Nato-Partner: Vage Hoffnung trotz Affront

Deutschland-Korrespondent Christoph Reichmuth über das deutsch-türkische Verhältnis.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Christoph Reichmuth (Bild: Rudi-Renoir Appoldt, info@rrenoi)

Christoph Reichmuth (Bild: Rudi-Renoir Appoldt, info@rrenoi)

Der türkische Machthaber Recep Tayyip Erdogan ordnet seinem Machtstreben alles unter. Dass er dabei selbst der Bekämpfung der Terror­miliz IS weniger Bedeutung beimisst, ist entlarvend. Erdogan will in erster Linie seine Macht festigen und einen unabhängigen Kurdenstaat in den Bürgerkriegsgebieten verhindern.

Erdogan nimmt mit seiner Sturheit in Kauf, dass dem Nato-Partner Deutschland keine andere Wahl bleibt, als den Luftwaffenstützpunkt in Incirlik zu verlassen. Obwohl die Bundeswehr einen wichtigen Beitrag geleistet hat, um den Einfluss der Islamisten einzudämmen. Es wird Wochen dauern, bis die Bundeswehr ihre Mission fortführen kann. Nichtsdestotrotz ist der Abzug ein überfälliges Signal Berlins, dass man nicht gewillt ist, sich von Ankara weiter an der Nase herumführen zu lassen.

Das deutsch-türkische Verhältnis dürfte auch Thema im anstehenden Bundestagswahlkampf werden. Aus der Union wird der Ruf lauter, die doppelte Staatsbürgerschaft wieder abzuschaffen. Türkische Einwanderer sollen sich klar zu einem der beiden Staaten bekennen, das fördere die Identifikation, so die Argumentation. Solche Wahlkampfforderungen greifen aber zu kurz. Erdogan wird eine innerdeutsche Debatte ausnutzen, um mit antideutschen Ressentiments seinen Einfluss bei den Deutschtürken weiter auszuweiten.

Die vage Hoffnung bleibt, dass durch den Abzug der Bundeswehr aus Incirlik die verhärteten Fronten aufgeweicht werden. Eine Entspannung ist nötig, um etwa die Freilassung inhaftierter deutscher Staatsbürger, die wegen angeblicher Terrorunterstützung in türkischen Gefängnissen einsitzen, bald auf den Weg zu bringen.

Christoph Reichmuth, Berlin

christoph.reichmuth@luzernerzeitung.ch