NAHER OSTEN: Luzernerin vermittelt im Westjordanland

Edith Hausmann (66) arbeitet als Menschenrechtsbeobachterin im besetzten Westjordanland. Dabei ist sie oft als Mittlerin zwischen Palästinensern und israelischen Siedlern gefordert. Die Friedensmission der Luzernerin geht an die Substanz, den Humor hat sie dennoch nicht verloren.

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Die Luzerner Menschenrechtsbeobachterin Edith Hausmann im arabischen Teil Jerusalems. (Bild Werner P. Wyler)

Die Luzerner Menschenrechtsbeobachterin Edith Hausmann im arabischen Teil Jerusalems. (Bild Werner P. Wyler)

Werner P. Wyler, Tel Aviv

Sie wirkt energisch. Zielgerichtet. Die stahlgrauen Augen schauen einen freundlich und neugierig an. Seit rund zwei Jahren ist Edith Hausmann (66) pensioniert. Doch von Ruhestand kann keine Rede sein. Als vor einiger Zeit Freiwillige gesucht wurden für einen Einsatz im Westjordanland, zögerte Edith Hausmann keine Sekunde. Die frühere Kommunikationsmitarbeiterin, die unter anderem im Bereich Fundraising (Spendensammlungen) bei der Caritas Luzern tätig war, ist zusammen mit drei weiteren Personen mittendrin in einem der gefährlichsten Konfliktherde der Welt. Sie lebt als Menschenrechtsbeobachterin in Yatta, einer landwirtschaftlich geprägten kleinen Stadt im Süden des Westjordanlandes.

Affinität zur arabischen Kultur

Sie habe sich verpflichtet gefühlt, einzugreifen und mitzuhelfen, Menschenrechtsverletzungen zu verhindern oder zumindest aufzudecken, sagt Edith Hausmann. Rekrutiert wurde die engagierte Luzernerin vom Hilfswerk evangelischer Kirchen in der Schweiz (Heks) und von Peace Watch Switzerland. Letztere ist eine Institution, die von schweizerischen kirchlichen Kreisen, von Stiftungen und der öffentlichen Hand getragen und finanziert wird und in verschiedenen Ländern tätig ist. Innerhalb der Dachorganisation steht Edith Hausmann für das ökumenische Begleitprogramm «Ecumenical Accompaniment in Palestine and Israel» (EAPPI) des Weltkirchenrates im Einsatz.

Die Luzernerin hat auf früheren Reisen viele arabische Länder kennen gelernt und eine Affinität zur arabischen Kultur und Mentalität entwickelt. Diese kann sie nun in einer humanitären Mission voll ausleben. «Total unvoreingenommen», versichert Edith Hausmann. Das fällt ihr offensichtlich nicht immer leicht. Man spürt es, wenn sie über israelische Siedler spricht, die durch Unterstützung der israelischen Politik viele Vorzüge gegenüber den in mancher Hinsicht benachteiligten Palästinensern geniessen würden. Gerade der Landverlust durch neue Siedlungen bedrohe die Existenzgrundlagen der palästinensischen Bevölkerung.

Krisensituationen durchgespielt

Sie erzählt von einem intensiven einwöchigen Training im Vorfeld des Einsatzes. Dort wurden politische Szenarien und die Handhabung der Menschenrechte in Krisensituationen durchgespielt. Ein grosses Thema waren dabei die gravierenden Auswirkungen der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland. Auch Fragen rund um eine Zweistaatenlösung wurden durchgespielt. Diese soll gemäss dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu zumindest vorderhand kein Thema mehr sein.

Dies werden die Palästinenser in der Westbank, die seit vielen Jahren auf ihren eigenen Staat hinarbeiten, wohl nicht kampflos hinnehmen. So sind denn weitere Auseinandersetzungen vorprogrammiert. Der Menschenrechtsbeobachterin Edith Hausmann fordert das eine noch höhere Wachsamkeit ab.

Erste gefährliche Mission in Mexiko

Erste praktische Erfahrungen als Beobachterin hat die Luzernerin bereits während eines zweimonatigen Gruppeneinsatzes in Mexiko gemacht. Dort war sie in Chiapas, einer unruhigen Region im Süden dieses weiten Landes, im Einsatz. Hauptaufgabe bildete der Schutz von Kindern und Frauen in Dörfern. Während die Männer auf den Feldern arbeiteten, wurden die Familien immer wieder von gewaltbereiten Paramilitärs überfallen. War das nicht sehr gefährlich? «Ja, schon», sagt Edith Hausmann, aber unsere beschrifteten Jacken, die uns als Beobachterinnen auswiesen, ein bestimmtes Auftreten und die Gespräche verschafften uns Respekt.»

