NAHOST: «Assad ist der grosse Gewinner»

Die radikalen Isis-Kämpfer sind die neuen Führer des globalen Gotteskrieges. Der Nahostexperte Michael Lüders über Gewinner und Verlierer des Arabischen Frühlings.

Interview Christoph Reichmuth, Berlin
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Isis-Kämpfer mit gefangenen irakischen Soldaten nach Einnahme einer Militärbasis in Tikrit Mitte Juni. (Bild: AP)

Isis-Kämpfer mit gefangenen irakischen Soldaten nach Einnahme einer Militärbasis in Tikrit Mitte Juni. (Bild: AP)

Michael Lüders, verbreitet die Gruppe Isis im Irak und in Syrien einen blutigen Schreckensmoment, oder müssen wir uns auf eine dauerhafte Präsenz der Radikalen einstellen?

Michael Lüders*: Die Isis wird im Irak und in Syrien vorerst mächtig und einflussreich bleiben. In den nächsten zwei bis drei Jahren bleibt die Organisation ein entscheidender Machtfaktor im Nahen Osten. Längerfristige Prognosen lassen sich heute nicht aufstellen.

Experten beschreiben die Isis als noch radikaler als die el Kaida: Frauen sollen gar keine Rechte mehr haben, Dieben würden Hände abgehackt, Ungläubige geköpft. Treffen solche Beschreibungen tatsächlich zu?

Lüders: Die Ideologie der Isis ist in der Tat steinzeitlich, die radikalen Isis-Mitglieder haben keine Vorstellung einer modernen Gesellschaft. Der Grund für den Erfolg der Isis ist aber nicht ihre Radikalität, mit Ideologie hat ihr Erstarken nichts zu tun. Die politischen Stämme und moderate Sunniten unterstützen die Isis im Nordirak, weil sie sich erhoffen, dass die erprobten Isis-Kämpfer in der Lage sein werden, Iraks Präsident Nuri el Maliki zu stürzen. Die radikale Ideologie wird von vielen Sunniten nicht unterstützt. Aber Isis könnte ein Vehikel sein, um Maliki in die Knie zu zwingen.

Dann werden die Isis-Kämpfer im Norden eher wie Befreier wahrgenommen denn als Besatzer?

Lüders: Zumindest haben viele Sunniten im Irak das Gefühl, dass sie unter der schiitischen Herrschaft von Maliki ihre Rechte nicht wahrnehmen können. Es brodelt im Irak schon seit Monaten. Das ist das Ergebnis einer Politik von Maliki, bei der selbst gemässigte Sunniten von der Macht völlig ferngehalten werden. Die Isis ist in den Augen vieler Sunniten die einzige Möglichkeit, um die schiitische Vormachtstellung zu durchbrechen. Und die Isis ist wegen des Bürgerkriegs in Syrien kampferprobt, verfügt über reichlich Geld und militärische Güter, die sich die Kämpfer in Syrien angeeignet haben.

An der Seite der Isis kämpfen gemässigte Sunniten, radikale Gotteskrieger, frustrierte Saddam-Anhänger der Baath-Partei. Wie gefestigt ist das Bündnis wirklich?

Lüders: Bei der Isis handelt es sich tatsächlich um einen sehr losen Interessenverband. Es ist sehr fraglich, ob es der Isis auf längere Sicht gelingen wird, die teilweise doch sehr unterschiedlichen Interessen unter einem Hut zu vereinen. Was die Isis momentan eint, ist das Bestreben, die Schiiten von der Macht zu vertreiben. Solange die Isis militärische Erfolge vorzuweisen hat, so lange hält das Bündnis. Bleiben die Erfolge aber aus, brechen diese Interessenkonflikte offen aus.

Die Isis gilt als die reichste Terrororganisation. Wie kommt sie zu Geld?

Lüders: Die Isis hat Ölraffinerien in ihrem Besitz, das Öl wird teilweise ans Assad-Regime verkauft. Zudem kontrolliert die Organisation zwei Grenzübergänge in Richtung Türkei. Hier werden Steuern auf Gütertransporte erhoben. Ausserdem wird die Organisation von Wohltätervereinen aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten finanziell gefördert. Die reichen Unterstützer sehen in der Isis ein Bollwerk gegen die von ihnen verhassten Schiiten und den Iran. Im Zentrum des Konflikts zwischen Schiiten und Sunniten steht kein Religionskrieg. Die theologischen Unterschiede zwischen den beiden Strömungen innerhalb des Islams sind überschaubar, viel geringer als etwa die Differenzen zwischen Protestanten und Katholiken. Der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten entlädt sich nicht an konfessionellen Fragen, es geht schlicht um die politische Macht.

