«Nichts als gut gekleidete Prostituierte»: Australiens Politik hat ein Sexismus-Problem

Frauenfeindlichkeit und männlicher Chauvinismus sind in der australischen Politik weit verbreitet. Das hat eine Enthüllungsreportage des Fernsehens nun an den Tag gebracht.

Urs Wälterlin aus Canberra
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In der Kritik: Australiens Justizminister Christian Porter (rechts).

In der Kritik: Australiens Justizminister Christian Porter (rechts).

Lukas Coch / EPA

In den sozialen Medien nennen sie das Phänomen - frei übersetzt - «Unterbrechung durch einen Mann». Als Familienministerin Anne Ruston während einer Pressekonferenz in Canberra von Journalisten gefragt wurde, wie man sich als Frau im Parlament fühle, fiel Premierminister Scott Morrison seiner Kollegin im ersten Satz ins Wort.

Nur zwei Tage, nachdem der Fernsehsender ABC zwei männlichen Ministern sexuelle Verfehlungen im Umgang mit ihren weiblichen Angestellten vorgeworfen hatte, protestierte der Regierungschef in paternalistischem Ton gegen die Nutzung des Wortes «Bonk Ban» durch den fragenden Journalisten - «Bumsverbot» für Minister.

Dann durfte Ruston weiter sprechen.

«Manterruption», wie diese männlichen Unterbrechungen in den sozialen Medien genannt werden, ist laut Kritikerinnen nichts als männlich chauvinistisch motiviertes Machtgehabe. Dass Ruston die Unterbrechung mit stoischer Miene akzeptierte, schien zu beweisen: für die Frau war die Respektlosigkeit ihres Chefs nichts Ungewöhnliches. Genauso wie für Tausende andere Frauen im australischen Politiksystem; und offenbar ganz besonders in der konservativen Regierungspartei, der Liberal Party.

Regierung wollte den Skandal unter der Decke behalten

Der vom Fernsehen aufgedeckte Skandal um das Sexualverhalten von Justizminister Christian Porter und Bevölkerungsminister Alan Tudge beschäftigt seit der Ausstrahlung am Montag die Nation. Fast wäre es nicht dazu gekommen. Laut den Produzenten der Sendung setzte die Regierung alle verfügbaren juristischen Mittel in Bewegung, um die Ausstrahlung durch den öffentlichen Sender zu verhindern. Ohne Erfolg.

Der Bericht zeichnete ein beunruhigendes Bild von Porter, dem obersten Hüter des Rechts im Land. Er habe in früheren Zeiten seine Berufskolleginnen als «nichts als gut gekleidete Prostituierte» bezeichnet, so Zeuginnen, und sich gegenüber Frauen in abschätziger, sexistischer Art und Weise verhalten. 2017 habe der Sohn einer westaustralischen Politikerdynastie die Sicherheit der Nation gefährdet, so der Vorwurf.

Bereits Mitglied der Regierung, flirtete er in einer Bar in Canberra in aller Öffentlichkeit mit einer jungen Angestellten seines Büros. Er wurde dabei von sechs Zeugen gesehen und auch fotografiert. Porter habe sich damit der Gefahr der Erpressung ausgesetzt, monierte der damalige Premierminister Malcolm Turnbull, der im Jahr danach von Morrison aus dem Amt geputscht werden sollte. «Canberra ist voller Spione», so Turnbull im Programm. «Und die arbeiten nicht alle für uns».

Sexismus ist allgegenwärtig

Alan Tudge - wie Porter verheiratet und dem ultrakonservativen Flügel der Partei angehöriger Verfechter christlicher Werte - hatte ein sexuelles Verhältnis mit seiner Pressesprecherin. Die Frau beschrieb, wie sie vom Minister «wie eine Trophäe» behandelt worden sei. Später wurde sie in das Büro einer Ministerin versetzt und dort laut ihren Angaben «rausgeekelt». Sie hat rechtliche Schritte eingeleitet.

Morrison reagierte abweisend auf die Enthüllungen und will nichts gegen die beiden Politiker unternehmen. Die Verfehlungen seien in der Vergangenheit geschehen, noch unter seinem Vorgänger Malcolm Turnbull. Der gab an, Porter seinerzeit gewarnt, nicht aber zur Rechenschaft gezogen zu haben.

Viele Kommentatorinnen zeigten sich nicht überrascht. Sexismus und offene Frauenfeindlichkeit seien Alltag in der australischen Politik. Ganz besonders auf der konservativen Seite würden Frauen als minderwertige Mitglieder der Partei behandelt, wie mehrere Kritikerinnen bestätigten. Aber auch auf Seite der sozialdemokratischen Labor Party gäbe es Verfehlungen.

Die Rechtsprofessorin Susan Harris Rimmer meinte in den Medien, Australien sei willig, Regierungs- und Verwaltungsinstitutionen wie einen «Gentlemen-Club» alter Zeiten zu betreiben. Kritik am sexuellen Verhalten hochrangiger Männer werde mit dem Argument quittiert, es sei deren Privatsache. Dem halten Kommentatoren entgegen, dass zwischen Ministern und Angestellten immer ein ungleiches Machtverhältnis bestehe. Es sei in der Regel die Angestellte, die nach dem Ende einer Beziehung die Folgen zu tragen habe, so eine Frau im Fernsehen, und «der Minister wird befördert».

Der Fall Buttet und der Unterschied zwischen Flirt und Belästigung

Laut Rimmer steht Australien in der Frage der Akzeptanz von Frauen im öffentlichen Leben im Vergleich zu anderen entwickelten Ländern weit hinten. In Grossbritannien habe das Parlament 2015 eine Studie in Auftrag gegeben, wie die Legislative professioneller werden und Frauen besser einbinden könne.

In der Schweiz veröffentlichte die Verwaltungsdelegation 2017 nach der Stalking-Affäre um den CVP-Nationalrat Yannick Buttet ein Merkblatt zum Thema sexuelle Belästigung. Darin wird der Unterscheid zwischen einem Flirt und sexueller Belästigung formuliert. Ein Flirt sei «eine gegenseitige Entwicklung, aufbauend und von beiden Seiten erwünscht», so das Dokument. Sexuelle Belästigung sei das Gegenteil.

Nach den Enthüllungen diese Woche verbot die oppositionelle Labor Party Mitgliedern ihrer Schattenregierung sexuelle Beziehungen mit Angestellten. Auch bei den Konservativen gibt es solche Regeln. Malcolm Turnbull hatte 2018 während seiner Amtszeit als Premierminister den von Morrison angesprochenen «Bonk-Ban» angeordnet– aber nur für Minister.

Er reagierte damit auf die Schwängerung der ehemaligen Pressesekretärin Vikki Champion durch seinen damaligen Stellvertreter, Barnaby Joyce. Der damals verheiratete, streng katholische Politiker und Vater von vier Töchtern hatte sich einen Namen als Hüter konservativer Werte gemacht. Nicht alle Beziehungen zwischen Politikern und ihren Untergebenen enden in einem Zerwürfnis: Joyce und Champion sind heute glückliche Eltern von zwei Söhnen.