Abstimmung über Unabhängigkeit: Neukaledonien bleibt bei Frankreich

Das französische Überseegebiet Neukaledonien will nicht unabhängig werden: Ein entsprechendes Vorhaben haben die Insulaner abgelehnt. Mit ein Grund waren wohl die grosszügigen Subventionen aus Paris.

Stefan Brändle, Paris
Drucken
Teilen
Die Menschen stehen in einem Wahllokal in Noumea Schlange, um über die Unabhängigkeit von Neukaledonien abzustimmen. (Bild: AP Photo/Mathurin Derel, 4. November 2018)

Die Menschen stehen in einem Wahllokal in Noumea Schlange, um über die Unabhängigkeit von Neukaledonien abzustimmen. (Bild: AP Photo/Mathurin Derel, 4. November 2018)

18000 Kilometer – eine halbe Welt – ist Neukaledonien von Frankreich entfernt, und nur selten schafft es die südpazifische Inselgruppe in die Pariser Schlagzeilen. Am Sonntag war es wieder einmal soweit. Das melanesische Archipel mit 270000 Einwohnern auf einer lang gezogenen Hauptinsel stimmte über die Frage ab, ob es seine «volle Souveränität erlangen und unabhängig werden» solle. Das Resultat: 43,6 Prozent stimmten dafür, 56,4 Prozent dagegen.

Vertreter der grossen französischen Parteien, vor allem der konservativen Republikaner, stimmten im Hauptort Nouméa die Marseillaise an. Die kanakische Befreiungsfront FLNKS, die im Namen der Urbevölkerung für ein «Ja» mobilisiert hatte, tröstete sich damit, dass das Resultat weniger klar ausgefallen war, als es Umfragen prophezeit hatten.

Die Geiselnahme von 1988

In Paris rief Staatschef Emmanuel Macron alle Beteiligten eindringlich auf, «Spannungen zu vermeiden». Das war auf Vorgänge gemünzt, die Neukaledonien vor dreissig Jahren erschüttert hatten. 1987 hatte die FLNKS bereits eine Autonomie-Abstimmung verloren – unter anderen, weil Paris die Immigration durch Festlandfranzosen jahrzehntelang gefördert hatte; die Kanaken stellen deshalb nur noch 40 Prozent der Bevölkerung. Ein Jahr später töteten junge Extremisten vier französische Polizisten und zogen sich mit Geiseln in die Grotte von Ouvéa zurück. Das geschah wohl nicht zufällig kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen von Mai 1988. Der konservative Kandidat Jacques Chirac lag dabei zurück und versuchte einen letzten Coup: Ohne Rücksprache mit seinem Rivalen, dem sozialistischen Favoriten François Mitterrand, erteilte der Premierminister den Einsatzbefehl gegen die Höhle, wo die Befreiungskämpfer mehrere Gendarmen festhielten. 19 Kanaken und insgesamt sechs Polizisten kamen ums Leben. Zwei Tage später wurde Mitterrand klar vor Chirac wiedergewählt.

Erst zu diesem Zeitpunkt kam den Franzosen zu Bewusstsein, dass etwas faul war im Inselparadies. Der sozialistische Premier Michel Rocard startete Verhandlungen mit der FLNKS und erzielte ein Abkommen, das eine Unabhängigkeitsabstimmung binnen zehn Jahren vorsah. Das Datum wurde dann allerdings um zwanzig Jahre bis 2018 aufgeschoben. Diese Frist sollte es den Kanaken erlauben, die Geschickte Neukaledoniens selber in die Hand zu nehmen.

Wenn sich die Lage in den letzten Jahren beruhigt hat, dann ist das allerdings nicht der wirtschaftlichen und sozialen Emanzipierung der Urbevölkerung zu verdanken: Die Kanaken arbeiten weiterhin für Bergbaufirmen, die fest in französischer Hand bleiben. Die wichtigste «Société Le Nickel» (SLN) gehört dem Pariser Konzern Eramet; einen Minderheitsanteil halten asiatische Eigner, die in Neukaledonien heute neben den Franzosen und den Kanaken die drittgrösste Bevölkerungsgruppe bilden. Den sozialen Frieden garantieren eher die massiven Subventionen des Festlandes: Frankreich transferiert jährlich 1,3 Milliarden Euro nach «Nouvelle Calédonie». Das sind rund 10000 Euro pro erwachsenen Einwohner. Der Mindestlohn liegt höher als in Frankreich, das Bruttoeinkommen ist auf der Höhe Neuseelands. Die Währung, der Pazifik-Franc, ist an den Euro gekoppelt, Supermärkte verkaufen Baguettes und Camembert. Schulen und die Amtssprache sind französisch; die aus Frankreich angereisten Beamten erhalten Inselprämien, die Kanaken dafür mehr Sozialhilfe als in Paris. In entlegenen Gebieten dürfen sie zudem offiziell ihr altes Stammesrecht neben dem französischen Code Civil anwenden.

Zwei weitere Abstimmungen wären noch möglich

Angesichts dieser massiven Wirtschaftshilfe verwundert nicht der Abstimmungsausgang, sondern eher der Ja-Anteil von über 40 Prozent. Auf sich gestellt, könnten die Neukaledonier ihren Lebensstandard nicht bewahren. Der Unabhängigkeitswunsch der Kanaken bleibt damit aber so wenig erfüllt wie die Anliegen der Sklavennachfahren auf der französischen Karibikinsel Martinique: Dort hatte die Bevölkerung eine grössere Autonomie 2010 ihrerseits abgelehnt, obwohl sie sich von den weissen Franzosen stark diskriminiert fühlen. In Neukaledonien sind laut dem Friedensabkommen zwei weitere Unabhängigkeitsabstimmungen möglich.

Insgesamt lässt sich Frankreich den sozialen Frieden in seinen Übersee-Gebieten – zu denen unter anderem auch Tahiti, Guadeloupe, Guyane oder La Réunion gehören – acht Milliarden Euro kosten. Das ist der Preis, um in allen Erdteilen und Meeren ein paar «Konfettis» zu behalten, wie sie schon Napoleon nannte: Kleine Krümel auf einer Weltkarte, aber letzte Illusionen weltumspannender Grösse.

Erste Ergebnisse: Neukaledonien bleibt bei Frankreich

Bei der Volksabstimmung im französischen Überseegebiet Neukaledonien über die Unabhängigkeit von Frankreich zeichnet sich ein klares Nein ab. Auf der Inselgruppe im Pazifik lagen nach ersten Ergebnissen die Gegner einer Unabhängigkeit am Sonntag deutlich vorn.