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Innerhalb der britischen Labour-Partei ist ein neuer Streit um Antisemitismus entfacht

Was ist Opposition gegen die Politik Israels in den besetzten Gebieten, und wo beginnt offene Judenfeindlichkeit? Diese Frage spaltet derzeit die britische Labour-Partei. Insbesondere der Parteivorsitzende Jeremy Corbyn steht in der Kritik.
Sebastian Borger, London
Eine Fotografie des antisemtischen Wandbilds ist derzeit im jüdischen Museum an der Ausstellung «Juden, Geld, Mythos» zu sehen – Labour-Vorsitzender Jeremy Corbin hatte sich 2012 mit dem Künstler solidarisiert. (Bild: Getty)

Eine Fotografie des antisemtischen Wandbilds ist derzeit im jüdischen Museum an der Ausstellung «Juden, Geld, Mythos» zu sehen – Labour-Vorsitzender Jeremy Corbin hatte sich 2012 mit dem Künstler solidarisiert. (Bild: Getty)

Im Londoner Jüdischen Museum gibt es derzeit eine hochgelobte Ausstellung zum Thema «Juden, Geld, Mythos» zu sehen. Viele historische Beispiele zeigen jüdische Bankiers und Geschäftsleute, deren angeblich überproportionaler Einfluss auf europäische Gesellschaften durch die Jahrhunderte immer wieder Antisemiten zu grotesken Geschichtslügen anregte.

Ganz unscheinbar in einer Ecke ist die Fotografie eines zeitweiligen Wandgemäldes von der Brick Lane im Londoner East End zu sehen. Das Werk «Freiheit für die Menschheit» des US-Graffitikünstlers Mear One alias Kalen Ockerman zeigt sechs ältere Geschäftsleute in Anzügen, Rausche- oder Schnurrbärten und gewaltigen Hakennasen, die auf dem Rücken nackter, kahl­geschorener Menschen Monopoly spielen. Als der damalige Bürgermeister des Ortsbezirks Tower Hamlets, der Muslim Lutfur Rahman, 2012 die antisemitische Darstellung beklagte und ihre Entfernung durchsetzte, solidarisierte sich ein Londoner Labour-Abgeordneter auf Facebook mit dem Künstler.

Wird der Judenhass verharmlost?

Wäre Jeremy Corbyn ein unbekannter Hinterbänkler geblieben wie in den ersten 32 Jahren seiner Parlamentszugehörigkeit, hätte sich gewiss niemand um das Kurzzeitkunstwerk gekümmert. Seit dreieinhalb Jahren aber amtiert der mittlerweile 69-Jährige als Vorsitzender der britischen Labour-Party, und etwa genauso lang reissen die Vorwürfe nicht ab, der erklärte Antirassist messe mit zweierlei Mass: hie Empörung über jedes Anzeichen von Islamophobie und Solidarität mit den Palästinensern in ihrem Kampf für den eigenen Staat; dort bestenfalls ein Achselzucken oder sogar Verharmlosung von offenem Judenhass und Israel-Bashing.

Wie wenig Unterschied in den Köpfen vieler Labour-Linker zwischen der Opposition gegen die Politik Israels in den besetzten Gebieten und offener Judenfeindlichkeit besteht, hat jetzt unfreiwillig der justizpolitische Sprecher Richard Burgon, ein enger Gefolgsmann Corbyns, offenbart. «Zionismus ist der Feind des Friedens» – dieses Zitat stritt der Justizminister in spe so lange ab, bis das Video einer Rede auftauchte, in der der damals 34-Jährige 2014 genau jenen Satz sagte. Er bedauere seine Worte, teilte Burgon am Mittwoch mit: «Sie entsprechen nicht meiner Haltung.»

Disziplinarverfahren werden verschleppt

Daran haben viele innerhalb und ausserhalb der Partei ihre Zweifel. Eine Gruppe von Labour-Mitgliedern, das Jewish Labour Movement, hat der Parteiführung erst kürzlich das Misstrauen ausgesprochen, weil parteiinterne Disziplinarverfahren wegen Antisemitismus verschleppt werden. In den vergangenen Monaten haben elf Parlamentarier die Unterhausfraktion verlassen und ihren Austritt mindestens teilweise mit Labours ungeklärter Haltung zum Antisemitismus begründet. In die Partei habe seit Corbyns Wahl zum Vorsitzenden eine «Stimmung von Intoleranz, Garstigkeit und Einschüchterung» Einzug gehalten, glaubt der Veteran Frank Field. Ein anderer Ex-Labour-Mann, Ian Austin, empfindet die Tatsache, dass Burgon seinen Posten nicht verloren hat, als Zeichen dafür, «wie tief Labour gesunken ist». Dabei sei Zionismus wohlverstanden nichts anderes als «das Eintreten für das Selbstbestimmungsrecht der Juden».

Schwere Vorwürfe an den Parteivorsitzenden

Ein einflussreicher Hinterbänkler nimmt Labour in Schutz. «Wir sind keine antisemitische Partei», sagt der frühere Minister Hilary Benn, der jetzt den Brexit-Ausschuss im Unterhaus leitet, gegenüber dieser Zeitung.

«Ganz eindeutig gibt es Antisemiten unter den Mitgliedern, für sie sollte in unserer Partei kein Platz sein.»

Ob aber der Chef selbst dazugehört? Es war die frühere Staatssekretärin Margaret Hodge, die ihren Parteivorsitzenden im vergangenen Sommer öffentlich als «Antisemiten und Rassisten» brandmarkte.

Erst später tauchten Bilder auf, die den damaligen Hinterbänkler Corbyn 2014 bei der Kranzniederlegung für mehrere vom Mossad getötete Drahtzieher des Olympiaattentats von München 1972 zeigten, bei dem palästinensische Terroristen elf israelische Athleten und Trainer sowie einen deutschen Polizisten ermordet hatten. Er sei damals «anwesend, aber nicht beteiligt» (present but not involved) gewesen, rechtfertigte sich Corbyn und sprach von seiner Gegnerschaft gegen jegliche Gewalt: «Frieden gibt es nur durch Dialog.»

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