Analyse

Niemand will Krieg - und trotzdem könnte er kommen: Auch Israel droht Iran jetzt mit «gewaltigem Gegenschlag»

Nach den Vergeltungsangriffen des Iran auf amerikanische Militärstützpunkte im Irak droht die Situation ausser Kontrolle zu geraten. 

Michael Wrase
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Nahost-Korrespondent Michael Wrase.

Nahost-Korrespondent Michael Wrase.

Als Vergeltung für die Ermordung des iranischen Generals Qasem Soleimani hat Iran in der Nacht bis zu 40 ballistische Raketen auf zwei Militärstützpunkte im Zentralirak sowie im irakischen Kurdistan abgefeuert. Bei den Vergeltungsangriffen soll es keine Todesopfer gegeben haben. Mit den Attacken, die nach den Racheschwüren der iranischen Führung unvermeidlich gewesen seien, habe die Islamische Republik ihr Gesicht wahren wollen, betonen von dieser Zeitung kontaktierte westliche Diplomaten in Teheran. Sie halten es sogar für möglich, dass die Amerikaner vor den Angriffen eine Warnung erhielten. Das würde erklären, warum es bei den Lenkwaffenangriffen keine Opfer gab.

Auch in den USA charakterisieren Beobachter die iranischen Vergeltungsattacken als «sorgsam dosierte Antwort». Wohl deshalb hat sich US-Präsident Donald Trump auch entschlossen, erst einmal auszuschlafen, bevor er am Mittwochmorgen (US-Zeit) vor die Kameras tritt. Wären bei den Angriffen zahlreiche US-Soldaten ums Leben gekommen, wären vermutlich sofort amerikanische Ziele, vor allem die Basen, von denen die iranischen Raketen abgefeuert wurden, angegriffen worden. Das Dispositiv dafür steht seit langem bereit.

Israel droht Iran mit «gewaltigem Gegenschlag»

Iran hatte in der Nacht sofortige Gegenattacken auf Israel, dort die Grossstadt Haifa, und Dubai angekündigt, falls Trump jetzt Vergeltungsschläge anordnen sollte. Laut libanesischen Medienberichten ist die Hisbollah entschlossen, solche Angriffe nach einem entsprechenden Befehl aus Teheran durchzuführen. Die Hisbollah verfügt über Tausende von Lenkwaffen. Ihr Einsatz würde unweigerlich schwerste israelische Vergeltungsattacken auslösen, die der jüdische Staat zweifellos bereits vorbereitet hat. Noch-Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat dem Iran einen "gewaltigen Gegenschlag" angedroht, sollte Israel angegriffen werden.  Bei ähnlichen Angriffen waren 2006 Tausende von Zivilisten im Libanon ums Leben gekommen. Auch in Israel starben damals mehr als Hundert Menschen.

Das Emirat Dubai wäre iranischen Vergeltungsschlägen weitgehend schutzlos ausgeliefert. Dort soll im November dieses Jahres die Weltausstellung Expo stattfinden. Ein iranischer Angriff auf den Stadtstaat hätte für die Wirtschaft der Emirate ganz verheerende Folgen.

Trumps schwieriger Entscheid

Iran pokert, wie gewohnt, hoch, scheint seiner Strategie der kalkulierten Eskalation treu zu bleiben. Das Land rechnet offenbar nicht mit amerikanischen Gegenschlägen und hat – auf diversen diplomatischen Kanälen – den USA sicherlich signalisiert, dass es an einer weiteren Eskalation kein Interesse hat.

Mit den Vergeltungsschlägen der zurückliegenden Nacht hat man den vollmundigen Racheversprechen Taten folgen lassen. Das reicht für den Moment. Die Geistlichkeit um Revolutionsführer Ali Khamenei hat ihr Gesicht gewahrt.

Es kommt nun auf den amerikanischen Präsidenten an: Er muss jetzt – im wahrsten Sinne des Wortes - zwischen einem prekären Frieden und einem furchtbaren Krieg im Nahen und Mittleren Osten entscheiden. Bleibt zu hoffen, dass sich die «Tauben» im Weissen Haus gegen die «Hardliner» durchsetzen können – und Trump nicht, wie vor der Ermordung von General Soleimani «aus dem Bauch heraus» entscheidet und die Weisungen seiner Berater ignoriert.