NAHOST: Panzer zählen auf dem Golan

Schweizer Offiziere überprüfen als UNO-Militärbeobachter, ob Israel und Syrien ihren Waffenstillstand einhalten. Im Moment können sie das allerdings nur auf israelischer Seite.

Christof Widmer (text und Fotos)
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Hauptmann Dominik Weber schaut vom Beobachtungsposten auf dem Berg Bental Richtung Syrien. Im Hintergrund erhebt sich das Massiv des Bergs Hermon.

Hauptmann Dominik Weber schaut vom Beobachtungsposten auf dem Berg Bental Richtung Syrien. Im Hintergrund erhebt sich das Massiv des Bergs Hermon.

Eine Katze springt über die Betonmauer. Sie hat sich in der Morgensonne gestreckt, bis die Besucher sie aufgeschreckt haben. Hinter der Mauer weitet sich das verdorrte Land zu einer Ebene. Bis zur syrischen Hauptstadt Damaskus sind es 60 Kilometer. Dorthin gelangt von hier aus aber gewöhnlich keiner. In 300 Metern Entfernung durchtrennt ein Zaun die Ebene. Wer ihn nur schon berührt, hat eine israelische Militärpatrouille am Hals.

Die Mauer schützt den Observation Post 51. OP 51 ist einer von fünf Beobachtungsposten der UNO auf den Golanhöhen. Er liegt auf der israelischen Seite der Waffenstillstandslinie. Auf dem Turm blickt der Schweizer Hauptmann Dominik Weber (34) durch ein riesiges Fernglas. «Jede Stunde müssen wir das Gelände mindestens 30 Minuten lang beobachten», sagt der Luzerner. Abhängig von der Lage kann auch eine lückenlose Beobachtung erforderlich sein. Jetzt ist es ruhig. Vor einigen Monaten zählten die unbewaffneten Militärbeobachter die Granateneinschläge auf der syrischen Seite, als es in den Bürgerkriegswirren dort zu Kämpfen kam.

Den Zaun haben die Israeli auf ihrer Seite der demilitarisierten Pufferzone gebaut. Diese wurde nach dem Jom-Kippur-Krieg von 1973 eingerichtet. Seither überwacht die UNO den Waffenstillstand zwischen Israel und Syrien. Damit keine Seite zu einem neuen Angriff aufmarschieren kann, dürfen Syrer wie Israeli in einem je 25 Kilometer breiten Streifen im Anschluss an die Pufferzone nur eine festgelegte Zahl von Soldaten, Panzern, Geschützen, Flugzeugen oder Drohnen stationieren. Die UNO-Militärbeobachter kontrollieren, ob die Parteien diese Beschränkung auch wirklich einhalten.

Ringsum vermintes Gelände

«Das ist unsere OP-Katze», sagt Weber, als sich das Tier wieder zeigt. Sie darf nicht nur aus Tierliebe im OP 51 wohnen. «Sie hält das Ungeziefer und die Schlangen in Schach.» Neben der Katze leben drei Militärbeobachter jeweils sieben Tage lang bis zur Ablösung hier auf engem Raum. Dann können sie ein paar Tage zurück in ihre Wohnung in der Stadt Tiberias am See Genezareth. Den Beobachtungsposten können sie nur über die Zufahrtsstrasse verlassen. Rundherum ist das Gelände sonst vermint. Rote Markierungen auf den Steinen zeigen an, wo das Minenfeld beginnt. Jeder Buschbrand ist eine Gefahr, weil er Minen zur Explosion bringen könnte. Auch deshalb verfügt jeder Beobachtungsposten über einen Bunker.

Die Katze schleicht um ein zum Hometrainer umfunktioniertes Velo. Auch dieser Platz bietet einen hervorragenden Überblick. Das Velo ist im Freien so aufgestellt, dass man während des Trainings in die Pufferzone schauen kann. «Man darf den Sport nicht unterschätzen», sagt Weber. Die Militärbeobachter sitzen viel. Eine rudimentäre Auswahl an Fitnessgeräten gehört darum zu jedem OP.

Ideales Übungsgelände

Wie jeden Vormittag verlässt einer der drei Militärbeobachter den OP und begibt sich zusammen mit einem Kollegen aus dem nächsten Beobachtungsposten auf Patrouille. Die blaue UNO-Fahne flattert am Heck des weissen Fahrzeugs. Weber fährt mit seinem Kollegen die Strassen auf dem Golan ab. Sie interessiert, was die israelische Armee macht. Mehrere Dutzend Positionen haben die Israeli auf dem Golan – Stellungen, Militärcamps und Horchposten. Trotz der Beschränkungen durch den Waffenstillstandsvertrag ist der Golan für Israel ein hervorragendes Truppenübungsgelände. So kann es vorkommen, dass eine Panzerpiste die Strasse kreuzt.

Von der Hauptstrasse zweigen immer wieder kleinere Strässchen ab, die mit nummerierten Wegweisern versehen sind. Die Nummern müssen Codes für die verborgenen israelischen Positionen sein. Manchmal steht neben dem Wegweiser eine Bushaltestelle, obwohl weit und breit kein Anzeichen einer Siedlung zu sehen ist. An einer Haltestelle warten drei israelische Soldaten, die aussehen, als würden sie ihren Urlaub antreten.