Edith Hausmann ist eine Kämpferin, die genau weiss, was sie will. Weshalb geht sie das Wagnis ein, sich nun im gefahrvollen Westjordanland derart zu exponieren? «Weil ich mithelfen will, die Welt ein bisschen besser, menschlicher und gerechter zu gestalten», antwortet sie bestimmt.

Schikanen und Vandalenakte

Edith Hausmann nimmt an regelmässigen Rundgängen in landwirtschaftlichen Gegenden teil und begleitet die dortigen Bewohner auf dem Weg zur Arbeit und die Kinder zur Schule. Die Beobachter stehen auch Hirten und ihren Schaf­herden bei, die nach Aussage von Edith Hausmann «oft überfallen werden». Allein schon die Präsenz der Beobachter gewähre ihnen Schutz vor Übergriffen durch fanatische Siedler.

Genau beobachtet würden auch die Abläufe an den vielen Checkpoints, die täglich 4000 bis 6000 Palästinenser passieren, um in Israel zu arbeiten. Dies geschehe vor allem, um Schikanen zu unterbinden. Daneben ist sie mit einer Vielzahl weiterer gefährlicher Situationen konfrontiert: nächtlichen Attacken, Überfällen, Vandalenakten von Siedlern.

Mitten in einem Schusswechsel

Die oft heftigen Gegenreaktionen von Palästinensern bleiben nicht aus. Radikale Kräfte seitens der Siedler und der Palästinenser vergiften den Alltag. Angst sei dennoch kein ständiger Begleiter, versichert Edith Hausmann. «Aber es gibt schon Situationen, die Gänsehaut erzeugen», fügt sie an. Einmal sei sie in einen Schusswechsel zwischen dem Militär und militanten Palästinensern geraten. «Da rannte ich aber schnell davon», erinnert sie sich.

Über alle Vorfälle, bei denen die Menschenrechtsbeobachter Augenzeugen sind oder von denen sie im Nachhinein erfahren, erstellen sie Berichte. Diese würden an verschiedene internationale Organisationen, auch an die UNO, weitergereicht. Und Peace Watch Switzerland betont in einer Infobroschüre: Mit umfassenden Dokumentationen von Menschenrechtsverletzungen soll die schweizerische Zivilbevölkerung für den Konflikt im Einsatzland sensibilisiert werden. Der «Sprung aus der heilen Welt ins Chaos», wie Edith Hausmann ihre Mission nennt, zehrt an ihren Nerven. Wenn sie erzählt von traurigen Bildern, die in ihren Gedanken lange nachhaltig vorüberziehen und sie oft schlaflos lassen, wirkt die robust wirkende Frau plötzlich zerbrechlich. «Es gibt schon Erlebnisse, die haften bleiben, die mich lange verfolgen.»

Ruhe findet sie in der Meditation

Sie habe sich diesen Einsatz einfacher vorgestellt. Eigentlich hatte die Luzernerin erwartet, «dass mich die Arbeit im Westjordanland schon nicht aus den Schuhen kippt». Aber es kippt sie eben doch «immer mehr», sagt Hausmann. Ohne eine gewisse Hornhaut ginge das alles nicht. Zen-Meditation helfe ihr, schlimme Bilder verblassen zu lassen und das Gleichgewicht wiederzufinden.

21 Jungmänner und das Paradies?

Dieser Tage war Edith Hausmann in Israel unterwegs, um Gespräche mit israelischen Friedensorganisationen zu führen. Alle Gesprächspartner hätten signalisiert, dass Israel hauptsächlich eine Kehrtwende in seiner Siedlungspolitik vornehmen und die «unrechtmässige Besiedlung besetzter Gebiete im Westjordanland» beenden müsse. «Es gibt viele Israelis und auch Palästinenser, die sich nur eines wünschen: endlich Frieden und Ruhe.»

Trotz allem, was Hausmann erlebt, was sie bedrückt und zuweilen hilflos und erschüttert zurücklässt; ihr Humor hat sie nicht verlassen. Märtyrer gelangten ins Paradies, so die Zuversicht radikaler Palästinenser, und würden dort von 21 Jungfrauen erwartet, sagt man. «Und», fragt Edith Hausmann, «was ist mit den Frauen? Können sie mit 21 Jungmännern rechnen?»

Und sie schmunzelt dabei das erste Mal schelmisch ...

Hinweis

Edith Hausmann legt Wert darauf, dass die in diesem Artikel wiedergegebene Meinung ihre persönliche und nicht zwingend jene der Hilfsorganisation sei.

Westjordanland. (Bild: Grafik: Janina Noser)

Westjordanland. (Bild: Grafik: Janina Noser)