NIEDERLANDE: Im Reich der Frühlingskönigin

Die Tulpe lockt im Frühling Tausende Touristen nach Holland. Und sie macht die Züchter erfinderisch.

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Im April erinnern die Tulpenfelder aus der Luft an bunte Gemälde. (Bild: EPA/Robin Utrecht)

Im April erinnern die Tulpenfelder aus der Luft an bunte Gemälde. (Bild: EPA/Robin Utrecht)

Fabian Fellmann, Lisse

Graue Wolken jagen über den Himmel, der Erde nach streicht ein steifer Wind, noch will die Luft nicht richtig nach Frühling riechen. Doch plötzlich blitzen Farben auf in den Feldern hinter den Bäumen. Und auf einmal ist der Besucher mittendrin, im Reich der Frühlingskönigin. Willkommen in Südholland, der Heimat der modernen Tulpe. Auf flachen Feldern hinter Schutzdämmen, die das Meerwasser fernhalten, züchten Tulpenunternehmer hier jedes Jahr mehr als 4 Milliarden Blumenzwiebeln, welche sie in der ganzen Welt verkaufen. Sie allein bewirtschaften hier 10 000 Hektare, eine Fläche so gross wie die Landwirtschaftsfläche des ganzen Kantons Zug, 4 Prozent der Wirtschaftsleistung der Niederlande stammen aus dem Blumengeschäft.

Ein eigenes Schloss für die Tulpe

Kein Wunder, hat die Zwiebelblume in Südholland sogar ein eigenes Schloss: Der Keukenhof, knappe 30 Autominuten südlich von Amsterdam, widmet sich ganz den Zwiebelblumen Tulpen, Krokussen, Narzissen und Hyazinthen. Jahr für Jahr pflanzen Gärtner in wochenlanger Handarbeit 7 Millionen Blumenzwiebeln an im früheren Schlossgarten von Herzogin Jacqueline von Bayern. Seit 1949 erweist die holländische Blumenindustrie der Tulpe jeden Frühling die Ehre. Sie stellt hier ihre 1600 Züchtungen zur Schau: von der Narzisse namens «Goldene Morgenröte» über die Tulpe «Willem van Oranje» bis zur «Red Springgreen».

Vor wenigen Tagen hat der grösste Blumengarten Europas seine Tore geöffnet, und bis am 17. Mai wird er knapp eine Million Besucher mit einer unglaublichen Fülle an Farben und Düften empfangen. Jetzt, Anfang Saison, stehen die Krokusse bereits in voller Blüte. Sie tragen klangvolle Namen wie «Gedenken», «Herzensfreude» oder «Jeanne d’Arc», und sie leuchten in allen möglichen Schattierungen. Die Tulpen hingegen spriessen noch und beweisen eindrücklich die Macht, mit der ihre Triebe die verkrustete Erde durchbrechen, um ans Licht und zur Blüte zu gelangen.

Flitterwochenfotos mit «Affäre»

Die Kraft des Frühlings erfüllt auch Ella und Henry. Die beiden 27-Jährigen aus Bali sind auf ihrer Hochzeitsreise in den Keukenhof gekommen und fotografieren einander nun in einer Halle, wo Tausende Tulpensträusse einen Vorgeschmack darauf geben, wie der Garten in voller Blüte aussehen muss. Dass die frisch Verheirateten ausgerechnet vor einer Tulpensorte namens «Affäre» in die Kamera lächeln, entgeht ihnen in der Aufregung. Via Internet habe er von Indonesien aus die Reise in den Keukenhof organisiert, sagt der junge Ehemann. «Die Tulpen sind unglaublich schön», sagt er strahlend. Und erkundigt sich dann beim Schweizer Journalisten, ob man von Zürich aus in den Winter auf dem Titlis-Gletscher reisen könne. Der ist nämlich ihr nächstes Ziel.

Ella und Henry sind nicht untypische Besucher des Keukenhofs: Zahlreiche Touristen aus Asien wollen die grösste Tulpenschau der Welt sehen, viele von ihnen sind unerwartet jung. Die vielen Reisecars auf dem riesigen Parkfeld vor dem Schloss hatten auf eine ältere Besucherschaft schliessen lassen. Doch im Innern des Parks überwiegen Familien und jüngere Gruppen. Auf Schaukeln etwa vergnügen sich sechs Studentinnen und Studenten aus Singapur, die von London hergefahren sind. «Wir wollten endlich den Frühling sehen», sagt einer.

Verlängerter Winterschlaf

Während sich der Frühling im Keukenhof schon von seiner prächtigen Seite zeigt, sind die meisten Felder in der Umgebung noch grün. Bereits lässt sich aber erahnen, welche Farbenfreude hier in der Hauptblütezeit im April herrscht auch wenn inzwischen ein grosser Teil der Zucht in Gewächshäusern stattfindet. Ein Teil der Zwiebeln etwa wird früh gepflanzt, dann in Kühllagern in einem künstlichen Winterschlaf gehalten, damit sie schon im Januar blühen. In den Sommer hinein lässt sich der Frühling nur bedingt strecken. Während im Frühling die Tulpe unangefochten die Königin der Blumen ist, haben die Konsumenten ab Mai genug von ihr und verlangen Sommerblüten.

Bestäuben von Hand

Den Tulpenzüchtern geht die Arbeit aber auch so nicht aus. Allein die Züchtung stellt einen riesigen Aufwand dar. Von Hand bestäubt der Züchter eine Tulpe mit dem Blütenstaub einer anderen Tulpe, die er einkreuzen will. Im zweiten Frühling entstehen daraus die ersten kleinen Zwiebeln, die nach fünf Jahren erste kleine Blüten tragen. 15 bis 25 Jahre dauert es, bis ein Züchter auf diese Weise eine neue Sorte auf den Markt bringen kann. Die Holländer haben damit schon mehr als 500 Jahre Erfahrung.

Dabei stammt die Blume ursprünglich aus den bergigen Gebieten im Iran, in Afghanistan und in der Türkei der Name «Tulpe» ist von einem persischen Wort für Turban abgeleitet. Der Sultan liess im 16. Jahrhundert Tulpen in seinen Gärten in Istanbul pflanzen. Ein österreichischer Diplomat brachte eine der wertvollen Zwiebeln nach Wien, wo sie der Botaniker Charles de l’Ecluse anbaute. Als er 1593 Professor an der Universität Leiden wurde, soll er seine Zwiebeln in die Niederlande gebracht haben, wo sie buchstäblich auf fruchtbaren Boden fielen. Inzwischen stammen rund 85 Prozent der weltweit gehandelten Tulpenzwiebeln aus dem Reich der Frühlingskönigin.

Tulpen, Krokusse, Narzissen und Hyazinthen: (Bild: Epa)

Tulpen, Krokusse, Narzissen und Hyazinthen: (Bild: Epa)

Die Blumen im Schloss Keukenhof ziehen Abertausende Besucher an. (Bild: Epa)

Die Blumen im Schloss Keukenhof ziehen Abertausende Besucher an. (Bild: Epa)