Einige Militärcamps liegen gleich neben der Strasse – mit grossen Blachen gegen den Blick von aussen geschützt. In einem sind aber Panzerhaubitzen zu sehen. «Die dürfen hier sein», sagt Hauptmann Weber. Keine fünf Minuten weiter bemerkt er acht israelische Kampfpanzer, die einige hundert Meter von der Strasse entfernt stehen. Unter einem Sonnenschutz warten Soldaten. «Etwas langsamer», bittet Weber seinen Fahrer. Der Schweizer notiert Ort und Zeit.

Wenn Israeli nervös werden

Später wird Weber die Beobachtung in seinem Report ans Hauptquartier aufführen. Dort gewinnen die Analysten mit solchen Angaben einen Überblick über die israelischen Aktivitäten und Truppenstärken auf dem Golan. Von Interesse ist für sie beispielsweise auch, wie die Israeli patrouillieren. «Verwenden sie plötzlich schwer gepanzerte Fahrzeuge, ist das ein Indiz, dass sie aus irgendeinem Grund nervös sind», sagt Weber. Regelmässig inspizieren die Militärbeobachter auch die israelischen Positionen selber. Dann sind sie in Begleitung eines israelischen Offiziers, der ihnen den Zugang zu allen Einrichtungen sicherstellen soll. Ob sie dabei Verletzungen des Waffenstillstandsabkommens feststellen, darüber bewahren die UNO-Beobachter Stillschweigen.

In ihren Beobachtungsposten sind die Militärbeobachter auf sich gestellt. Während des siebentägigen Einsatzes müssen sie selber dafür sorgen, dass sie genug zu essen haben. Das Abendessen kocht abwechselnd jeweils einer für das ganze Dreierteam. Sie müssen auch für den Unterhalt der Einrichtung sorgen. Dazu gehören der Betrieb der Generatoren, die Kontrolle des Trinkwasserstandes im Tank oder die Wartung der Fahrzeuge.

Rebellen entführten UNO-Soldaten

Der syrische Bürgerkrieg hat gravierende Auswirkungen auf die Arbeit der UNO-Militärbeobachter. Die Beobachtergruppe Golan unterhielt bis letztes Jahr auch auf dem syrischen Teil Posten. Schritt für Schritt mussten die unbewaffneten Militärbeobachter sie räumen. Auch die bewaffneten UNO-Soldaten haben sich teilweise aus Syrien zurückgezogen. Sie waren in Kämpfe mit den Rebellen verwickelt worden. Über 40 philippinische UNO-Soldaten sind vorübergehend entführt worden. Die geräumten UNO-Stellungen in Syrien sind jetzt in der Hand der Rebellen. Laut Medienberichten ist dort die El-Kaida-nahe Nusra-Front präsent. Eine Angabe, die die Militärbeobachter weder bestätigen noch dementieren. «Unser Mandat betrifft nur die staatlichen Strukturen in Israel und in Syrien», sagt der Schweizer Oberstleutnant Alexandre Zermatten.

Zermatten führt jene Untergruppe der Beobachter, die für das syrische Gebiet zuständig wäre. Sie existiert noch formell. Ausser einem Verbindungsoffizier in Damaskus ist aber kein UNO-Militärbeobachter mehr in Syrien. «Sobald es die Sicherheitslage zulässt, werden wir dort wieder präsent sein», sagt er.

Schweizer sind gefragt

Gerade weil sich die Militärbeobachter im zivilen Umfeld bewegen, kommt den Schweizern ihre zivile Erfahrung zugute. «Hier kommt es nicht auf Kampferfahrung an», sagt Weber, der bis zu seinem Einsatz Teamleiter in der Post-Tochter Swiss Post Solutions war. Über das militärische Rüstzeug verfügen die Schweizer Militärbeobachter aber. Voraussetzung ist der Hauptmannsgrad. Auf ihren Einsatz werden sie vom Kompetenzzentrum ­Swissint in Stans vorbereitet. Das ist die Kommandostelle für die friedensfördernden Einsätze der Schweizer Armee im Ausland.

Die Schweizer sind in der UNO-Mission gefragt. Nicht selten will der Kommandant im Hauptquartier in Jerusalem Schweizer Offiziere in seinem Stab haben. Einer von ihnen ist der Frauenfelder Major Jens Amrhein. Er und seine Kollegen werten die Berichte der Militärbeobachter aus. Er hat seinen Einsatz um ein Jahr verlängert. Ebenfalls im Hauptquartier arbeitet Hauptmann Karin Uhr. Sie stammt aus Zug. In Jerusalem ist sie als Stabsoffizier direkt dem Kommandanten der UNO-Mission zugeteilt.

Draussen auf dem Beobachtungsposten bleibt trotz aller personellen Wechsel eine Konstante: die OP-Katze. Während die Militärbeobachter wieder nach Hause reisen oder nach Jerusalem wechseln, bleibt sie auf Posten.