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Nord Stream 2: Der Ärger liegt auf dem Meeresgrund

Russland will noch mehr Gas nach Europa liefern und baut eine weitere Ostsee-Pipeline. Deutschland unterstützt das Projekt – und isoliert sich damit politisch von Europa. Die Abhängigkeit von Moskau sei gefährlich, heisst es.
Christoph Reichmuth, Lubmin
Durch dieses Rohr nahe der Küste von Lubmin soll bereits Ende dieses Jahres russisches Gas nach Europa strömen. (Sean Gallup/Getty, 16. August 2018)

Durch dieses Rohr nahe der Küste von Lubmin soll bereits Ende dieses Jahres russisches Gas nach Europa strömen. (Sean Gallup/Getty, 16. August 2018)

Die Ostsee ist rau an diesem Dienstag, ein kühler Wind weht einem ins Gesicht hier im hohen Norden von Deutschland. Am Rande des verschlafenen 2000-Seelen-Ortes Lubmin in Mecklenburg-­Vorpommern stehen Bagger auf dem dünenhaften Untergrund, mit Beton umhüllte Rohre führen über das Gelände, kleine Baracken sind in die unwirtliche Landschaft gepflanzt, behelmte Männer mit gelben Westen laufen geschäftig durch die Gegend, es lärmt von den Baumaschinen. Im Hintergrund schraubt sich überdimensioniert ein Gebäude in die Höhe, grau, hässlich und aus der Zeit gefallen. Es ist ein 1990 stillgelegtes Atomkraftwerk der DDR.

Um diese Baustelle hat sich ein gewaltiges Politikum entwickelt. Durch die Rohre an der Küste von Lubmin soll bereits Ende dieses Jahres russisches Gas von der Küste bei St. Petersburg in den Norden Deutschlands und von dort aus nach Europa strömen – auch in die Schweiz. 55 Milliarden Kubikmeter zusätzliches russisches Gas pro Jahr, das verspricht die neue, 1200 Kilometer lange und auf dem Meeresboden verlegte Pipeline zu liefern. 800 Kilometer sind schon gebaut. Eine Verdoppelung der bisherigen Menge an Gas, die schon durch Nord Stream 1 nach Europa fliesst. Nord Stream 2 nennt sich das Projekt des russischen Gasmonopolisten Gazprom, mitfinanziert ist das etwa 8 Milliarden-Euro- Bauwerk von fünf westeuropäischen Gasunternehmen. Das Projekt hat einen ganz konkreten Schweiz-Bezug: Der Projektentwickler, die Nord Stream 2 AG, hat ihren Hauptsitz in Zug.

Breiter Widerstand gegen das Projekt

Jens Müller ist an diesem Dienstag extra aus der Innerschweiz an die Ostseeküste gereist, etwa 50 Medienvertreter aus 13 Ländern sind zum Medientermin in den Norden gekommen, Müller will sie heute über das Projekt informieren. Der 56-Jährige ist Pressesprecher der Nord Stream 2 AG, er informiert ruhig und beantwortet geduldig sämtliche Fragen. Es ist deutlich, er will das Bild gerade rücken, das Image, das dem Projekt anhaftet, korrigieren, wenigstens die Debatte darüber versachlichen. Denn die russische Gaspipeline ist hoch umstritten. Vor allem Polen, die Ukraine und die baltischen Staaten üben Kritik an dem von der deutschen Regierung unterstützten Projekt. Auch die EU ist der Ansicht, dass Nord Stream 2 nicht im Interesse Europas sei, da Russland noch mehr Einfluss auf dem europäischen Energiemarkt gewinne. Und US-Präsident Donald Trump fordert Deutschland ganz offen dazu auf, das Nord-Stream-2-Projekt zu stoppen; das Weisse Haus droht unverblümt mit Sanktionen gegen deutsche Firmen.

Freilich, auf Widerstand stösst das Projekt in Polen und im Baltikum aus anderen Gründen als in den USA. Trump will den Europäern vor allem das US-amerikanische Flüssiggas verkaufen und den russischen Einfluss auf dem alten Kontinent zurückdrängen. Noch mehr russisches Gas in Europa würde diese Pläne durchkreuzen. Die Osteuropäer ihrerseits fürchten sich vor Rückkehr in alte Zeiten, als in Moskau auch über die Belange in Warschau und Bratislava entschieden worden war. Und die Ukraine hat konkrete Befürchtungen, dass die neue Gaspipeline vor allem dazu da sein wird, die bestehende russische Pipeline durch die Ukraine obsolet zu machen. Das wäre für das noch immer in einen Konflikt mit Russland verwickelte Land ein finanzielles Desaster, wenn die so wichtigen Transitgebühren künftig ausbleiben. Jens Müller weiss natürlich, dass Nord Stream 2 nicht nur ein wirtschaftliches Projekt ist, sondern ein hochpolitisches: «Es ist das Wesen des Wettbewerbs, dass der eine, wenn er besser ist als der andere, mehr verdient als der andere. Das ist im Gasmarkt nicht anders», sagt er etwas verklausuliert und spricht damit die Ukraine an, die ihre Pipelineinfrastruktur eben in Schuss halten müsse, um mit der neuen Gaspipeline zu konkurrieren.

