Friedensnobelpreis für zwei Einzelkämpfer, die sich gegen sexuelle Gewalt engagieren

Der diesjährige Friedensnobelpreis geht an die jesidische Aktivistin Nadia Murad und den kongolesischen Gynäkologen Denis Mukwege. Das Nobelpreiskomitee hebt deren Engagement gegen sexuelle Gewalt in Konflikten hervor.

Dominik Weingartner
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Der Nobelpreis wird seit 1901 vergeben. (Archivbild: Fernando Vergara/AP)

Der Nobelpreis wird seit 1901 vergeben. (Archivbild: Fernando Vergara/AP)

Die Vergabe des Friedensnobelpreises war auch dieses Jahr mit grosser Spannung erwartet worden. Zuletzt machten viele Namen die Runde. Allen voran der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un schien gute Chancen zu haben. Es wurde gerätselt, ob er den Preis gemeinsam mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In oder mit US-Präsident Donald Trump erhält.

Gekommen ist es anders. Das Nobelpreiskomitee im norwegischen Oslo hat sich für eine Aktivistin und einen Arzt entschieden, die gegen sexualisierte Gewalt in Konflikten kämpfen (siehe Porträts unten): die 25-jährige Jesidin Nadia Murad und den 63-jährigen kongolesischen Arzt Denis Mukwege.

Unter dem Einsatz der persönlichen Sicherheit

In seiner Begründung schreibt das Komitee, dass die beiden den Preis für ihre «Bemühungen, den Einsatz von sexueller Gewalt zu beenden», verdient hätten. «Beide Preisträger leisten einen wesentlichen Beitrag zur Bekämpfung solcher Kriegsverbrechen.» Mukwege und Murad hätten «ihre persönliche Sicherheit gefährdet, indem sie mutig Kriegsverbrechen bekämpft und Gerechtigkeit für die Opfer gesucht haben», heisst es in der Begründung weiter. «Sie haben die Brüdergemeinschaft der Nationen durch die Anwendung der Prinzipien des Völkerrechts gefördert.»

Ein Beweggrund für die Vergabe des Preises in Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt dürfte die #MeToo-Debatte sein, die vor knapp einem Jahr zunächst in Hollywood ausgebrochen ist und bis heute rund um den Globus Wellen schlägt.

Das Nobelpreiskomitee begründet seine Entscheidung aber auch damit, dass es genau zehn Jahre her ist, seit der UNO-Sicherheitsrat festgelegt hat, dass es sich beim Einsatz von sexueller Gewalt in Konflikten um eine «Kriegswaffe» handelt und dieser ein Kriegsverbrechen darstellt. Die Resolution lege fest, dass es sich bei diesen Taten um «gravierende Verletzungen des Völkerrechts» handle, so das Nobelpreiskomitee.

Denis Mukwege: Der unermüdliche Mediziner

Nicht viele Ärzte sind derart oft ausgezeichnet und geehrt worden wie der kongolesische Gynäkologe und Chirurg Denis Mukwege. Dies liegt daran, dass der 63-Jährige seit vielen Jahren nicht nur ein anerkannter Mediziner, sondern auch ein international bekannter Menschenrechtsaktivist ist. Seit langem reist Mukwege durch die Welt, um sich vehement gegen den Einsatz sexueller Gewalt als Mittel der Kriegsführung zu engagieren. Nirgendwo kommt diese Form der Gewalt öfter vor als in seiner ostkongolesischen Heimat. Besonders in Erinnerung geblieben ist dabei jene Rede über die Verbrechen an Frauen und Kindern im Kongo, die er im September 2012 vor der UNO hielt.

Trotz Morddrohungen im Vorfeld hatte Mukwege damals sowohl die Regierung des Kongo als auch die Machthaber im benachbarten Ruanda beschuldigt, für die Massenvergewaltigungen in der Region mitverantwortlich zu sein. Nur einen Monat nach seiner Rückkehr entkam er knapp einem Mordanschlag, als schwerbewaffnete Männer in sein Haus in der Provinzhauptstadt Bukavu eindrangen und einen seiner engsten Mitarbeiter erschossen. Allen Warnungen zum Trotz kehrte der Vater von fünf Kindern nach nur kurzem Exil in Belgien Anfang 2013 in die Kivu-Provinz zurück, um seine Arbeit unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen im von ihm mitgegründeten Panzi-Hospital in Bukavu fortzusetzen. 40000 Mädchen und Frauen operiert Auslöser für sein Engagement war das Elend, das der Sohn eines protestantischen Pastors zunächst auf Reisen mit dem Vater und später auf seiner ersten Arztstelle in Lemera in der Provinz Süd-Kivu sah.

Nach dem Studium der Gynäkologie und einer Ausbildung zum Geburtshelfer in Frankreich praktizierte Mukwege seit den frühen 1990er-Jahren in einer Region, die inmitten heftiger Kriegshandlungen lag, ausgelöst durch den Völkermord in Ruanda und dem Sturz des langjährigen kongolesischen Diktators Mobutu Sese Seko. Immer wieder benutzten dabei sowohl Rebellengruppen wie Soldaten der Armee Vergewaltigungen und Verstümmelung von Frauen als Kriegswaffe. Nach der Zerstörung des Hospitals in Lemera war Mukwege 1996 nach Bukavu geflohen, wo er und seine Mitarbeiter zwischen 1998 und 2013 in dem mit internationaler Hilfe errichteten Panzi-Hospital rund 40 000 vergewaltigte Frauen und Mädchen operierten. In der Region herrscht seit Jahren Bürgerkrieg. «Wir müssen diesen Krieg beenden», forderte Mukwege einmal.

