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NAHOST: «Jetzt wird es in Syrien brandgefährlich»

Die Gesellschaften südlich des Mittelmeers befänden sich mitten in ihrem Dreissigjährigen Krieg, sagt Islamwissenschaftler und Bestsellerautor Michael Lüders. Das hat drastische Folgen für Europa.
Michael Wrase
Das Bild zeigt Chan Scheichun nach dem Giftgasanschlag. (Bild: Imago (4. April 2017))

Das Bild zeigt Chan Scheichun nach dem Giftgasanschlag. (Bild: Imago (4. April 2017))

Interview: Michael Wrase

Michael Lüders (58) ist eine Kapazität. Der Nahostexperte, der Islamwissenschaften studierte und Arabisch in Damaskus erlernte, hat zahlreiche Bücher über die Konflikte in der Region verfasst. Sein jüngstes Buch trägt den Titel «Die den Sturm ernten» und befasst sich mit dem Syrien-Krieg.

Michel Lüders, Sie geben in Ihrem aktuellen Buch dem Westen die Hauptschuld für die Tragödie in Syrien. Warum nicht dem Assad-Regime?

Es geht nicht um moralische Beurteilungen der entsetzlichen Ereignisse in Syrien, sondern um eine politische Analyse, um die Frage, wie konnte aus einer Protestbewegung ein regionaler Stellvertreterkrieg werden. Assad sollte nicht wegen seiner Menschenrechtsverletzungen gestürzt werden, sondern weil er geopolitisch nicht in das Konzept des Westens und der Golfstaaten passt. Die Versuche, das Regime zu stürzen, haben lange vor dem Volksaufstand begonnen und sind gut dokumentiert.

Grossen Raum widmen Sie dem Giftgasmassaker in den Vororten von Damaskus von 2013. Dafür verantwortlich, behaupten Sie unter Berufung auf britische Geheimdienstquellen, sei nicht die syrische Armee gewesen, sondern der Kaida-Ableger Nusra-Front und der türkische Geheimdienst, der mit einer Operation unter falscher Flagge den Kriegseintritt der USA erzwingen wollte. Dennoch wird im Westen weiterhin Assad als Übeltäter genannt?

Assad ist ja auch ein Übeltäter, ein Diktator, der sehr viel Schuld auf sich geladen hat. Aber wenn wir uns die Konflikte in Syrien oder auch in der Ukraine ansehen, dann stellen wir fest, dass die Leitmedien in der Regel einem doch eher verkürzten Narrativ folgen. Wenn sich dann aber herausstellt, dass die Oppositionellen, die von den USA und der Türkei mit Waffen unterstützten Rebellen, Dschihadisten und Terroristen, dass diese Leute nicht nur ein Massaker begangen haben, sondern auch versucht haben, die USA in einen Krieg hineinzuziehen, dann wäre dies ein Skandal sondergleichen. Das gesamte offizielle Narrativ, die offizielle Erzählung, die in den westlichen Medien den Ton angibt, würde in sich zusammenbrechen. Das will man verhindern. Daher ist die Bereitschaft sehr gering, sich mit der Faktenlage auseinanderzusetzen, wenn einmal eine Unterteilung in Gut und Böse vorgenommen worden ist.

Diese Woche kam es in Syrien wieder zu Giftgasangriffen. Dieses Mal deutet vieles auf das Assad-Regime hin.

Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genau, was in Chan Scheichun geschehen ist. Dennoch hat die US-Politik eine Wende vollzogen: Für Präsident Trump, der das Regime in Damaskus als Schuldigen benannt hat, sind nunmehr, was Assad angeht, alle Optionen denkbar. Das haben wir in der Nacht zum Freitag nun erlebt.

War der amerikanische Bombenangriff ein einmaliger «Warnschuss», oder müssen wir mit weiteren Militäraktionen rechnen?

Auch unter Donald Trump folgt die amerikanische Politik in Syrien keiner durchdachten Strategie. Die Gefahr einer Konfrontation mit Russland ist gewaltig. Sobald ein russischer Soldat getötet oder ein russisches Flugzeug abgeschossen wird, wird es in Syrien brandgefährlich.

Ist das Ziel eines Regime-Wechsels in Syrien nach der Eroberung von Aleppo und dem Machtwechsel in ­Washington vom Tisch?

Nein, das Szenario eines Regimewechsels gibt es immer noch. Das ist nach dem erneuten Strategiewechsel in Washington offensichtlich. In den USA gibt es Machtzentren, die weiterhin den Showdown mit Russland in Syrien und auch in der Ukraine wollen. Es ist daher davon auszugehen, dass der Krieg in Syrien weitergeht. Erst vor einigen Wochen haben die USA 500 Elitesoldaten in Ostsyrien stationiert, denen einige tausend folgen sollen. Ihr Ziel ist die Eroberung der so­genannten Kalifatshauptstadt Rakka. Doch was geschieht, wenn dieses Ziel erreicht worden ist? Abziehen werden diese Soldaten ebenso wenig wie die in Syrien stationierten russischen Soldaten.

Die Gesellschaften südlich des Mittelmeeres befinden sich «mitten in ihrem Dreissigjährigen Krieg». Dieser, schreiben Sie, werde so lange dauern, bis die vernünftigen Teile der Gesellschaft wieder die Oberhand gewinnen. Haben diese überhaupt eine Chance zum Handeln?

Kurzfristig auf keinen Fall. Hinzu kommt die Unfähigkeit der arabischen Machteliten, eine kons­truktive Politik zu betreiben. Ihnen geht es ausschliesslich um Machterhalt, und zu diesem Zwecke sind sie auch bereit, ganze Länder zu zerstören. Die Regime in der arabischen Welt haben keine Legitimität. Die bürgerlichen Mittelschichten sind schwach. Sie können noch nicht als Agenten der Veränderung auftreten. Und die Spitzen der Gesellschaft sind viel zu sehr mit der Machtbewahrung und Selbstbereicherung beschäftigt, als dass von dort so bald irgendwelche positiven Impulse zu erwarten wären.

Also kein Licht am Ende des nahöstlichen Tunnels?

Wir gehen jetzt durch das Tal der Tränen. Wir in Europa werden uns daran gewöhnen müssen, mit dem Flüchtlingsproblem und dem islamistischen Terrorismus zu leben. Wir müssen daher anfangen, unser eigenes Bewusstsein zu verändern. Und die Politik muss lernen, in komplexeren Zusammenhängen zu denken und auch eigene Interessen klarer zu benennen. Die Amerikaner intervenieren militärisch, und wir in Europa kehren die Scherben dieser verfehlten Politik auf.

Grosser Verlierer in Syrien ist die Türkei. Wo sehen Sie dieses Land in zwei Jahren?

Die Perspektiven für die Türkei sind düster; auch deshalb, weil es keine Möglichkeit mehr gibt, das System Erdogan auf demokratische Weise zu kritisieren. Wenn man fast die Hälfte der Bevölkerung, die nicht für Erdogan ist, ausgrenzt, und jede Form des zivilen Protestes unter Strafe stellt, ist es klar, dass sich der Widerstand in den Untergrund verlagern wird. Das führt dazu, dass die Türkei den Weg Syriens gehen wird, bei dem am Ende Banden durch das Land ziehen, um Widersacher auszuschalten.

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