Reisereportage
Noch 107 Umrundungen fehlen bis zum Nirwana

Wer den heiligen Berg Kailash, der für vier Religionen das grösste Heiligtum ist, 108 Mal auf dem 52 Kilometer langen Weg umrundet, erwartet die Reinigung von sämtlichen Sünden. Doch eigentlich ist schon eine Umrundung eine Herausforderung.

Romy Müller
Merken
Drucken
Teilen
Umrundung des heiligen Berges Kailash in Tibet

Umrundung des heiligen Berges Kailash in Tibet

Limmattaler Zeitung

Nachdem wir die Einreise nach Tibet geschafft haben, nehmen wir die nächste grosse Herausforderung in Angriff: die Umrundung des heiligen Berges Kailash. Auf dem windgepeitschten, kargen Hochland im Westen Tibets erhebt sich dieser Berg in der Zone des ewigen Eises bis auf 6714 Meter über Meer. Er ist für vier Religionen das grösste Heiligtum. Wer den Berg auf dem 52 Kilometer langen Weg 108 Mal umrundet hat, dem winkt die Reinigung von sämtlichen begangenen Sünden – und somit der unmittelbare Eintritt ins Nirwana (dem Ende aller Wiedergeburten). Uns würde eigentlich eine Umrundung zur Glückseligkeit ausreichen, doch ob wir das schaffen? Immerhin geht es über einen Pass von 5636 Metern.

Serie

Romy Müller und Miro Slezak aus Urdorf reisen in den nächsten Monaten mit einem VW-Bus auf der Seidenstrasse nach Tibet. In loser Folge berichten sie von ihren Erlebnissen.

Eiskalter Wind peitscht ins Gesicht, das Atmen wird schwerer

Darchen, ein kleines Nest auf knapp 4600 Metern über Meer, ist der Ausgangspunkt zur dreitägigen Umrundung. Der erste Tag empfängt uns mit tief hängenden Wolken und Nieselregen. Vom Kailash ist nichts zu sehen. Später verschlechtert sich das Wetter zusehends, Regen und Hagel wechseln sich mit leichtem Schneefall ab. Dazu peitscht uns ein eiskalter Wind ins Gesicht.

Nach ein paar Stunden bin ich bis auf die Haut durchnässt. Inzwischen nähern wir uns der 5000-Meter-Grenze. Das Atmen fällt zusehends schwerer. Bei jedem Anstieg keuche ich wie eine alte Dampflokomotive, meine Lunge schmerzt. Einmal mehr frage ich mich: «Warum tue ich mir das an?» Irgendeine masochistische Ader muss in mir stecken. Mir wird klar, dass es fraglich ist, ob ich unter solchen Umständen den für morgen geplanten Bergübergang schaffen werde.

Zu Fuss kommt man dem Nirwana ein Stück näher

Nach knappen sieben Stunden ist die erste Etappe bewältigt. Wir schlafen zu sechst ein einem 20 Quadratmeter grossen, schimmligen Raum eines Gasthauses des Klosters. Heizung gibt es keine. In der weitgehend schlaflosen Nacht beschliesse ich, für die nächste Etappe – die Überquerung des Passes – ein Pferd zu mieten. Miro will auf jeden Fall die ganze Umrundung zu Fuss machen. Dadurch kommt er dem Nirwana natürlich ein Stück näher als ich. Da ich jedoch in meinem Leben nicht so viel gesündigt habe, werden wir trotzdem gleichzeitig im Nirwana ankommen.

Noch zwei weitere Frauen unserer Gruppe nehmen sich ein Pferd. Die «Fussgänger» gehen schon vor, während unsere Pferdeführer die Tiere satteln. Sehr bequem ist es auf dem harten Sattel für eine ungeübte Reiterin nicht, doch immer noch viel besser als die ungeheure Quälerei zu Fuss. Auch heute ist das Wetter vorwiegend grau, doch zum Glück gibt es keine Niederschläge. Während des Gehens verfällt mein Führer immer wieder in einen monotonen «Sing-Sang». Auch er muss – je näher wir der Passgrenze kommen – mehr Pausen einlegen. Selbst das Pferd will manchmal nicht mehr weitergehen.

Erfurcht gegenüber der Ausstrahlung

Nach rund drei Stunden haben wir den mit Tausenden von Gebetsfahnen geschmückten und mit leichtem Schnee bedeckten Pass erreicht. Die Tibeter werfen sich immer wieder zu Boden und beten inbrünstig. Auch wenn ich für religiöse Dinge weniger zugänglich bin als die Einheimischen, kann ich mich einer gewissen Ehrfurcht gegenüber der Ausstrahlung dieses Ortes nicht entziehen.

Wir warten auf den Rest der Gruppe. Miro erreicht als Zweiter – leicht schwankend und sehr blass – das Ziel. Alle sind völlig am Ende ihrer Kräfte. Eine der beiden Frauen, die den Aufstieg zu Fuss gemacht haben, heult hemmungslos und kann sich kaum noch beruhigen. Der Abstieg ist so steil, dass wir ihn alle zu Fuss bewältigen müssen. Auf den Pferden wäre es zu gefährlich, denn sie können in dem steinigen Gelände stolpern. In Abständen von einigen Kilometern hat es Zelte, in denen den Pilgern Buttertee und geröstetes Gerstenmehl mit heissem Wasser angeboten wird.

Alles schmeckt hervorragend

Der dritte Tag ist nur noch eine kurze Etappe von 13 Kilometern, und es geht fast ständig bergab. Endlich haben wir schönes Wetter und können den Ausblick auf den mystischen Berg Kailash geniessen. Um eine Erfahrung reicher, kommen wir am frühen Mittag zum Ausgangspunkt zurück. Ob wir dem Nirwana näher gekommen sind, ist fraglich, denn sofort machen sich wieder menschliche Gelüste bemerkbar. Wir stürzen uns ins nächste Restaurant und bestellen die ganze – nicht sehr umfangreiche – Karte durch. Alles schmeckt hervorragend, nachdem wir uns in den letzten drei Tagen nur von Nudelsuppe und trockenem Reis ernährt haben.