Welthandel
Erstmals rückt eine Afrikanerin an die Spitze der WTO

Als erste Frau und erste Persönlichkeit aus Afrika wird die Nigerianerin Ngozi Okonjo-Iweala neue Generaldirektorin der kriselnden Welthandelsorganisation. Die Neue steht vor enormen Herausforderungen wie dem Einbruch des Warenaustausches durch die Corona-Krise.

Jan Dirk Herbermann aus Genf
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Ngozi Okonjo-Iweala, 66, übernimmt für die nächsten vier Jahre die Ruder der mächtigsten Handelsorganisation der Welt.

Ngozi Okonjo-Iweala, 66, übernimmt für die nächsten vier Jahre die Ruder der mächtigsten Handelsorganisation der Welt.

AP

Bei der Welthandelsorganisation bricht eine neue Zeitrechnung an: Erstmals in der Geschichte der 1995 gegründeten Institution wird eine Frau die Position der Generaldirektorin übernehmen. Und erstmals kommt eine Persönlichkeit aus Afrika bei der Besetzung des Topjobs in Genf zum Zuge: Sie heisst Ngozi Okonjo-Iweala (66). Der Allgemeine Rat der WTO muss der Ernennung der Nigerianerin noch formal zustimmen; das Gremium soll am Montag (15.5.) Okonjo-Iweala küren.

Dann wird Okonjo-Iweala für vier Jahre in das WTO-Chefbüro einziehen. Dort dürfte die frühere Finanzministerin und kurzzeitige Aussenministerin ihres Landes kaum Zeit finden, den grandiosen Blick auf den Genfer See und den Montblanc zu geniessen.

Zu gross sind die Herausforderungen für die Neue: Die Welthandelsorganisation, die einen regelgebundenen und möglichst freien weltweiten Handel garantieren soll, steckt seit Jahren in einer Krise. Ein Ursprung für die Kalamitäten liegt in der 2001 begonnenen und nie beendeten Welthandelsrunde, die zu einem weiteren Abbau von Zöllen und Subventionen führen sollte. Das grundsätzliche Problem, die Abkehr von multilateralen Abkommen zwischen allen 164 WTO-Mitgliedern zugunsten von bilateralen oder regionalen Pakten wie dem neuen „Regional Comprehensive Economic Partnership“ im Pazifik-Raum, wird Okonjo-Iweala verfolgen.

Daneben wird die Corona-Katastrophe mit dem eingebrochenen Warenaustausch, der Protektionismus und Handelskriege die Generaldirektorin in Atem halten. Vor allem die Rivalität zwischen den USA und China belasten das Welthandelssystem.

Die designierte WTO-Chefin wird helfen müssen, die Blockade der Berufungsinstanz des WTO-Schiedsgericht aufzulösen. Und sie will den grossen Erwartungen gerecht werden, die Entwicklungsländer an sie richten. Die Frau aus dem Erdölstaat Nigeria gelobt auch: «Wir wollen die WTO verjüngen und reformieren.» Genaue Pläne für eine Modernisierung legte Okonjo-Iweala noch nicht auf den Tisch.

Immerhin skizziert sie eine neue Rolle für die WTO - im Kampf gegen die Krankheit Covid-19. «Es muss einen gleichen Zugang zu Medizin geben und die WTO könnte Teil der Lösung sein.» Derzeit liegt ein Vorschlag Indiens und Südafrikas auf dem WTO-Tisch: Inder und Südafrikaner wollen den Patentschutz im Handel mit Medikamenten und Impfstoffen gegen Covid-19 vorübergehend aussetzen, um armen Staaten zu helfen. Die EU und andere reiche WTO-Mitglieder lehnen das Ansinnen aber ab.

Okonjo-Iweala setzte sich gegen fünf Bewerber und zwei Bewerberinnen durch. Sie konnte in der entscheidenden Phase des Rennens auf die EU-Unterstützung zählen. Die USA unter Präsident Donald Trump blockierten jedoch über Monate die Ernennung der Afrikanerin. Die US-Regierung von Joe Biden stellte sich jetzt hinter sie.