Schwächung Europas um jeden Preis

Nord Stream 2 sei gar nicht in der Lage, jene Menge an Gas zu befördern, die heute durch die Ukraine fliesst, beschwichtigt Müller. Ohnehin, der Gasbedarf werde steigen, nachdem etwa Deutschland den Kohle- und Atomausstieg beschlossen hat:

«Nord Stream 2 kann die Pipeline durch die Ukraine nicht ersetzen.»

Der gebürtige Mecklenburger räumt aber auch ein: Auswirkung der Diversifikation von Gastransportkanälen sei es auch, «den Anteil des aus der Ukraine transportierten Gases zu reduzieren». Laut Müller erhöhen mehr Transportwege für das Gas die Versorgungssicherheit in Europa.

Der Westen sieht das anders. Man will Europa den russischen Machtspielen nicht aussetzen und eine Schwächung der Ukraine verhindern. Müller nervt diese Argumentation: «Wenn man uns unterstellt, wir würden der Ukraine schaden, müsste man das bei jeder anderen neuen Pipeline, die gebaut wird und die nicht durch die Ukraine führt, genauso darstellen. Wie übrigens ja auch bei dem Flüssiggas aus den USA, das die Ukraine-Leitung genauso konkurrenziert.»

Der studierte Politologe mahnt zur Versachlichung. Ein Szenario, wonach Moskau der Ukraine bei politischen Verwerfungen den Gashahn zudrehen werde, sei pure Angstmacherei und entbehre jeglicher Grundlage: «Das suggeriert, die Menschen in der Ukraine müssten frieren, wenn es Moskau so entscheidet. Das ist falsch. Die Ukraine wird für den Eigenbedarf seit 2015 ohnehin komplett vom Westen mit Gas versorgt.»

Aussenpolitisch betrachtet ist Nord Stream 2 für Deutschland ein Scherbenhaufen. Davon ist der Russland-Experte Jörg Himmelreich überzeugt. Beteuerungen russischer Seite, mit dem Projekt die Ukraine nicht isolieren zu wollen, seien leere Versprechungen, ist der 59-Jährige überzeugt. «Russland will mit Nord Stream 2 das Territorium der Ukraine umgehen.» Die Ukraine soll derart geschwächt werden, dass das Land hilflos in das Einflussgebiet des Kreml falle. Die mit dem Projekt steigende Abhängigkeit von russischem Gas sei für Europa insgesamt gefährlich, sagt Himmelreich, der einst im Auswärtigen Amt in Berlin amtete.

Himmelreich kritisiert die Politik der Bundesregierung scharf. Europa habe sich darauf geeinigt, sich künftig bei der Gasversorgung von allzu starkem russischen Einfluss zu lösen, Berlin hingegen torpediere mit Nord Stream 2 diese Politik, da sich Deutschland als wichtigster Gasimporteur für Europa den russischen Machtspielen ausliefere.

«Berlin hat sich starrköpfig in eine Sackgasse befördert und versucht abermals, einen eigenen Weg zu Lasten Europas durchzusetzen, nun in der Energiepolitik. Gegen die überwältigende Mehrheit in der EU verfolgt Berlin in dieser Frage die Strategie eines ‹Germany first›.»

In dem die Bundes­regierung das für den russischen Präsidenten Wladimir Putin so wichtige und prestigeträchtige Projekt mittrage, unterstütze diese auch indirekt die «von Revisionismus geprägte Politik des Kreml-Herrschers und sein korruptes Regime der Geheimdienste», meint Himmelreich und fügt hinzu: «Putin sinnt gegenüber dem Westen noch immer auf eine Machtkorrektur in Europa für die vermeintlichen Demütigungen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.»

Den habe der Westen nach Putins Ansicht schamlos ausgenutzt, so habe das westliche Militärbündnis durch die Nato-Ost-Erweiterung ihr Versprechen gegenüber dem Kreml gebrochen. Putin verfolge eine Schwächung Europas um jeden Preis. Eine zu starke Konzentration in der Energiepolitik sei daher gefährlich, mahnt Himmelreich. Dass sich der Projektentwickler Nord Stream 2 ausgerechnet die Schweiz für den Hauptsitz ausgesucht hat, verwundert Himmelreich nicht. «Russische Oligarchen nehmen gerne die sicheren und steuerlich interessanten Anlagemöglichkeiten in der Schweiz wahr.»

Grosses Interesse aus aller Welt

In Lubmin arbeiten 40 Mitarbeiter mit Hochdruck daran, dass das russische Gas Ende Jahr an der Ostseeküste durch die Rohre strömt. Ein Arbeiter wundert sich über das so rege Medieninteresse aus aller Welt. Die politischen Hintergründe blende er aus, sagt er: «Aber es ist schon ungewöhnlich, wenn deine Baustelle permanent in den Medien ist.» Die wohl wichtigste Arbeit wird derzeit allerdings auf dem offenen Meer verrichtet, wo gigantische Verlegungsschiffe die Pipeline in die Tiefe setzen. Jens Müller wird bis dahin noch viele Male in seine alte Heimat reisen, um Besuchergruppen und Journalisten über die Baustelle zu führen. Er wird dann wieder geduldig alle Fragen beantworten – in der Hoffnung, die Angst vor dem russischen Gas zerstreuen zu können. Nur eine Frage lässt er offen. Ob Wladimir Putin bei der Eröffnungszeremonie in Lubmin dabei sein werde. Müller lacht: «Darüber reden wir später.»

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