NEULINGE: Macrons Torera gegen Le Pens Stier

Bei den Wahlen von Sonntag schickt Präsident Emmanuel Macron viele politikunerfahrene Kandidaten ins Rennen. In der Camargue tritt eine bekannte Stierkämpferin gegen den eingesessenen Front-National-Abgeordneten an.

Stefan Brändle, Grau-Du-Roi
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Marie Sara als Stierkämpferin – und Kandidatin der La-République-En-Marche-Bewegung. (Bilder: Getty, AFP)

Marie Sara als Stierkämpferin – und Kandidatin der La-République-En-Marche-Bewegung. (Bilder: Getty, AFP)

Stefan Brändle, Grau-du-Roi

Das ist also die Frau, die Hunderte von Stieren getötet hat. Mit ihren langen blonden Haaren und einer schlichten Bluse wirkt Marie Sara nicht grausam, sondern grazil und feminin, während sie in Grau-du-Roi mit Besuchern eines Volksfestes plaudert. Ja, Emmanuel Macron habe sie persönlich angerufen und gebeten, bei den Parlamentswahlen im hiesigen Department Gard für seine Bewegung En Marche anzutreten. Nach ein paar Stunden Bedenkzeit habe sie zugesagt, erzählt die Mutter zweier Kinder, die wie so viele Kandidaten des Macron-Lagers noch nie Politik betrieben hat.

Mit 19 Jahren war sie gegen den Willen ihrer Künstlereltern von Paris in die 600 Kilometer und geistig noch viel entferntere Camargue gezogen – um Stierkämpferin zu werden. Marie schaffte es, sich in der Männerwelt der Matadore einen Namen zu machen. Mehr als fünfzehn Jahre lang betätigte sie sich in den Arenen Südfrankreichs und bald darüber hinaus als Torera zu Pferde. Sie wurde bis in die Klatschspalten bekannt, zeigte sich am Filmfestival in Cannes und heiratete der Reihe nach einen Corrida-Produzenten, einen Tennisstar und zuletzt einen Werbemagnaten, der sie mit Macron bekannt machte.

Dass Marie Sara jetzt in die Politik einsteigt, gefällt nicht allen. In Nîmes, der Hauptstadt des Gard, mobilisierten Corrida-Gegner an Pfingsten wie üblich gegen die weitherum bekannte Stierkampf-Feria; diesmal aber forderten sie Macron dazu mit insgesamt 200000 Unterschriften auf, Saras Kandidatur zurückzuziehen: Die Torera habe bis 2007 «Hunderte von Stieren abgeschlachtet».

«Ich züchte Stiere und Pferde. Das ist voller Leben.»

Marie Sara geht den militanten «No Corridas» in Nîmes aus dem Weg. An diesem Pfingstsamstag verlagert sie ihre Wahlkampagne nach Grau-du-Roi an die Küste, wo gerade ein Volksbrauch gefeiert wird. Mit Holzstangen und -schilden stossen sich Jugendliche im Camargue-Kanal gegenseitig von ihren Ruderbarken. Jedes Mal, wenn einer ins Wasser fällt, johlt die Menge zu Trompetenstössen. Mann gegen Mann, ohne dass einer das Leben lässt: Ist das nicht humaner als ein Stierkampf? «Das ist nicht dasselbe», antwortet Marie Sara dezidiert. «Man kann auch nicht Pétanque mit Schach vergleichen. Stierkampf ist kein Volkssport, das ist Kunst.» Aber nicht eine morbide Kunst? «Ich züchte Stiere und Pferde, das ist voller Leben», meint die heutige Leiterin der Arena von Saintes-Marie-de-la-Mer.

