EU
Nigel Farage ein Jahr nach dem Brexit-Entscheid: «Ich kann eigentlich nirgends mehr hingehen»

Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage über die beginnenden Verhandlungen und über Mitleid für Theresa May.

Remo Hess, Brüssel
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Der ehemalige Ukip-Chef Nigel Farage ist EU-Politiker und spätestens seit der Brexit-Abstimmung weit über die Grenzen Grossbritanniens hinaus eine Reizfigur. Key

Der ehemalige Ukip-Chef Nigel Farage ist EU-Politiker und spätestens seit der Brexit-Abstimmung weit über die Grenzen Grossbritanniens hinaus eine Reizfigur. Key

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Nigel Farage, Ihr erklärtes Ziel ist es, die EU zu zerstören. Heute scheint sie jedoch so stark wie nie. Sie haben verloren.

Nigel Farage: Das stimmt nicht. Diese Woche hat eine EU-weite Studie gezeigt, dass nur ein Drittel aller Bürger mit der Arbeit der EU zufrieden ist. Nein, die EU ist nicht in einer starken Position. Sie fühlt sich stark, weil sie eine Schwäche bei der britischen Premierministerin erkennt. Mehr ist es nicht.

Theresa May muss beim EU-Gipfel mit dem Katzentisch vorliebnehmen. Haben Sie Mitleid mit ihr?

Es ist etwas schwierig, mit ihr mitzufühlen, weil sie eine sehr gute Position hatte und mit den Parlamentswahlen ihre Mehrheit verspielt hat. Ich habe kein Mitleid mit ihr, aber umso wichtiger wäre es, dass sie am EU-Gipfel stark auftritt.

Nigel Farage

(53) ist EU-Parlamentarier und ehemaliger Vorsitzender der britischen Unabhängigkeitspartei (Ukip).

Die Schweiz hat mit den bilateralen Abkommen vieles, was Grossbritannien gern auch hätte. Sind Sie neidisch?

Ja, ich bin neidisch. Obwohl die Schweizer Regierung auch Fehler gemacht hat, wie das Schengen-Abkommen zu unterzeichnen. Das war dumm, und ich weiss, dass die Schweizer das irgendwann vielleicht wieder rückgängig machen werden. Doch grundsätzlich ist die unabhängige Rolle in der Welt, wie sie die Schweiz einnimmt, genau das, was ich mir für das Vereinigte Königreich wünsche.

Aber die Schweiz übernimmt gefühlte 95 Prozent aller EU-Gesetze.

Das ist wegen der Politiker. Die möchten gegenüber der EU so gefällig sein wie irgendwie möglich. Ich sehe die Zukunft Grossbritanniens nach dem Brexit so, dass wir so konkurrenzfähig wie möglich sein können.

Bei den UK-Wahlen wurde Ihre Ukip-Partei praktisch ausradiert. Kehren Sie nun wieder an die Parteispitze zurück?

Ich führe eine Fraktion hier im EU-Parlament und begleite den Brexit-Prozess in dieser Funktion. Ich war froh, als ich mich vor einem Jahr aus der englischen Innenpolitik zurückziehen konnte. Aber ich denke darüber nach und wiege meine Optionen ab.

Sie sind eine Reizfigur. Können Sie in London eigentlich noch ein Bier trinken gehen, ohne beleidigt zu werden?

Ich kriege weniger Abneigung zu spüren als Zustimmung. Aber ja, der Brexit hat die Emotionen so angeheizt, dass mein normales Leben ausgesetzt ist. Ich kann eigentlich nirgends mehr hingehen.

Was ist eigentlich mit dieser Geschichte, Sie seien ein Agent von Präsident Trump und die Verbindungsperson zu Julian Assange?

Ach Gott, verschonen Sie mich. Es zeigt nur, wie verzweifelt die Demokraten und die linken Medien sind. Sie kochen die ganze Zeit diese Russland-Geschichten, um Trump zu diskreditieren. Mit General Flynn meinten sie die grosse Kiste zu haben, und er wurde von jeglichem schuldhaften Verhalten freigesprochen. Was mich angeht: Es ist buchstäblich absurd.

Über was haben Sie also bei Ihrem Treffen mit Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London gesprochen?

Das war ein journalistisches Treffen. Ich war dort im Auftrag des Londoner Radiosenders LBC, für den ich arbeite, um ein Interview zu machen. Die einzige Gemeinsamkeit, die ich mit Assange habe, ist, dass wir beide ausgesprochene Kritiker des europäischen Haftbefehls sind.

Wann können wir dieses Interview hören?

Nun, es hat nicht stattgefunden – es war mehr ein Vorgespräch.