Ägypten
Nahostexperte Erich Gysling: «Die Muslimbruderschaft hat Risse»

Erich Gysling zur offenen Frage, wie sich der Putsch auf die Demokratie in Ägypten auswirken wird, zu den Versprechungen des Militärs und die Gefahr eines Bürgerkriegs.

Daniel Fuchs
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Nahost-Experte Erich Gysling KEYSTONE/Gaetan Bally

Nahost-Experte Erich Gysling KEYSTONE/Gaetan Bally

Die Militärs haben geputscht, Mohammed Mursi ist nach Ablauf des Ultimatums abgesetzt worden. Wie könnte es nun weitergehen?

Erich Gysling: Ob das Militär wirklich Neuwahlen organisieren will, ist ebenso offen wie die Reaktion der Bevölkerung.

Neuwahlen versprechen die Militärs zwar, faktisch aber bleibt nach dem Putsch die Muslimbruderschaft die einzige politisch schlagkräftige Organisation in Ägypten.

Deshalb werden die Militärs auch mit den Muslimbrüdern zusammenarbeiten wollen. Doch die Muslimbruderschaft hat Risse.

Wird sie auseinanderbrechen?

Nein, das glaube ich nicht. Eine Mehrheit der Muslimbrüder wird viel eher goutieren, dass die Militärs die Macht übernommen haben. Sie werden aber auf Neuwahlen drängen. Gut möglich, dass die Muslimbruderschaft auch nach Neuwahlen die Siegerin ist, vielleicht sogar mit einem Präsidenten Mursi, der an die Macht zurückkehrt.

Wie gross ist die Gefahr eines Bürgerkriegs?

Ägypten wird wohl nicht in der Gewalt versinken.

Mursi wurde demokratisch gewählt. Welche Signalwirkung hat dieser Putsch nun auf die Demokratie am Nil?

Das ist die grosse Frage. Mursi wurde von einer knappe Mehrheit gewählt. Nun hat ihn eine grosse Minderheit gezwungen, zu gehen. Ich gehe von etwa sieben Millionen Ägyptern aus, die den Rücktritt Mursis gefordert haben. In einem Land von über 80 Millionen ist das noch immer sehr wenig.

Vorderhand geht es um Demokratie, doch die Unzufriedenheit rührt auch von der wirtschaftlichen Misere, in der das Land steckt.

Das Elend hat sich seit dem arabischen Frühling und der Absetzung Mubaraks sogar noch verschärft. Seither stieg die Jugendarbeitslosigkeit an, weitere Firmen schlossen ihre Tore. Das Land ist weiter verarmt, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit greift um sich.

Dem Militär wird es kaum gelingen, das Land aus dieser Misere zu führen.

Vergessen Sie trotzdem nicht, dass die Militärs sich nach wie vor grosser Beliebtheit erfreuen, besonders unter der älteren Bevölkerung. Der Mythos, den letzten grossen Krieg gegen Israel gewonnen zu haben, lebt bis heute weiter, auch wenn er überhaupt nicht stimmt. Trotzdem nehmen die Militärs eine zwiespältige Rolle ein. Vor allem, weil sie in letzter Zeit wieder mit mehr Repression auffielen.