Nato-Beitritt
Finnlands Entscheid treibt Putin zur Weissglut: Der Kreml droht Helsinki mit einem Atomkrieg

Helsinki wartet nur noch auf ein Zeichen aus Schweden, um sein offizielles Nato-Beitrittsgesuch einzureichen. Der Kreml reagiert heftig.

Niels Anner, Kopenhagen
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Sanna Marin sagt Ja zur Nato: Die finnische Regierungschefin will ihr Land möglichst schnell dem westlichen Verteidigungsbündnis anschliessen.

Sanna Marin sagt Ja zur Nato: Die finnische Regierungschefin will ihr Land möglichst schnell dem westlichen Verteidigungsbündnis anschliessen.

Keystone

Jetzt werden die Finnen deutlich. Präsident Sauli Niinistö und Regierungschefin Sanna Marin sagten am Donnerstag, ihr Land wolle «ohne Verzug» den Nato-Beitritt beantragen. Ein historischer Schritt für das nordische Land, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs jahrzehntelang seine Neutralität bewahrt hatte.

Seit Wochen hat das Land intensiv über das Thema diskutiert. Aktuellen Umfragen zufolge befürworten fast 80 Prozent der Bevölkerung einen Beitritt Finnlands zum westlichen Verteidigungsbündnis. Auch im Parlament gibt es klare Mehrheiten für den Nato-Beitritt. Nach der gestrigen Ankündigung von allerhöchster Stelle ist klar: Finnland wartet nur noch auf den offiziellen Entscheid aus Schweden, um in Abstimmung mit dem nordischen Nachbarland sein Beitrittsgesuch abzuschicken.

Eine solche Entwicklung hielt Regierungschefin Sanna Marin noch Anfang Jahr für ausgeschlossen. Bisher hatte sich Finnland aus Rücksicht auf Russland keinem Militärbündnis angeschlossen. Doch seit der russischen Invasion in der Ukraine hat sich die Lage für das Land mit der 1340 Kilometer langen Grenze zu Russland fundamental verändert. Ein Nato-Beitritt bringe sowohl Finnland und dem ganzen Ostsee-Raum mehr Stabilität und Sicherheit, hatten mehrere Sicherheitsanalysen ergeben.

Medwedew droht mit «vollständigem Atomkrieg»

Zunächst allerdings dürfte die Unsicherheit zunehmen. Der Kreml reagierte postwendend und harsch auf den «unfreundlichen, bedrohlichen Schritt» Finnlands. Dmitri Medwedew, Ex-Kreml-Chef und aktueller Vizepräsident von Russlands Sicherheitsrat, sprach von einer erhöhten Gefahr eines direkten Konfliktes mit der Nato und warnte vor einem «vollständigen Atomkrieg».

Für Putin ist die Lage laut Sicherheitsexperten katastrophal: Er hatte sich vehement gegen eine Nato-Erweiterung Richtung russischer Grenze gestemmt und auch den Angriff auf die Ukraine unter anderem damit begründet. Doch Finnlands Präsident Niinistö erklärte kühl, Putin habe sich die jetzige Entwicklung selber zuzuschreiben.

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Gerade Niinistö steht deutlich für die Kehrtwendung Finnlands: Jahrelang war er ein Befürworter eines halbwegs guten Verhältnisses zu Moskau, nicht zuletzt auch, weil die beiden Länder wirtschaftlich verbunden sind und die Präsidenten bei Bedarf einen Draht zueinander hatten.

Doch Finnland macht sich nicht länger etwas vor: Das 5,5-Millionen-Land macht sich auf diverse Vergeltungsmassnahmen Moskaus gefasst: Truppenverlegungen Richtung Grenze, Luftraumverletzungen, Cyberangriffe auf Banken oder die Verbreitung von Fake News zur Verunsicherung der Bevölkerung. Ein direkter Waffenangriff Russlands gilt als unwahrscheinlich – nicht zuletzt, weil grosse Teile der russischen Armee in der Ukraine absorbiert sind.

Finnischer Entscheid setzt Schweden unter Druck

Zu seiner Verteidigung setzt Finnland auf seine robuste Armee, die seit der Krim-Annexion 2014 ausgebaut wurde und über eine trainierte Reserve von 280'000 Soldaten verfügt. Gleichzeitig hat der britische Premier Boris Johnson am Mittwoch sowohl in Helsinki wie auch in Stockholm einen «Solidaritätsvertrag» unterzeichnet. Damit verspricht Grossbritannien, den beiden Staaten bei einem Angriff beizustehen.

Der britische Premier Boris Johnson verspricht dem finnischen Präsidenten Sauli Niinistö Grossbritanniens Unterstützung im Ernstfall.

Der britische Premier Boris Johnson verspricht dem finnischen Präsidenten Sauli Niinistö Grossbritanniens Unterstützung im Ernstfall.

Keystone

Auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat Unterstützung für Finnland und Schweden zugesagt sowie eine rasche Behandlung des Beitrittsgesuchs. Der Norweger erwartet einen problemlosen Prozess, der innerhalb weniger Wochen über die Bühne gehen könnte. Gestern forderten diverse Nato-Länder, darunter Dänemark und Polen, das Bündnis müsse unverzüglich zustimmen.

Das Ja aus Finnland wird auch die Debatte in Schweden beschleunigen. Allerdings verspürt die sozialdemokratische Regierung Schwedens mehr Widerstand – nicht nur von den Sozialisten, die eine Volksabstimmung verlangen, sondern auch aus der eigenen Partei. Die Sozialdemokraten waren bis vor kurzen einem Nato-Beitritt gegenüber kritisch eingestellt.

Sollte Schweden einen Beitritt ablehnen, könnte es sich in einer Lage ähnlich jener der Schweiz wiederfinden: eine Insel, umgeben von Nato- und EU-Ländern, und damit in relativer Sicherheit. Allerdings ist Schweden mit seiner Ostsee-Insel Gotland fast in direkter Nachbarschaft zu Russland. In einem Konflikt wäre die Insel strategisch enorm wichtig.

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