Ein frommer Wunsch: Dutzende von bewaffneten Milizen kämpfen vor allem um Rohstoffe wie etwa das beim Bau von Handys benötigte Coltan, plündern Dörfer und vergewaltigen Frauen und Kinder. Die Zivilbevölkerung ist dem grausamen Treiben hilflos ausgeliefert, weil es im Ostkongo keinen Rechtsstaat gibt und Straflosigkeit deshalb die Regel ist. Nach Angaben von Mitarbeitern westlicher Hilfsorganisationen ist gerade die sexuelle Gewalt in allem Varianten seit langem alltäglich in der Region, darunter auch Zwangsverheiratungen sowie Vergewaltigungen von Minderjährigen durch Verwandte. (wdk)

Nadia Murad: Vom Opfer zur Aktivistin

Im August 2014 brach die Apokalypse über die Jesiden im Irak herein. Horden von Kriegern der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) fielen in ihre Wohngebiete ein. Am schlimmsten traf es das Örtchen Kocho im Sinjar-Tal, aus dem Nadia Murad stammt. Männer und ältere Frauen wurden massakriert, sechs Massengräber fanden die kurdischen und irakischen Befreier drei Jahre später.

Die jungen Frauen verschleppten die Dschihadisten nach Mossul, verkauften sie auf Sklavenmärkten und zwangen sie zum Übertritt in den Islam. Nadia Murad landete in den Fängen eines Mannes, der sich Hadsch Salman nannte. Drei Monate lang wurde die junge Jesidin von ihm vergewaltigt, ausgepeitscht und gefoltert, bis ihr eine muslimische Familie helfen konnte, dieser Hölle auf Erden zu entfliehen. 2015 kam Nadia Murad nach Baden-Württemberg, welches ein Programm für traumatisierte jesidische Frauen eingerichtet hatte. Bald machte sich die heute 25-Jährige zur Aufgabe, offen über das Erlittene und das Los ihrer Leidensgenossinnen zu sprechen.

Rund um den Globus wurde sie zur Zeugin für den Völkermord an den Jesiden und der Kriegsqualen – besonders der Frauen. 2016 ernannten die Vereinten Nationen die ehemalige IS-Gefangene zur Sonderbotschafterin für Opfer des Menschenhandels. Er sei von dem Schicksal der jungen Frau zu Tränen gerührt gewesen, bekannte der damalige UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon. Vertriebenes Volk Ihr bisheriges Leben hat Nadia Murad aufgeschrieben in dem Buch «Ich bin eure Stimme: Das Mädchen, das dem ‹Islamischen Staat› entkam und gegen Gewalt und Versklavung kämpft». Ihre Mutter und sechs Brüder überlebten den IS-Terror nicht.

Vor dem Wüten der Terrormiliz lebten 550000 Jesiden im Irak. 100000 sind inzwischen ausgewandert. 360000 harren nach wie vor in Lagern rund um die nordirakische Stadt Dohuk aus, weil sie sich nicht in ihre jahrhundertealte Heimat zurücktrauen. Auch Nadia Murad beliess es nach der Befreiung ihres Dorfes Kocho bei einem kurzen Besuch. «Unser Haus war geplündert worden, man hatte sogar das Holz vom Dach gerissen, und alles, was wir zurückgelassen hatten, war verbrannt», schrieb sie in ihrem Buch. «Wir weinten so sehr, dass uns fast die Beine versagten.» Trotz all der Zerstörung habe sie in dem Augenblick, als sie über die Türschwelle trat, das Gefühl gehabt, wieder zu Hause zu sein. Insgesamt wurden 6400 Jesiden vom IS entführt.

3200 konnten entkommen oder freigekauft werden, die anderen 3200, darunter 1700 Frauen und Mädchen, werden vermisst oder sind immer noch in der Gewalt der Gotteskrieger. «Der IS will die organisierte Zerstörung des jesidischen Volkes», sagte Nadia Murad. Die Flüchtlinge versuchten, mit ihren seelischen und körperlichen Verletzungen zurechtzukommen und «unsere Kultur und Religion lebendig zu erhalten». Sie sei stolz darauf, was ihre Landsleute geleistet hätten, um sich zur Wehr zu setzen. «Ich war schon immer stolz, eine Jesidin zu sein.» (mgt) 


Die letzten fünf Friedensnobelpreise

2017: Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen für ihr Engagement für eine nuklearwaffenfreie Welt.

2016: Juan Manuel Santos, damaliger Präsident Kolumbiens, für den Friedensprozess im Bürgerkrieg in seiner Heimat.

2015: Quartet du dialogue national für den Beitrag zum Aufbau einer Demokratie in Tunesien nach der Jasminrevolution.

2014: Kailash Satyarthi und Malala Yousafzai für ihren Kampf gegen die Unterdrückung von Kindern und Jugendlichen.

2013: Organisation für das Verbot chemischer Waffen für ihr Engagement zur Beseitigung von chemischen Kampfstoffen. (dlw)