er dreht sich auf dem Gipskorsett um das rechte Bein eine Zigarette. Severgninis Sehne am rechten Fuss ist vor einigen Wochen bei einem Unfall gerissen. Er musste sich in Italien behandeln lassen und setzte sich, sobald es ging, wieder in einen Flieger nach Tunesien. Eigentlich ist die Nähe Medenines zur libyschen Grenze gar nicht so wichtig für seine Arbeit. Alles, was er braucht, ist eine Internetverbindung. Dass er mit der Hilfe modernster Technik Informationen über das libysche Mittelalter und seine Henkersknechte besorgen kann, ohne das dies bisher ein öffentliches Echo hervorruft, beweist für ihn das Versagen Europas. Die Möglichkeiten seien vorhanden, die Blackbox Libyen auszuleuchten, aber es gebe kein Interesse daran, meint er. Er denkt an eine Lösung für die humanitäre Krise in Libyen, die auch manchen in der Flüchtlingshilfe aktiven Organisationen nicht gefalle, meint er. Evakuiere die internationale Gemeinschaft die Afrikaner aus Libyen, könne sie danach entscheiden, wer Anrecht auf Asyl hat und wer als Wirtschaftsmigrant in seine Heimat zurückkehren muss. «Viele meiner Kontakte sind bereit zurückzugehen, wenn sie jemand aus Libyen herausholt.»

Der Wind treibt das Elend an die Küsten Tunesiens und lässt Mongi Slim vom Roten Halbmond in Medenine keine ruhige Minute. Slim ist eigentlich Apotheker in der 65 000 Einwohner zählenden Stadt. Er koordiniert aber ehrenamtlich für den Roten Halbmond die Betreuung von Flüchtlingen. Es sind bis auf wenige Ausnahmen Afrikaner. Libyer gehen in die ruhigeren Teile ihres Landes. Einige Migranten schafften es zu Fuss durch die Wüste, erzählt er. Die libyschen Berber in der Küstenstadt Zuwara setzten aber die meisten der in Tunesien ankommenden Migranten gegen Geld in Gummiboote. Der Wind treibt die Migranten dann in tunesische Gewässer, wenn sie nicht vorher kentern. So wie jüngst ein Boot mit Bangladeschern an Bord. Ein ägyptisches Schiff rettete die Flüchtlinge vor dem Ertrinken, und Slim verhandelte mit der tunesischen Regierung und Vertretern des südasiatischen Landes darüber, was mit den Bangladeschern geschehen soll. Tunesien liess sie schliesslich an Land, nachdem Bangladesch die Rückführung akzeptiert hat. Es gebe Verbindungen zwischen der Mafia in Bangladesch und den libyschen Milizen, habe er bei den Verhandlungen erfahren. Es hat sich unter Kriminellen in aller Welt herumgesprochen, welche Goldgrube Libyen ist.

Lücke im Zaun

Slim bereitet sich auf das Schlimmste vor. So schwierig es für die Migranten sei, sich den Milizen zu entziehen, so verzweifelt versuchten sie es doch. Im Moment hielten sich 1200 Flüchtlinge in Medenine auf, sagt er. «Aber es werden jeden Tag mehr und die Unterkünfte sind voll», sagt der Helfer. Slim kann keine Logik in der Politik der Europäer erkennen. Die Tunesier bekämen keine Mittel, um Migranten zu versorgen, während das sich um keine Menschenrechtskonvention scherende Libyen mit Geld überhäuft werde. Tunesien könne so zur Lücke im Zaun werden, der Europa vor Migranten schützen soll. «Wir werden sie nicht aufhalten können», sagt Slim.

In einem Gebäude abseits des Zentrums von Medenine leben jene, die vielleicht schon bald versuchten könnten, die tunesische Lücke zu passieren. Der Sudanese Abdulrasur Omar Kharul aus der Konfliktregion Darfur trug seine Tochter auf den Schultern, als er vor wenigen Tagen nach erfolgreicher Bestechung der Milizen zu Fuss die Wüste von Libyen nach Tunesien überquert hat. Die Schulter schmerze noch, sagt er. Aber was macht das schon, wenn sein Freund neben ihm mit Namen Zakira Ibrahim Kokada Abubakr sein Baby in den Kämpfen um Tripolis verloren hat und jetzt nur verloren an die Wand starrt. Die beiden Männer berichten von den Entführungen durch die Milizen, von Zufällen, denen sie ihr Leben verdanken. Einmal habe der eigene Bruder einen Milizenchef erschossen und das war die Rettung, erzählt Kharul. «Libyer rufen uns Afrikaner nur abd – Sklaven», sagt er. Der Sudanese wird sich erst einmal daran gewöhnen müssen, wieder Mensch sein zu dürfen.

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