Seit der Bekanntgabe ihrer Kandidatur im Juni 2020 liess die vierfache Mutter und Grossmutter an ihren Ambitionen keine Zweifel. «Ich bin für die Aufgabe qualifiziert», betonte die energische Frau, die allein schon mit ihren farbenfrohen Kostümen die Blicke in der WTO-Zentrale auf sich zieht. Fachleute wie die frühere Handelsministerin Costa Ricas, Anabel González, trauen «Ngozi» zu, den Job bei der WTO zu meistern. Okonjo-Iweala habe eine «starke Reputation auf dem internationalen Parkett».

Skeptiker halten Okonjo-Iweala vor, dass sie sich in ihrer Karriere kaum mit Handelsfragen befasst habe und die WTO wenig kenne. «Es stimmt, ich bin kein WTO-Insider, aber das ist eine gute Sache», sagt sie und verweist auf den «neuen Blick», den sie auf die schwerfällige WTO werfen könne. Vielleicht wird auch die Führung durch eine Frau der WTO guttun – nachdem die Organisation und auch ihre Vorgängerin, das Allgemeine Zoll und Handelsabkommen Gatt, von einem Mann nach dem anderen geleitet wurden. Dabei ist sich Okonjo-Iweala bewusst, dass sie als Generaldirektorin keine «direkte Entscheidungsbefugnis» bei Verhandlungen der Mitgliedsländer hat.

Das Selbstbewusstsein Okonjo-Iwealas speist sich einerseits aus ihrer Herkunft, sie stammt aus einer einflussreichen Familie. Andererseits kann sie eine beeindruckende Karriere vorweisen: Bis zum vergangenen Jahr bekleidet sie die Position des «Chair of the Board» der globalen Impfstoffallianz Gavi. Und sie rückte in den Board der Standard Chartered Bank und den Board des Kurznachrichtendienstes Twitter ein – sie weiss also, wie Unternehmen ticken.

Als Chefin des Finanzressorts Nigerias erreichte sie einen Schuldenerlass für ihr Land. Bei der Weltbank schaffte sie es, zum «Managing Director» aufzusteigen, also zur Nummer Zwei. Allerdings scheiterte ihr Versuch, ganz an die Spitze der Institution in Washington vorzustossen.

Die USA prägten die «Ngozi» nachhaltig. Im Jahr 1973 zog es sie über den Atlantik, die Studentin machte den Ökonomie-Abschluss in Harvard und erwarb einen Ph. D. am Massachusetts Institute of Technology mit einem entwicklungspolitischen Thema. Schliesslich erlangte sie auch die US-Staatsbürgerschaft. Dass in der WTO an den USA nach wie vor kein Weg vorbeiführt, weiss die kommende Chefin. Das Engagement der Amerikaner sei «absolut wesentlich».

Die 66-jährige Nigerianerin sitzt auch im Vorstand von Twitter.

Die 66-jährige Nigerianerin sitzt auch im Vorstand von Twitter.

Keystone

Anmerkung der Redaktion: Die Redaktion hatte zunächst ohne Rücksprache mit dem Autor, Jan Dirk Herbermann, den Original-Artikel redigiert und eine unpassende Überschrift gesetzt. Kurz nach der Veröffentlichung ersetzte die Redaktion den unpassenden Titel. Der Original-Artikel findet sich oben. Herr Herbermann ist unser Korrespondent in Genf. Wir entschuldigen uns bei Herrn Herbermann in aller Form für die Unannehmlichkeiten.

Statement of the editors: Without consulting the author, Mr Jan Dirk Herbermann, the editorial office edited the original article and set an inappropriate headline. Shortly after the publication, we changed the headline. See the original article above. Mr Herbermann is our correspondent in Geneva. Our sincere apologies to Mr Herbermann for the inconveniences.