Ist die Isis in der Lage, die Hauptstadt Bagdad einzunehmen?

Lüders: Militärisch ist sie dazu nicht in der Lage. Die Isis wird auf 10 000 bis 20 000 Kämpfer geschätzt. Bagdad hat über 6 Millionen Einwohner, der Grossteil davon sind Schiiten. Die kleine Miliz wird Bagdad nicht einnehmen können. Aber die Isis wird versuchen, Bagdad wirtschaftlich zu strangulieren. Die Strassenverbindungen nach Norden und nach Jordanien wurden gekappt. Nun versuchen die Isis-Kämpfer, so nahe an den Bagdader Flughafen zu gelangen, dass die startenden und die landenden Flugzeuge in Reichweite ihrer Artillerie sind. Das ist für Bagdad verheerend.

Wie sollen sich die USA in dem Konflikt verhalten? Maliki fordert ihre Unterstützung, die USA wollen Malikis Rücktritt.

Lüders: Die Amerikaner haben nicht die Möglichkeit, Maliki zum Rücktritt zu bewegen. Jedenfalls nicht, solange Maliki die Unterstützung des Regimes in Teheran geniesst. Die USA können theoretisch militärisch zu Hilfe eilen, das stoppt vielleicht den Vormarsch der Isis, löst aber keine politischen Probleme. Um einen Erfolg zu landen, müssten sich die Türkei, Saudi-Arabien, Iran, Russland und die USA auf eine Lösung einigen. Doch das ist Theorie. In der Praxis sieht es nicht danach aus.

Täuscht es, oder ist der Westen inzwischen froh, dass Baschar el Assad in Syrien doch noch an der Macht ist?

Lüders: Der Eindruck täuscht nicht. Assad ist neben den Kurden im Irak der grosse Gewinner dieses Konflikts. Der Westen wird Assad dazu ermutigen, mit allen Mitteln gegen die Isis vorzugehen – was er bislang nicht getan hat. Und Assad wird als Gegenleistung dafür die Anerkennung seiner Herrschaft fordern.

Hat Assad aus Kalkül die Isis gewähren lassen?

Lüders: Genau so ist es. Jetzt wird er im Kampf gegen die Isis gebraucht. Das festigt seine Position.

Vor dreieinhalb Jahren brach hoffnungsfroh der Arabische Frühling aus – heute wirkt die Bilanz deprimierend. Libyen droht die Spaltung, Ägypten bekriegt Muslimbrüder, Syrien versinkt im Chaos.

Lüders: Die Bilanz ist in der Tat düster. Das liegt daran, dass es in den Staaten des Arabischen Frühlings keine starke Mittelschicht gibt, die sich an die Spitze der gesellschaftlichen Bewegung stellen konnte. Stattdessen erleben wir nach dem Sturz Mubaraks, Ben Alis oder Ghadhafis den Rückfall in eine Gesellschaft, die von Clans, religiösen Stämmen und ethnischen Gruppen gesteuert wird.

Wurde die el Kaida bei der globalen Führerschaft der Dschihad-Bewegung von der Isis abgelöst? Ist Isis-Führer Abu Bakr al-Baghdadi quasi der neue Bin Laden?

Lüders: Das kann man so sagen. Die Isis ist heute sehr viel mächtiger als die el Kaida, viel einflussreicher, finanzstärker. Dadurch hat sie eine grössere Sogwirkung auf Dschihadisten aus aller Welt.

Die Isis hat die Losung ausgegeben, Syrien und der Irak seien nur Etappenziele auf dem Weg nach Jerusalem. Wird es für den jüdischen Staat immer dramatischer?

Lüders: Israel ist keine Insel der Glückseligen, wo man sich abschotten kann. Isis bedeutet Islamischer Staat im Irak und in Grosssyrien. Dazu zählen der Libanon, Jordanien und eben auch Israel. Isis wird versuchen, auch in den palästinensischen Gebieten aktiv zu werden. Vielleicht wird die Regierung in Jerusalem irgendwann mit Wehmut an die von ihr momentan dämonisierte palästinensische Autonomiebehörde zurückdenken.

* Michael Lüders (55) ist Islamwissenschaftler und Publizist in Berlin. Er hielt sich unter anderem längere Zeit in Damaskus auf.