Neuer Brückeneinsturz zeigt: Italien zerbröckelt

Der Einsturz eines Autobahnviadukts bei den schweren Regenfällen vom Wochenende in Ligurien hat einmal mehr vor Augen geführt, wie sehr der mangelnde Unterhalt den Infrastrukturen Italiens zusetzt. Es sind nicht nur Strassen und Brücken betroffen.

Dominik Straub aus Rom
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Die eingestürzte Brücke in Ligurien. (Bild: AP, 24. November 2019)

Die eingestürzte Brücke in Ligurien. (Bild: AP, 24. November 2019)

Seit Sonntagnachmittag hat Italien einen neuen Helden: Der 56-jährige Daniele Cassol war mit seinem Fiat Panda auf der Autobahn A6 von Savona nach Turin unterwegs, als er im strömenden Regen sah, dass sich vor ihm statt der Strasse ein Abgrund auftat. Er hielt an, stieg aus, brüllte und fuchtelte mit den Armen, um die Autos hinter ihm, darunter einen Reisebus, vor der Gefahr zu warnen.

Cassols Geistesgegenwart ist es zu verdanken, dass es bei dem neuen Brückeneinsturz nicht erneut Tote gegeben hat – wie am 14. August 2018, als beim Einsturz des Morandi-Viadukts in Genua 43 Menschen ihr Leben verloren. «Ich weiss selber nicht, wie es mir gelang, noch zu bremsen. Es ist ein Wunder», erklärte Cassol im Fernsehen.

Im Unterschied zum Morandi-Viadukt war es bei der am Sonntag eingestürzten Brücke «Madonna del Monte» auf der A6 nicht mangelnder Unterhalt, der zum Einsturz führte: Nach bisherigen Erkenntnissen wurde der Viadukt von einem Erdrutsch weggerissen. Auch mehrere andere Strassen sind am Wochenende verschüttet oder unterspült worden. Ganz Italien war von schweren Unwettern heimgesucht worden; auch in Süditalien kam es zu zahlreichen Überflutungen.

Nicht nur Strassen sind das Problem

Der neue Brückeneinsturz hat in Italien einmal mehr die Diskussionen über den zum Teil erbärmlichen Zustand der über 7000 Brücken und Viadukte im Land angeheizt. Rund 1900 dieser Bauwerke werden laut einem Bericht des Rechnungshofes nicht überwacht und nicht gewartet. Dies liegt auch daran, dass für insgesamt 132000 Strassenkilometer die Provinzverwaltungen zuständig wären – seit dem Versuch von Ex-­Premier Matteo Renzi, die Provinzen abzuschaffen, leiden diese aber unter chronischer Unterfinanzierung. Auch für die Schulhäuser wären die Provinzen zuständig – und auch die Schulen befinden sich zum Teil in einem Zustand, dass sie aus Sicherheitsgründen geschlossen werden müssten.

Geld wäre da, aber es wird nicht abgeholt

Der mangelnde Unterhalt ist aber nicht nur auf chronischen Geldmangel zurückzuführen. Für Hunderte Infrastrukturprojekte lägen bewilligte Kredite über insgesamt 12 Milliarden Euro vor; dennoch werden sie nicht umgesetzt. Der Grund liegt in den langwierigen bürokratischen Abläufen in der Zentralverwaltung, die zur Freigabe der Mittel erforderlich sind. Das Forschungsinstitut Ref Ricerche, das die Behörden bei der Realisierung von Infrastrukturprojekten berät, hat errechnet, dass sich infolge von Sparmassnahmen und bürokratischen Hürden seit 2011 ein Rückstand bei den Sanierungen in Höhe von 70 Milliarden Euro aufgestaut hat.

Nicht viel besser sieht es bei den privaten Autobahnbetreibern aus, die sich aus Maut­gebühren finanzieren und zum Unterhalt ihrer Strassen und Brücken verpflichtet wären. Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Autobahn-Betreibergesellschaft Atlantia über die Einsturzgefahr des Morandi-Viadukts informiert war, aber die Sanierungsmassnahmen vernachlässigt hat. Laut Medienberichten soll es solche Warnungen auch noch bei 15 anderen Viadukten – nicht nur bei Auto­bahnen der Atlantia – geben.

Wieder Überschwemmungen im Nordwesten Italiens

Der Nordwesten Italiens ist am Samstag wieder von heftigen Regenfällen und Überschwemmungen heimgesucht worden. In Genua machten Erdrutsche mehrere Strassen unpassierbar, Keller, Unterführungen und Geschäfte wurden überschwemmt.