Nervosität vor der Wahl
Angela und Markus gegen den armen Armin: Verbünden sich die Kanzlerin und der CSU-Chef gegen Laschet?

Sinkende Umfragewerte und drohende Opposition: Bei der CDU wächst mit Blick auf die Wahlen im Herbst die Nervosität. Armin Laschet will die Union ins Kanzlerrennen führen. Doch der Ruf nach Markus Söder wird lauter. Es scheint gar, als rücke die Kanzlerin von Laschet ab.

Fabian Hock und Christoph Reichmuth aus Berlin
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Ein wenig ratlos: CDU-Chef Armin Laschet.

Ein wenig ratlos: CDU-Chef Armin Laschet.

Michael Kappeler / dpa-Pool

Es war ein Auftritt, der nachwirkt. Und einer, der die Koordinaten in der Frage, wer denn nun für die deutschen Konservativen ins Rennen um die Kanzlerschaft gehen soll, verschoben haben könnte: Kanzlerin Angela Merkel versetzte bei ihrem Fernsehauftritt am Sonntagabend Armin Laschet einen schweren Schlag.

Offen kritisierte sie den CDU-Chef und Ministerpräsidenten Nordrhein-Westfalens als einen derjenigen Länderchefs, die zu schnell Lockerungen anstrebten. Zur Not, so der Tenor der Kanzlerin, müsse sie die Zügel dann selbst wieder anziehen.

Harte Worte in Richtung Armin Laschet: Kanzlerin Angela Merkel im Interview mit Anne Will am Sonntagabend.

Harte Worte in Richtung Armin Laschet: Kanzlerin Angela Merkel im Interview mit Anne Will am Sonntagabend.

Ndr / Wolfgang Borrs Handout / EPA

Laschets Konkurrent um die Kandidatur, CSU-Chef Markus Söder, witterte sogleich die Chance zum Angriff - und feuerte drauf los: «Sehr seltsam» sei es, wenn sich Kanzlerin und CDU-Chef so kurz vor der Wahl in die Haare kriegen, sagte Söder.

Auf diese klare Spitze angesprochen, entgegnete Laschet in einer Talksendung am späten Dienstagabend sichtlich angegriffen: «Das ist nicht mein Stil» - und meinte damit Söder.

Zwischen Ostern und Pfingsten fällt die Entscheidung

Es ist deutlich zu spüren: die heisse Phase um die Nomination des Kanzlerkandidaten der Union beginnt. Laschet oder Söder? Zwischen Ostern und Pfingsten wird die Frage beantwortet. Das bekräftigte der CDU-Vorsitzende abermals am Montag.

Unter normalen Umständen fällt diese Rolle CDU-Chef Armin Laschet zu. Nur: Der Ministerpräsident des bevölkerungsreichsten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen geniesst in der Bevölkerung wenig Rückhalt. Lediglich 23 Prozent attestieren Laschet die Fähigkeit, nächster Kanzler Deutschlands und damit Nachfolger von Angela Merkel zu werden. Selbst in den eigenen Reihen geniesst der 60-Jährige nur mässig Rückhalt.

Weit beliebter ist Markus Söder. Der CSU-Chef und Ministerpräsident von Bayern gilt in der Coronapandemie als Verfechter harter Massnahmen, er agiert stets auf der Linie von Kanzlerin Angela Merkel. Die Bevölkerung goutiert das resolute Auftreten des Franken, er gehört zu den beliebtesten Politikern im Land. In einer Umfrage wünschen sich 56 Prozent einen Kanzler Markus Söder.

Liegt in Sachen Beliebtheit vor seinem Konkurrenten aus der CDU: CSU-Chef Markus Söder.

Liegt in Sachen Beliebtheit vor seinem Konkurrenten aus der CDU: CSU-Chef Markus Söder.

Matthias Schrader / AP

Söders Problem ist seine politische Heimat in der CSU. Vertreter der bayerischen Schwesterpartei der grossen CDU kommen eigentlich nur dann in den Genuss der Kanzlerkandidatur, wenn sie explizit von Christdemokraten darum gebeten werden oder wenn sich die CDU in derartiger Schieflage befindet, dass sie bayerische Schützenhilfe benötigt.

Das ist erst zwei Mal geschehen in der Geschichte der Bundesrepublik, die Resultate waren aus Unions-Sicht beide Male mässig: 1980 konnte der damalige CSU-Chef Franz-Josef Strauss die Fortführung einer sozialliberalen Koalition aus SPD und FDP unter Kanzler Helmut Schmidt nicht verhindern, 2002 scheiterte der damalige CSU-Chef Edmund Stoiber am amtierenden Kanzler Gerhard Schröder (SPD).

Die Grünen werden immer stärker

Allerdings stehen die Chancen nicht bei Null, dass Markus Söder der dritte CSU-Chef wird, der den Versuch unternimmt, sich ins Berliner Kanzleramt wählen zu lassen. Die CDU durchlebt aktuell unruhige Zeiten. In Umfragen sinkt die Union auf einen Wert - je nach Umfrageinstitut - von 25 Prozent, sie spürt den Atem der erstarkten Grünen (23 Prozent) in ihrem Nacken.

Da Söder in Bayern unangefochten und in seinem Bundesland äusserst beliebt regiert, dürften die Verluste für die Union vor allem auf das Konto der CDU gehen. Gründe für die Misere bei den Christdemokraten gibt es einige, freilich lässt sich die Baisse nicht an CDU-Chef Laschet alleine festmachen: CDU-Abgeordnete, die sich im Geschäft mit der Maskenbeschaffung selbst bereichert haben, ein missglücktes Coronamanagement und Uneinigkeit zwischen Kanzleramt und Länderchefs.

Einige CDUler stellen sich hinter Söder

Bei der Union wächst angesichts fallender Zustimmung die Nervosität. Dass die Union im Herbst nach 16 Jahren an der Regierung in die Opposition geschickt wird, gilt inzwischen als ein realistisches Szenario. Angesichts des drohenden Rauswurfs aus der Regierung erklärten einige CDU-Abgeordnete offen, sie würden CSU-Chef Markus Söder ins Rennen um das Kanzleramt schicken.

«Wir müssen mit dem antreten, mit dem wir nach Umfragen die besten Chancen haben, und das ist mit grossem Abstand Markus Söder», sagte etwa der rheinland-pfälzische CDU-Abgeordnete Johannes Steiniger. Er kenne an seiner Parteibasis praktisch niemanden, «der für Armin Laschet ist».

Wer also steigt für die Union ins Rennen? Der Passauer Politologe Heinrich Oberreuter, selbst CSU-Mitglied, sieht nach wie vor bessere Chancen für Laschet. Allerdings: «Fällt die CDU in Umfragen weiter, wird sie in der Not einen charismatischeren Führer als Armin Laschet präsentieren müssen. Und das wäre Markus Söder», sagt er auf Anfrage. Söder sei auf der Lauer, gebe aber nicht offen zu, dass er auch wirklich Kanzlerkandidat werden wolle.