Auf ihrer Wahlkampfbroschüre, auf der sie neben Macron abgebildet ist, verlangt Sara die Einschreibung der Camargue-Stierrennen, die nicht tödlich enden, in das Unesco-Welterbe. Von den eigentlichen Corridas ist darauf nichts zu lesen. Dafür verspricht die einstige Torera mehr Gendarmen und weniger bürokratische Normen für Fischer und Bauern. Im Gespräch sagt sie, sie trete «gegen Obskurantismus und Rassismus» an. Das ist auf ihren wichtigsten Widersacher gemünzt, den seit 2012 amtierenden Abgeordneten des Front National, Gilbert Collard. Ein Anti-Corrida-Appell aus ihren eigenen Reihen hält indessen ihr selber vor, sie trete für einen «rückständigen und barbarischen» Brauch ein. Das sei alles andere als die moderne Zivilgesellschaft, die Macron mit seinen apolitischen Kandidaten verkörpern wolle.

Hinter den idyllischen Salzseen lauern viele Abgründe

Der neue Präsident hatte kurz vor seiner Wahl erklärt, er sei gegen ein Verbot des Stierkampfes, denn dieser sei «in Südfrankreich Teil von Kultur, Wirtschaft und Tourismus». Die Stierkampfbefürworter sind allerdings überall in Frankreich in der Minderheit: Während die Corrida landesweit von 73 Prozent abgelehnt wird, sind auch in der Heimat von Marie Sara 66 Prozent der Befragten gegen das Töten der Stiere.

Dazu will sich Sara aber jetzt nicht weiter äussern; von zwei bulligen Bewachern geschützt, hastet die Torera zum nächsten Wahlkampftermin in der «Kleinen Camargue». Diese ist eine der ärmsten Landesgegenden; hinter der idyllische Kulisse aus Salzseen, Stierherden und weissen Pferden lauern soziale Abgründe voller Alkoholismus, Arbeitslosigkeit bis hin zum Jihadismus: Aus dem Städtchen Lunel 15 Kilometer nördlich von Grau-du-Roi sind vor zwei Jahren gleich zwanzig junge Männer in den heiligen Krieg nach Syrien gezogen.

Collards Anhänger schimpfen gegen Terroristen und Einbrecher

Im näher gelegenen Aigues-Mortes tritt am Abend Gilbert Collard auf. Ein Gewitter geht gerade über den mittelalterlichen Kreuzfahrerort nieder, und nur zwei Dutzend Gäste folgen dem Plädoyer des 69-jährigen Anwaltes, einem von nur zwei Vertretern des Front National in der Nationalversammlung. «Marie Sara hat Angst vor meinen Stierhörnern», höhnt Collard, weil sich die Kandidatin weigert, zu einem Fernseh-Streitgespräch der Kandidaten anzutreten. «Kein Wunder, die Torera ist seit Jahren nicht mehr auf einem Pferd gesessen.» Nach diesen Aufwärmsprüchen vermeidet aber auch der schlecht rasierte FN-Mann das Thema Stierkampf: Als bekannter «Aficionado» steht er auf der gleichen Seite wie Sara.

Nur verwundert das bei einem Frontisten weniger als bei einer En-Marche-Kandidatin. Collards Zuhörer schimpfen auch lieber gegen Terroristen, Einbrecher und – für sie fast so schlimm – die Pariser Politikerkaste. Collard verspricht, sich dieser Themen anzunehmen, wenn sie ihn wiederwählen. Beim Stopfen seiner Tabakpfeife betont Collard, hier in der Camargue töte man den Stier nicht – anders als in Nîmes oder in Spanien. «Und Sie werden sehen, am nächsten Sonntag wird der Stier sogar gegen die Matadora gewinnen.»

Sicher ist das mitnichten. In den Umfragen liegen Collard (32 Prozent) und Sara (31 Prozent) gleichauf; die Kandidatinnen der Konservativen und der Linksfront schaffen es möglicherweise nicht einmal in die Stichwahl eine Woche später. Dort wird Sara als Siegerin mit 56 Prozent gegeben. Macrons riskante Personalwahl im Gard – und nicht nur dort – hätte sich damit ausbezahlt. Alle Umfragen sagen ihm mittlerweile eine klare Regierungsmehrheit in der Nationalversammlung voraus.